Sie bleibt kurz stehen, als sie uns sieht. Eine zierliche Frau, mit Turnschuhen und Jeans, das Gesicht mit den hohen Wangenknochen umrahmt von blondem Haar. „Guten Tag, ich bin Anna“, sagt sie leise bei der Begrüßung, blinzelt in die Sonne, und ergänzt: „Na, das mit dem Wetter haben wir ja prima hinbekommen.“ Wenn es irgendwelche Barrieren gab, dann sind sie spätestens jetzt verschwunden. Und sie wird dann auch während des ganzen Vormittages so unverkrampft und entwaffnend fröhlich sein: Anna Maria Mühe, 28 Jahre, 1,61 klein und eine der größten Schauspielbegabungen, die es derzeit in Deutschland gibt.

Als Ort für den Spaziergang hat sie den Volkspark Friedrichshain gewählt. Das ist praktisch für sie. Der Park liegt nicht weit entfernt von ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg. Und die Zeit scheint knapp zu sein. Ihre Presseagentin hatte vorher schon angekündigt, dass Anna Maria Mühe anschließend einen sehr wichtigen Termin habe. Vielleicht einen Dreh in Berlin, hatte ich gedacht, oder eine Presskonferenz – sie ist an mehreren neuen Projekten beteiligt.

In den falschen Mann verliebt

Das nächste wird am 21. Mai in der ARD ausgestrahlt. Anna Maria Mühe und Iris Berben übernahmen die Hauptrollen in dem Film „Sternstunde ihres Lebens“. Iris Berben spielt eine Anwältin, die sich 1949 gegen massive Widerstände konservativer Politiker dafür einsetzte, dass im Grundgesetz die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben wird. Anna Maria Mühe spielt ihre Sekretärin – eine anfangs noch unreife, in den falschen Mann verliebte junge Frau, die erst begreifen muss, worum es bei dem Artikel 3 des Grundgesetzes überhaupt geht. Iris Berben ist überzeugend als Frauenrechtlerin. Aber so richtig Leben kommt in diesen Film erst durch Anna Maria Mühe.

Sie selbst hat den Film noch gar nicht vollständig gesehen. Sie habe ohnehin eine Scheu davor, sagt sie, sich eigene Filme anzuschauen: „Ich höre so ungern meine Stimme.“ Das kann vermutlich nur sie selbst verstehen. Sie hat eine angenehme Stimme. Da gibt es nichts Schrilles, nichts Unangenehmes. In ihren ersten Filmen sprach Anna Maria Mühe manchmal noch etwas schnell, aber auch das hat sich längst gegeben.

Nicht ohne meine Tochter

Der Grund, den Volkspark Friedrichshain als Spaziergang auszuwählen, ist dann übrigens weitaus profaner und sehr viel wichtiger als irgendwelche Pressekonferenzen oder Drehs: Anna Maria Mühes anderthalb Jahre alte Tochter hat gerade ihre Eingewöhnungszeit in einer nicht weit vom Park entfernten Kita. „Da möchte ich auf keinen Fall zu spät kommen“, sagt die Schauspielerin. Und ihre Mimik verrät, dass es da auch keinerlei Verhandlungsspielraum gibt. Bisher hat sie das Töchterchen zu allen Drehs mitgenommen. „Ich kann nicht länger als fünf Tage von ihr getrennt sein“, sagt sie, „dann wird’s echt schwierig – für beide.“

Anna Maria Mühe hätte für den Spaziergang auch das Nikolaiviertel in Mitte wählen können, hier hat sie bis 1989 die ersten vier Jahre ihres Lebens gewohnt. Als Tochter des Schauspielerehepaares Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Beide waren in der DDR schon Stars. Und möglich gewesen wäre auch die Gegend an der Pariser Straße in Wilmersdorf. Vor allem das Restaurant „Route 66“. Genau hier wurde Anna Maria Mühe im Jahr 2001 entdeckt. Sie war 15 damals, saß mit gleichaltrigen Freunden an einem Tisch. „Ich weiß noch, dass die Kellnerin sehr unfreundlich war und wir dann rausgegangen sind.“ Mit Sicherheit hat die damals schon temperamentvolle Anna Maria Mühe die Unfreundlichkeit der Kellnerin nicht einfach so hingenommen. Als sie und ihre Freunde schon fast wieder auf der Straße standen, wurde sie von einer Frau aufgehalten.

„Sehr große Ausstrahlung“

Anna Maria Mühe hatte sie vorher schon am Nebentisch mit einer anderen Frau gesehen: Es waren die Regisseurin Maria von Heland und eine Requisiteurin. Sie besuchten das Lokal, weil es als einer der Drehorte für den Film „Große Mädchen weinen nicht“ geplant war. Auch die Besetzung war schon klar. Es fehlte nur die Darstellerin für die zweite Hauptrolle. Maria von Heland hatte schon Hunderte Mädchen gecastet. Und dann sah sie im „Route 66“ Anna Maria Mühe. „Sie hat einfach nur zu mir gesagt: Ich möchte dich zum Casten einladen“, erinnert sich Anna Maria Mühe. Bei meiner Frage, wie Heland diese Wahl begründet habe, stutzt sie – und sagt dann fast widerstrebend: „Sie hat gesagt, dass ich eine sehr große Ausstrahlung habe, und dass sie es cool fand, wie ich mich gegen die Kellnerin wehrte.“

Maria von Heland ahnte nicht, wessen Tochter da vor ihr stand. Sie wusste es auch noch nicht, als Anna Maria Mühe zwei Tage später in Begleitung Jenny Gröllmanns zum Casting kam. Erst beim Casting war die Produzentin Judy Tossell aufmerksam geworden. Vielleicht wegen des Nachnamens Mühe, oder weil sie die Schauspielerin Jenny Gröllmann erkannte. Sie sagte damals zu Regisseurin Heland: Weißt du eigentlich, wen du dir da geangelt hast?

Joggen durch den Park

„Für mich ist das natürlich ein Geschenk“, sagt Anna Maria Mühe. „Weil ich weiß, dass das nicht über meine Eltern funktioniert hat, und ich selber durch diese Tür gegangen bin. Das ist für mich auch ein Stück Sicherheit.“

Fotograf Reto Klar hat inzwischen den ersten Platz für ein mögliches Foto entdeckt. Anna Maria Mühe müsse sich dafür „ein wenig durchs Gebüsch schlagen“, kündigt er an. Tatsächlich ist es nicht nur ein Gebüsch, sie muss auch noch eine rutschige Anhöhe hinauf. Sie raucht erst einmal eine Zigarette, blickt ein wenig skeptisch, steigt dann aber doch hinauf. Sie hat ja Erfahrungen mit diesem Park und seinen Unwegsamkeiten. Sie arbeitet hier oft mit einer Personal Trainerin: Dehnungsübungen, Krafttraining, Ausdauer – Joggen weniger: „Das hasse ich“, sagt sie.

„Große Mädchen weinen nicht“ wurde ein Erfolg. Und als erster Name im Vorspann erschien der von Anna Maria Mühe. 2003 bekam sie auf dem Filmfest Las Palmas dafür den Preis als Beste Darstellerin. Und natürlich hatten auch andere Regisseure den Film gesehen, und es gab weitere Rollen. Ebenfalls meist sehr schwierige, anspruchsvolle: Sie spielte psychisch labile Mädchen, eine junge Mutter mit Borderlinesyndrom, Opfer von Vergewaltigungen. Sie konnte sich die Rollen aussuchen und auch mal, wenn das Drehbuch schlecht war, welche ablehnen. „Ich fühle mich da sehr beschenkt“, sagt sie. Geholfen hat ihr dabei die ehemalige Schauspielerin Kristiane Kupfer. Sie wird bis heute von ihr gecoacht.

Wie sie sich vorbereitet

„Am Anfang war es viel Sprechtraining“, sagt Anna Maria Mühe. „Mittlerweile ist unsere Arbeit nur noch projektbezogen. Da geht’s dann ums Drehbuch, was man mit seiner Rolle einbringen könnte, aber auch, was man ändern muss.“ Andere Schauspieler machen das allein. Anna Maria Mühe jedoch würde darauf nicht verzichten wollen. „Das ist ein Luxus, den ich mir gönne“, sagt sie. „Es ist vorteilhaft für mich, weil noch mal ein anderer, erfahrener Blick drauf ist.“ Es sei aber nicht das übliche Lehrer-Schüler-Verhältnis. „Wir diskutieren auch. Wir sind ja aus verschiedenen Generationen. Und da gibt es auch gegensätzliche Vorstellungen. Es ist ein Austausch, eine Entwicklung.“

Eine Schauspielschule hat sie nie besucht. „Wollte ich auch nicht, Thema beendet“, beantwortet sie lächelnd, aber sehr bestimmt meine Frage. Aber sie ergänzt dann doch, dass es „schon eine Zeit gab, in der ich darüber nachdachte.“ Sie habe mit Kollegen darüber gesprochen. „Viele haben gesagt: Mach’s nicht, du verlierst vielleicht das, was dich ausmacht, deine Natürlichkeit und dein Talent, aus dem Bauch heraus zu spielen.“

Die Augen ihres Vaters

Dass Anna Maria Mühe die Tochter des Schauspielers Ulrich Mühe ist, kann sie nicht verbergen. Sie hat die gleichen großen und ausdrucksvollen blauen Augen. Die Frage, ob er im Vergleich zur Ex-Ehefrau eher der strenge Typ gewesen sei, verneint die Schauspielerin: „Mein Vater hatte einen schönen Humor. Er war ein sehr lustiger Papa.“ Und dann erzählt sie diese Episode, wie sie als Zwölfjährige im Schulorchester spielte. Das war in Hamburg. Sie wohnte damals beim Vater und dessen zweiter Ehefrau, der Schauspielerin Susanne Lothar. Und wie der Schulsenator kam und nach einem kleinen Konzert fast alle Instrumente lobte, „vor allem die lauten“, aber eben nicht den Flügel, an dem sie saß. „Da bin ich wütend nach Hause gegangen und habe gesagt, ich will was Lautes machen! Schlagzeug!“ Ihr Vater habe entsetzt erwidert: So was kommt nicht ins Haus. Sie einigten sich dann nach Verhandlungen auf die kaum weniger eindringliche Trompete. Mit 13 Jahren habe sie damit dann sogar ihre erste Gage verdient. Sie spielte ein Lied – „so in der Richtung ,Mein kleiner grüner Kaktus‘“ – in einem Kurzfilm von Michael Haneke. Dafür gab es 100 Mark.

Als sie ihm 2003 mitteilte, nun endgültig und mit aller Konsequenz das Leben einer Schauspielerin führen zu wollen, reagierte Ulrich Mühe eher reserviert. Ihre Mutter, sagt sie, hatte da „ein anderes, ein Mutter-Tochter-Vertrauen. Sie hat gespürt, dass es mir nicht um den roten Teppich und die Fotografen geht, sondern dass ich das ernsthaft will.“

Erste Erfolge

Anna Maria Mühe lebte damals bei Jenny Gröllmann in Berlin, war noch Schülerin der 11. Klasse. Allerdings mehr pro forma. Wegen der vielen Drehs hatte sie kaum noch Zeit für die Schule. „Der Direktor hat dann eines Tages gesagt, dass es so nicht mehr gehe. Da war für mich klar: Jetzt musst du dich entscheiden – Abi oder Film.“ Sie habe den Entschluss gegen das Abi nie bereut, sagt sie. „Ich fand Schule eigentlich immer furchtbar. Dieses ganze System.“ Vielleicht habe es auch daran gelegen, dass sie infolge der vielen Umzüge – Berlin, Hamburg, Wien und wieder Berlin – acht Mal die Schule wechseln musste.

Der berühmte Vater hat zunächst ihre ersten Erfolge als Schauspielerin kommentarlos zur Kenntnis genommen. Er reagierte erst, als 2004 der ARD-Streifen „Delphinsommer“ ausgestrahlt wurde. Anna Maria Mühe spielte ein Mädchen, das von einer Nonnenschule auf ein staatliches Gymnasium wechselt und sich – verbunden mit vielen Konflikten – von einer sektenähnlichen Freikirche und dem Einfluss ihres Stiefvaters löst. Nach Ausstrahlung des Filmes entdeckte sie einen Anruf auf ihrer Mailbox. Er kam von Ulrich Mühe. „Er hat gesagt: ,Das hast du toll gemacht, du kannst einen Film tragen‘“, erinnert sie sich und wirkt immer noch berührt. „Ein größeres Kompliment konnte es für mich nicht geben, egal von wem. Es war für mich der Ritterschlag.“

Den „Tatort“ hat sie abgelehnt

Wenig später, wir haben den Spaziergang inzwischen beendet und sitzen auf der Terrasse im Restaurant Schoenbrunn, kommen wir noch einmal auf ihre Eltern zu sprechen. Beide sind an den Folgen von Krebserkrankungen gestorben. Die Mutter 2006, der Vater ein Jahr später, nachdem er mit seiner Hauptrolle in dem Oscar-gekrönten Film „Das Leben der Anderen“ endgültig in die erste Reihe der deutschen Schauspieler rückte.

Anna Maria Mühe hat sich die Filme der Eltern auf DVD gekauft. „Das Leben der Anderen“ hat sie natürlich gesehen. Da lebte der Vater ja auch noch. Andere Filme, die sie sich aufsparen will, hat sie erst einmal beiseite gelegt. Es ist alles noch zu nah. „Aber manchmal kann man das auch gar nicht vermeiden“, sagt sie. „Wenn ich abends vor dem Fernseher so durchzappe, und plötzlich sehe ich meinen Vater in ,Der letzte Zeuge‘. Das ist nicht immer einfach.“ Ulrich Mühe spielt dort einen Gerichtsmediziner. Aber getragen wird diese Krimiserie vor allem von dem changierendem Verhältnis zwischen Mühe und einer jungen Kollegin – gespielt von Gesine Cukrowski. Eindeutig und doch ungeklärt. Dieses laszive Spiel ließ diese Krimiserie über das eigentliche Genre weit hinaus ragen.

Anna Maria Mühe kann das auch. Sie gehört zu den Schauspielern, die mit ihrer Präsenz auch einen mittelmäßigen Plot sehenswert machen können. Das haben Produzenten, Regisseure und Caster längst erkannt. Ihr wurde auch schon die Kriminalkommissarin in einem neuen Team für den „Tatort“ angeboten. „Ich bin generell Fan vom ‚Tatort‘, ich bin damit groß geworden“, sagt sie. „Aber ich wusste nicht, ob ich da schon Lust drauf habe, auf diese Fragen: Wollen Sie aussagen? Wo waren Sie letzte Nacht?“ Sie lacht. „Ich habe denen gesagt: Fragen Sie mich bitte nochmal, wenn ich 40 bin.“