Einen auch nur annähernd nachvollziehbaren Grund für diesen Exzess gab es nicht. Es war wohl die Lust am Quälen, die eine Gruppe junger Leute dazu trieb, einen 22-Jährigen eine ganze Nacht lang bestialisch zu misshandeln.
Die Täter im Alter von 18 bis 28 Jahren haben die Vorwürfe weitgehend gestanden. Sie wurden am Freitag von einer Moabiter Jugendkammer zu teilweise hohen Strafen verurteilt. So müssen die beiden Haupttäter wegen gefährlicher Körperverletzung für fünf Jahre und neun Monate hinter Gitter. Drei weitere Angeklagte erhielten ebenfalls Gefängnisstrafen. Nur zwei kamen mit Strafen von 24 und 20 Monaten davon, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Staatsanwaltschaft hatte sogar für Haftstrafen von bis zu neun Jahren plädiert.
Tatort war eine Wohngemeinschaft im Bezirk Wedding. Hier wohnte auch der misshandelte Kevin L. Täter und Opfer kannten sich vom gemeinsamen Leben als Obdachlose auf der Straße. Kevin L. war eher der wehrlose, nachgiebige Typ. Das wussten die Angeklagten. „Die Taten sind auch deshalb so erschütternd, weil sich die Angeklagten bewusst ein schwaches Opfer ausgesucht haben“, sagte die Vorsitzende der Jugendkammer, Regina Alex, bei ihrer Urteilsbegründung.
Die Schikanen gegen den 22-Jährigen hatten schon Monate vor dem Gewaltexzess begonnen. Haupttäterin war nach Meinung des Gerichts die 23-jährige Sandra R. – eine zierliche, kaum 1,50 Meter große Frau, die über Kevin L. Lügengeschichten verbreitete und die Stimmung gegen ihn anheizte. So behauptete sie auch, Kevin L. habe angeblich eine andere junge Frau vergewaltigt. Sandra R. habe so lange davon gesprochen, bis er es schließlich geglaubt habe, sagte einer der Angeklagten vor Gericht.
In der Nacht vom 30. auf den 31. August 2013 drangen die Täter – unter ihnen eine zweite junge Frau – in Kevin L.s Wohnraum ein. Der schmächtige Mann wurde erniedrigt, geschlagen, getreten, gefesselt, mit einem Eisendraht ausgepeitscht und mit einer Kette bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Ein Angeklagter schlug ihm immer wieder mit einer beringten Hand ins Gesicht. Das Opfer fiel jedes Mal hin und wurde gezwungen, wieder aufzustehen.
Ein anderer Angeklagter trat Kevin L. mehrfach mit dem beschuhten Fuß, als dieser auf dem Boden lag. Sie zwangen ihr Opfer, sich wie ein Hund „auf alle Viere“ zu stellen, misshandelten ihn, angestachelt von Sandra R., erneut. Die junge Frau war es auch, die Kevin L. mit einem Besenstiel sexuell misshandelte. Sie wurde von der Jugendkammer als Einzige auch wegen Vergewaltigung verurteilt. „Es waren um die einhundert Angriffshandlungen in einer Nacht“, sagte Richterin Alex.
Kevin L. trug diverse Verletzungen am ganzen Köper davon. Sein Nasenbein wurde gebrochen. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, hatte Strangulationsmale am Hals. Die körperlichen Wunden sind inzwischen verheilt. Die psychischen Folgen sind noch nicht absehbar.



