Berliner Morgenpost: Herr Cinar, warum hat die TG jetzt eine Doppelspitze?

Safter Cinar: Wir brauchten jemanden, der in Berlin sitzt und hier Termine wahrnimmt. Das bin ich, weil ich anders als meine jüngeren Vorstandskollegen nicht mehr mein Geld verdienen muss. Und wir wollten aber auch einen Repräsentanten aus einem anderen Teil des Landes. Insgesamt wollen wir die Arbeit auf viele Schultern verteilen. Und dass es zwei Männer sind, ist der Zeitnot geschuldet. Beim nächsten Mal werden wir das sicher korrigieren.

Kann eine Organisation eigentlich den Anspruch erheben, für die Türken in Deutschland zu reden?

Natürlich nicht, wir sprechen für unsere Mitglieder. Aber was wir etwa zur integrations- und gleichstellungspolitischen Forderungen sagen, ist, denke ich, mit 90 Prozent der Menschen mit türkischem Hintergrund kompatibel. Das sind ja keine ideologischen Themen. Wer sollte gegen bessere Bildungs- und Arbeitsmarktchancen sein?

Der türkische Ministerpräsident Erdogan will sich ja auch von Landsleuten im Ausland wählen lassen, das soll im Olympiastadion passieren. Was halten Sie davon?

In der türkischen Verfassung ist das Recht auf Auslandswahl festgehalten. Wenn das Olympiastadion der Wahrheitsfindung dient, dann soll es so sein. Das ist ein bisschen ein Show-Effekt.

Die Türkische Gemeinde war sehr vorsichtig, wenn es um Kritik an Erdogans Politik und sein Vorgehen gegen die Opposition ging. Müssen Sie da nicht klarer Position beziehen?

In der Hochzeit der Proteste am Taksim-Platz haben wir uns kritisch geäußert. Dabei gibt es viele Sympathisanten für die AKP unter den türkischen Menschen in Deutschland. Aber wir haben einen Grundsatz: Wir wollen uns nicht in innertürkische Fragen einmischen. Wir kümmern uns um Fragen, die hier lebende Menschen betreffen, Passfragen, Rentenrecht, EU-Mitgliedschaft. Es ist ein Problem, dass sich viele Menschen immer noch nach der Türkei hin orientieren und sich organisieren. Ein Grund dafür ist sicher das Staatsbürgerschaftsrecht in Deutschland. Viele fühlen sich immer noch ausgegrenzt, auch weil es kein Wahlrecht gibt, noch nicht mal in den Kommunen. Auf diese Befindlichkeit muss die Politik reagieren.

Es gibt mittlerweile türkische Privatschulen in Berlin. Finden Sie das gut?

Viele Eltern wollen, dass die türkische Kultur ihrer Kinder nicht komplett verloren geht. Wenn unsere normalen Schulen mehr Gewicht auf Muttersprache und Kultur legen würde, würde der Andrang auf diese Schulen sicherlich sinken. Anders ist es mit der Schule der islamischen Föderation. Aber wenn es katholische Grundschulen geben darf, dann grundsätzlich auch islamische.

Sie haben selber zwei Pässe. In vielen Familien ist der Optionszwang, also die Notwendigkeit von Jugendlichen, sich für einen Pass zu entscheiden, ein großes Thema. Reicht Ihnen, was die große Koalition bisher plant?

Wir sind für mehr Mehrstaatlichkeit. 50 Prozent der Einbürgerungen finden unter Hinnahme der Mehrstaatlichkeit statt. Nur bei Türken geht das nicht. Da haben die Leute schon das Gefühl, es geht um ein Verhalten gegen Türken. Die Diskussion um die Staatsbürgerschaft schadet dem Zusammenleben in Deutschland.