Jetzt ist es wieder etwas ruhiger geworden in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule an der Auguststraße in Berlin-Mitte. Noch am Wochenende zuvor waren die Kunstfans durch das historische Treppenhaus geströmt, und die Galerien aus der Nachbarschaft hatten im Anschluss an ihre Ausstellungseröffnungen im „Pauly Saal“ ihre Lunch- und Dinnerpartys für angereiste Sammler im flotten Wechsel zelebriert. Auch drei Stockwerke über dem Restaurant, in den Räumen des Galeristen Michael Fuchs, tummelten sich die Massen.

Jetzt ist es etwas ruhiger geworden, und doch bietet sich ein ähnliches Bild wie beim „Gallery Weekend“. Reglos stehen die Besucher im großen Saal der Galerie vor einer flackernden Wand – und wer eine ergattern konnte, trägt zum Kunstgenuss noch eine 3-D-Brille. Hier, in der vierten Etage des geschichtsträchtigen Backsteinhauses, tobt „Creation Megaplex“, eine filmische Collage im Endlos-Loop, die nichts weniger als die menschliche Schöpfungsgeschichte erzählt.

Neun Phasen der Menschheitsgeschichte werden dargestellt, da geht es vom Garten Eden in die Hölle, und zwischendurch fliegen dem Zuschauer die Wrackteile der Zivilisation um die Ohren.

Die Zeiten von „Demolition Man“ sind vorbei

Der Schöpfer dieser „Schöpfung“ ist Marco Brambilla, ein gebürtiger Italiener, der mittlerweile abwechselnd in New York und Berlin lebt und arbeitet. Früher war Brambilla ein erfolgreicher Hollywood-Regisseur, er drehte zum Beispiel 1993 den Science-Fiction-Film „Demolition Man“ mit Wesley Snipes, Sylvester Stallone und Sandra Bullock. Trotzdem hat der 54-Jährige kurze Zeit später der Traumfabrik den Rücken gekehrt und zur Kunst gefunden. „Ich liebe Film, wollte aber anders damit umgehen“, sagt er.

Wie man einen Film richtig ansieht, weiß er natürlich genau, und so steht er im Türrahmen der Galerie Fuchs und dirigiert den richtigen Moment, an dem der Zuschauer in seine Arbeit einsteigen soll. „Hier, jetzt geht’s los“, sagt er, als nach einem kurzen Knistern „Creation“ wieder neu beginnt. Und dann bekommt der Zuschauer eine Ahnung von Brambillas gewaltigem Fundus an Hollywoodbombast. Mehr als 2000 Szenen und Figuren aus rund 400 Filmen hat er für sein Werk zusammenmontiert.

„Mögen Sie es?“, fragt Brambilla grinsend, nachdem man sprachlos die schwarze Brille wieder abgesetzt hat. Rund ein Jahr haben der Künstler und sein Team an „Creation Megaplex“ gearbeitet, jedes einzelne Figürchen wurde von Mitarbeitern aus ihrem Filmkontext ausgeschnitten, „sodass ich sie wie ein Maler auf einem Gemälde komponieren konnte“, sagt Brambilla.

Drei Filme täglich

Um die richtigen Sequenzen für seine Arbeit überhaupt zu finden, habe er sich drei Monate lang zurückgezogen und drei Filme täglich geschaut. Von manchen Schnipseln wusste er zwar, wie sie ungefähr aussehen sollten, musste aber lange nach dem richtigen Material suchen. „In dieser Zeit konnte ich keinen Film mehr unbeschwert genießen, weil ich mich dauernd gefragt habe, ob ich etwas daraus verwenden könnte“, sagt er. Und an welcher Stelle es am besten zu platzieren sei. Denn was an Filmelementen zunächst wie zufällig aneinandergereiht wirkt, beziehe sich in seinem Erzählstrom aufeinander.

Mit „Creation“ hat Marco Brambilla seine Megaplex-Trilogie abgeschlossen. Schon 2008 schuf er die Videoarbeit „Civilisation“, die dann vom New Yorker „Standard-Hotel“ erworben und in einem Fahrstuhl installiert wurde. Zwei Jahre später folgte „Evolution“, eine Arbeit, die erst auf der Art Basel und dann im Santa Monica Museum gezeigt wurde. Dass er nun in Berlin angekommen ist, ist für ihn nur eine logische Konsequenz. Den Galeristen Michael Fuchs hat er das erste Mal vor sechs Jahren in New York getroffen, „und schon da haben wir beschlossen, dass wir zusammenarbeiten“. Als Fuchs dann vor zwei Jahren mit seiner Galerie in die Mädchenschule zog, war die perfekte Räumlichkeit gefunden. Nun lässt Brambilla sogar einen Teil seines Filmmaterials in Berlin – seiner zweiten Heimat – bearbeiten.

„Creation Megaplex“, bis 31. Mai, Michael Fuchs Galerie, Auguststraße 11-13, geöffnet Dienstag–Freitag, 10–18 Uhr, Samstag 11–18 Uhr, Eintritt frei