Rekord in Berlin

Studentin fährt alle S-Bahnstationen in 15 Stunden ab

Eine niederländische Mathematik-Studentin fährt die 166 Haltestellen der Berliner S-Bahn ab – in Rekordzeit. Was nach einer verrückten Kneipenwette klingt, ist eine echte fachliche Herausforderung.

Foto: University of Twente

Rund 16 Minuten – so lange ist im Durchschnitt ein Reisender mit der Berliner S-Bahn pro Fahrt unterwegs. Der Niederländerin Loes Knoben war das offenbar nicht lang genug. Die 23-jährige Studentin fuhr in exakt 15 Stunden und vier Minuten alle 166 S-Bahnhöfe ab – und will damit einen neuen Rekord aufgestellt haben. Die bisherige Bestzeit sei um eine Stunde und 57 Minuten unterboten worden, heißt es in einer Mitteilung der Universität Twente.

Was zunächst nach einer verrückten Kneipenwette klingt, war für Loes Knoben eine echte fachliche Herausforderung. Die 23-Jährige studiert im niederländischen Enschede Mathematik.

Bei ihrem viermonatigen Praktikum am Berliner Zuse Institut lernte sie nicht nur das hiesige S-Bahn-System, sondern auch den bisherigen Rekordhalter beim Stationen-Hopping, den Studenten David Kretz, kennen.

„Es war dann meine Aufgabe am Institut, ein Programm zu entwickeln, das es möglich macht, noch schneller als bisher zu sein“, sagte Loes Knoben der Berliner Morgenpost.

Startpunkt an der Station Strausberg Nord

Doch die 23-Jährige wollte es bei der Theorie allein nicht belassen. Mit dem von ihr errechneten Routenplan im Gepäck stieg sie am 10. Januar mit drei Begleitern in Strausberg Nord in einen der gelb-roten Züge und machte sich auf den Weg durch die Stadt. An jeder Station, die sie erreichte, wurde zum Beweis ein Foto geschossen. Nachts gegen 1 Uhr kam sie schließlich – müde, aber glücklich – in Erkner an. Ihr Rekordversuch war geglückt, trotz widriger Umstände.

Denn ausgerechnet am Tag des Praxistests zog das Sturmtief „Felix“ über Berlin hinweg. Das sorgte auch bei der S-Bahn für einige Turbulenzen. Weil etwa Bäume auf den Gleisen lagen, kam es zu Zugausfällen und Verspätungen. Die Probleme bekam schließlich auch Loes Knoben zu spüren. Die ersten sieben Stunden ihrer Reise durch Berlin konnte sie noch exakt nach dem vorab errechneten Schema absolvieren. „Am Bahnhof Ostkreuz waren wir sogar zehn Minuten früher als erwartet − weil wir hin und wieder Züge bekommen haben, die wir laut Plan eigentlich nicht hätten erreichen können“, erinnert sie sich.

Doch dann zog der Sturm auf und es musste improvisiert werden. „Es war teilweise schwer, überhaupt herauszubekommen, welche Züge fahren und welche nicht“, so Loes Knoben. Eine Erfahrung, die viele S-Bahnnutzer in Berlin auch im Alltag machen müssen. Am Ende kosteten die Fahrplanabweichungen fast zwei Stunden. Eigentlich, so hatte die Mathe-Studentin mit ihrem Programm berechnet, könnte man alle 166 S-Bahnstationen in Berlin sogar in 13 Stunden und 24 Minuten abfahren. Auf welchem Wege genau, wollte sie nicht verraten, denn dann könnte ihr jemand den Rekord wieder abjagen, für den sie einen Eintrag im „Guinnessbuch“ beantragt hat.

Dort findet sich übrigens bereits ein anderer Rekord aus Berlin. Denn erst im vergangenen Jahr hatte es einen Wettlauf gegeben, wer am schnellsten die U-Bahnhöfe der Stadt abfährt. Den hatte im Oktober der Brite Adam Fisher zunächst für sich beansprucht, der in T-Shirt, Turnschuhen und blauen Shortsdurch den Berliner Untergrund stürmte. Acht Stunden und knapp drei Minuten benötigte er damals, um alle 173 U-Bahnhöfe der Stadt zu erreichen. Doch dann stellte sich heraus: Bereits im Mai waren zwei Teams aus Deutschland gegeneinander angetreten. Auch diese Rekordjäger verließen sich nicht auf Streckenkenntnis und Intuition, sondern ließen sich die optimale Route vom Computer errechnen. Startpunkt für ihren Rekordversuch damals war der U-Bahnhof Rudow, Endstation schließlich in Hönow.

Neuer Rekordversuch wird im Sommer stattfinden

Die Mannschaft um den Frankfurter Stadtplaner Michael Wurm benötigte am 2. Mai 2014 für ihre Fahrt durch Berlin nur 7 Stunden, 33 Minuten und 15 Sekunden. Diese Zeit ist als „The fastest time to travel to all the Berlin U-Bahn metro stations“ nun auch ganz offiziell im „Guinnessbuch“ eingetragen. Loes Knoben ist inzwischen wieder in ihrer niederländischen Heimat zurück. An der Universität Twente in Enschede (www.utwente.de), gleich hinter der deutsch-holländischen Grenze, studiert sie im zweiten Studienjahr „Angewandte Mathematik“.

Ideen, wie die ein Programm zu schreiben, um S-Bahnhöfe schnellstmöglich abzufahren, sind dort nichts Außergewöhnliches. „Das ist ein besonderes Charakteristikum der Uni – sie versucht Theorie stets eng mit der Praxis zu verzahnen“, sagt Sprecher Alf Buddenberg. Das würde auch viele Studenten aus Deutschland anziehen. Die Uni Twente bietet 20 Bachelor- und 32 Masterstudiengänge an.

An ihre Zeit in Berlin denkt Loes Koben nicht nur wegen ihrer rekordverdächtigen S-Bahnfahrt gern zurück. „Es ist eine tolle Stadt zum Leben, man kann immer etwas unternehmen“, sagt sie. Von ihrem Wohnort in Mitte aus sei sie jeden Tag 13 Kilometer zur Praktikumsstelle geradelt. „Ungewohnt für mich war es, auf Straßen zu fahren, an denen Radwege fehlen. Teilweise wurde es ganz schön eng mit den Autos“, erinnert sie sich. Nach Berlin will sie dennoch schon bald zurückkehren, für einen neuerlichen Rekordversuch im S-Bahnnetz – dann möglichst ohne ein Sturmtief. „Im Sommer würde ich es gern noch einmal versuchen“, sagt sie.