Als die Körperwelten-Ausstellung im Jahr 2001 zum ersten Mal in Berlin im Postbahnhof zu sehen war, hatte sich Holm Gärtner bereits als Körperspender registrieren lassen. Er habe eine Menge Formulare für das Institut für Plastination in Heidelberg ausfüllen müssen, erzählt er.
Aber sonst sei es wie bei jeder Anmeldung für eine Mitgliedschaft gewesen. Bis auf ein paar spezielle Fragen. „Würden Sie sich beim Liebesakt darstellen lassen?“, hieß es in einem Fragebogen. „Warum nicht?“, sagt der 62-Jährige. Er wolle keine Einschränkungen machen. „Sollen sie mich doch kunstvoll zerlegen, wir sprechen schließlich über die Situation nach dem Leben.“ Das gehe ihn nichts mehr an.
Holm Gärtner sitzt im Foyer des neuen „Menschen Museums“, das die Körperwelten-Macher Gunther von Hagens und Angelina Whalley am Mittwoch am Fernsehturms eröffnet haben. Mehr als 600 Besucher kamen am ersten Tag, am Donnerstag bildet sich ab Mittag eine Schlange, lautstarke Proteste von Kritikern blieben aus. Am zweiten Tag ist es es zunächst ruhig am Morgen.
Aber gegen Mittag bilden sich bereits Schlangen an den Kassen und vor den Plastinaten wird der Platz knapp 220 Exponate sind zu sehen, die dem Besucher einen Blick in sein Inneres erlauben. Wie funktioniert ein Kniegelenk? Wie sehen die Herzkranzgefäße eigentlich aus? Muskeln, Sehnen, Därme, Gehirn – die anatomischen Exponate fügen sich in der Ausstellung mit übergreifenden Themen wie Ernährung und Bewegung zu einem Ganzen zusammen. Am Ende des Rundgangs haben die Besucher zumindest eine Ahnung davon, wie der Mensch funktioniert.
Kritik von Kirche und Bezirk am Menschen-Museum
Sicherlich ist es auch diese Faszination, die Holm Gärtner dazu gebracht hat, sich als Körperspender zu melden. Er spricht leicht über den Tod. „Wenn man viel über den Tod redet, dann wartet er noch lange“, ist seine Devise. Und deshalb hat sich der ehemalige Schauspieler auch schon ganz pragmatische Gedanken über sein Ende gemacht. Da sind seine Kinder, die keinen Stress und keine Kosten mit seiner Beerdigung haben sollen.
Da sind aber auch die Bestattungsarten, wie Feuer- oder Erdbestattung, die für ihn nicht infrage kommen. Weder die Vorstellung verbrannt, noch von den Würmern zufressen zu werden, behage ihm, sagt er. Da werde er doch lieber von professionellen Frauenhänden mit Plastik gefüllt. „Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich nicht aus der Erde gekommen bin, also muss ich auch nicht in die Erde zurück“, sagt der Friedrichshainer. Für die Kritik der Kirche hat er wenig Verständnis.
Bischof Markus Dröge kritisiert, dass das Menschen-Museum der Lust an der Sensation diene, nicht jedoch dem tieferen Verstehens des menschlichen Wesens. Die plastinierten Leichenteile würden den Menschen schamlos auf seine materiellen Bestandteile reduzieren und einer würdigen Gedenkkultur berauben. Ähnlich sieht es auch Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). Noch ist ein Verfahren des Bezirksamtes anhängig, das die Ausstellung auf der Grundlage des Bestattungsgesetzes verbieten will. Zweimal unterlag der Bezirk vor Gericht und ist in Berufung gegangen. Die Verhandlung steht noch aus.
Insgesamt 15.000 Spender sind am Institut für Plastination in Heidelberg registriert. Die meisten, fast 13.000, kommen aus Deutschland, gefolgt von Österreich und der Schweiz. Bei den Bundesländer steht Nordrhein-Westfalen mit 2300 Spendern an der Spitze, aus Berlin kommen 900. Fast die Hälfte ist älter als 60 Jahre, Frauen lassen sich eher registrieren als Männer.
Ilona Katzorke möchte ein Ganzkörperplastinat sein
Ilona Katzorke ist eine von ihnen. Die Zahnärztin aus Friedrichshain ist seit mehr als 15 Jahren Körperspenderin. Den Ausschlag habe ein Fernsehbericht über Gunther von Hagens in den 90er-Jahren gegeben, erzählt die 63-Jährige. Auch sie will nicht in die Erde. „Ich habe eine Ungezieferphobie“, sagt sie. Die Plastination war für sie die rettende Alternative. „Schon als Medizinstudentin habe ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Körper der Anatomie zur Verfügung zu stellen“, sagt die Zahnärztin.
Noch besser finde sie es jetzt, als Plastinat zu enden. Sie hat konkrete Vorstellungen: Sie möchte ein Ganzkörperplastinat sein, bei dem das rechte Knie, die rechte Schulter und beide Handgelenke freigelegt sind. An den Stellen würde man die Spuren von 40 Jahren Zahnarztpraxis sehen. „Das ist das ideale Plastinat für Orthopäden.“ Wenn sie Professorin für Anatomie wäre, würde sie jeden Studenten in die Ausstellung schicken. Plastinate dienten der Wissenschaft und hätten nichts mit Kirche, Religion und Glauben zu tun, sagt sie. Und wer die Ausstellung nicht sehen wolle, müsse auch nicht hineingehen.
Das ist auch die Meinung von Holm Gärtner. „Die Ausstellung ist kein Pflichtschulfach“, sagt er. Mit der Welt der plastinierten Körper kam er Holm Gärtner, der seit seiner Kindheit in Berlin lebt und an der Theaterhochschule in Leipzig Schauspiel studiert hat, 1997 in Berührung. Damals war die Ausstellung in Mannheim zu sehen. Anfangs sei er irritiert gewesen und habe sich gefragt, was die da eigentlich machen. Doch dann habe ihn das Konzept überzeugt. Und noch bevor er eine Ausstellung gesehen hat, ist er Körperspender geworden.
Body Mobil“ - Kunststoff statt Blut
Bei dem Verfahren der Plastination werden die Körperflüssigkeiten gegen einen Kunststoff ausgetauscht. Wenn der Körperspender verstirbt, bringt ihn ein „Body Mobil“ in das Plastinarium nach Guben. Dort muss zunächst der Verwesungsprozess durch Tieffrieren und durch die Injektion eines Fixierungsmittels gestoppt werden, bevor anhand der Krankenakte entschieden wird, wie die Organe, die Körperteile oder der ganze Körper plastiniert werden. Gleich am Eingang der Ausstellung gibt es eine Art Mahnmal in Gedenken an die Spender.
Sie bleiben anonym, weil sich die Exponate mit dem „Wunder des menschlichen Körpers beschäftigen, nicht aber mit privaten und persönlichen Schicksalen“, heißt es auf der Tafel. Holm Gärtner hätte nichts dagegen, die Anonymität aufzuheben, gern auch nur in seinem Fall. „Ist doch blöd, wenn meine Enkel vor einem Exponat stehen und sich fragen, ob das nun Opa ist“, sagt der Rentner. In seinem Falle könne sein Körper gern mit seiner Lebensgeschichte verbunden sein. Er erzählt von seinem Leistenbruch und einem Netz, das bei der Operation eingebaut wurde. „Das zum Beispiel kann man gern zeigen.“ Doch Kuratorin Angelina Whalley lehnt das strikt ab. Das Wissen um Name, Alter und Todesursache würde davon ablenken, in den Exponaten sich selbst zu entdecken, sagt die Frau des Plastinators Gunther von Hagens.
Gegen Mittag verlässt eine Gruppe 16-Jähriger aus Ostfriesland die Ausstellung. Wie sie es fanden? Die Mädchen zögern einen Moment. Dann sagen sie: „Spannend, komisch, ein bisschen eklig.“ Karolin erzählt, dass sie die Ausstellung zum dritten Mal gesehen habe. Besonders das Thema Schwangerschaft sei „sehr interessant“ gewesen. Sie würde sich die Ausstellung immer wieder ansehen. Über eine Körperspende hat sich das junge Mädchen noch keine Gedanken gemacht. Erst einmal liegt das Leben vor ihr.





