Schon von weitem ist Aydin Akin zu hören. Die Trillerpfeife im Mund, das Megaphon um den Hals, schiebt er sein Fahrrad durch die Menge am Brandenburger Tor. Über seinem Kopf tanzen bunte Luftballons. „Ich will nicht, dass meine Enkel einmal sagen, Großvater ist nur für das Geld nach Deutschland gekommen“, sagt der 71-Jährige. Deswegen geht der gebürtige Türke für die Demokratie und gegen das Unrecht, das er empfindet, auf die Straße. Er kämpft für sein Recht demokratischer Mitbestimmung.

Denn obwohl er seit 46 Jahren in Deutschland lebt und Steuern zahlt, darf er nicht wählen gehen, erzählt Akin. Ein großes, gelbes Schild hängt über seiner Brust. „Demokraten von Europa, schämt euch!“ hat er darauf geschrieben. Akin hat es nicht extra für den 1. Mai gemacht, aber an diesem Tag ist diese Botschaft auch auf vielen anderen Schildern zu lesen. Denn bei dem traditionellen Demonstrationszug des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben sich viele versammelt, die auf Unrecht, auch persönliches, aufmerksam machen wollen.

Da laufen Vannavukth und Sreypanh Khien, das kambodschanische Ehepaar, das sich für die Rechte der Textilarbeiter ihrer Landsleute einsetzt, neben Gestrigen, die sich Deutschland von 1917 zurückwünschen. Ver.di- und DGB-Mitglieder waren genauso zahlreich erschienen, wie Mitglieder von SPD und Grünen. Es war bunt, Konfetti rieselte über die Köpfe, und es war friedlich, so wie es zu erwarten war.

„Danke“ sagen für die Arbeit

Am Tag der Arbeit hatte sich auch die Berliner Arbeitssenatorin unter die rund 10.000 Demonstrierenden gemischt. Schon seit ihrer Studentenzeit sei sie immer mit dabei, erzählt Dilek Kolat (SPD). „Es geht darum, sich für gute Arbeit stark zu machen“, sagt sie. Doch die sei heute nicht selbstverständlich. Schon am Morgen hatte Kolat Menschen besucht, die arbeiten – so wie sie es eigentlich an jedem Feiertag tut. „Ich war in der Charité und habe den Patienten das Frühstück gemacht“, erzählt sie. Es gehe einfach darum, einmal Danke für die Arbeit zu sagen.

Einige Schritte hinter Dilek Kolat läuft Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Ob sie privat hier sei? Natürlich als Politikerin. Aber auch für sie ist der 1. Mai seit vielen Jahren ein besonderer Tag. Sie muss überlegen. „Ich glaube, seit meinem elften Lebensjahr bin ich immer mit dabei gewesen.“ Nicht immer in Berlin, denn Sandra Scheeres kommt ursprünglich aus Düsseldorf.

Als Kind waren es die Themen Solidarität, Mädchenarbeit und auch Beteiligung, die sie interessiert und so auch irgendwann für die Politik begeistert haben. „Ich habe Verschiedenes ausprobiert. Auch eine katholische Mädchengruppe“, sagt sie lachend. Heute stehen für sie neben der Demo drei weitere Veranstaltungen in der Stadt an.

Laute Musik, gutes Wetter, staunende Touristen

Ein Lied ertönt aus einem Megaphon. „Ändere das Pflegezeitgesetz, Pflegezeitgesetz …“ singt eine Gruppe zu der Melodie von Yellow Submarine von den Beatles. „Pflegezeit macht Armut groß, denn du wirst die Kohle los …“ Sonja Dif hält das Megaphon. Sie steht zwischen einem Rollstuhl und einem Rollator, sie sollen die Botschaft verstärken.

„Das haben wir gedichtet“, sagt die 44-Jährige aus Neukölln nicht ohne Stolz. Sie ist Vorsitzende der IG BCE Frauen. „Ich möchte meine Mutter pflegen können und danach nicht in ein Armutsloch fallen“, erklärt Dif. „Deswegen bin ich hier.“ Das Schild auf dem Rücken einer der BCE-Frauen fragt: „Lebst du noch oder pflegst du schon?“ Auch Nico aus Potsdam fordert mehr Leben. „Es kann nicht sein, dass wir leben, um zu arbeiten“, sagt der 25-Jährige. Es müsse umgekehrt sein: „Wir sollten arbeiten um zu leben.“

Der Biochemiestudent, der von sich sagt, er sei Gewerkschafter mit Leib und Seele, findet allerdings, dass die Demonstrationen am 1. Mai nicht sehr viel brächten. „Weil es ja niemanden stört und alle damit rechnen.“ Trotzdem, er ist seit vielen Jahren dabei. Es macht ja auch ein bisschen Spaß. Laute Musik, gutes Wetter und am Straßenrand staunende Touristen und Anwohner, die in ihren Fenstern tanzen.

Am Ende wurde es noch mal ernst

Wie eigentlich in jedem Jahr, blieb die Demonstration des DGB friedlich. Auf dem Platz des 18. März hinter dem Brandenburger Tor, wo der Zug endete, wurde gerade einmal eine halbe Hundertschaft Polizisten eingesetzt. Und die wirkte etwas gelangweilt. Auch die Sanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes hatten einen ruhigen Mittag. „Wollen Sie Kaffee? Bei uns ist alles entspannt“, lächelt einer der Sanitäter. Im Schatten hinter ihm haben sich die Männer ein kleines Büfett aufgebaut.

Mindestlohn, Rente, Generation Praktikum – auf der DGB-Bühne im Hintergrund wird es dann doch noch einmal ernst. „Wir fordern Mindestlohn für alle“, ruft IG-Metall-Vorstandsmitglied Irene Schulz der Menge vor der Bühne zu. „Wir wollen keine Ausnahme.“ Lautes Jubeln und Pfeifen. „Genau richtig“, rufen die Menschen. Ab dem 1. Januar 2015 soll es in ganz Deutschland einen Mindestlohn von 8,50 Euro geben – aber eben mit einigen Ausnahmen. Wo seien die attraktiven und kreativen Arbeitsmodelle, um gut leben zu können?, fragt Schulz in die Menge. Wo die attraktiven Führungspositionen für Frauen? Schulz spricht auch die fehlenden Ausbildungsplätze an.

Als ein junger Mann von seiner prekären Arbeitssituation spricht, ist der Platz vor der Bühne schon fast leer. Der Duft von Bratwurst liegt in der Luft. Da ist der Arbeitskampf schnell vergessen. Bierbänke werden gebracht und eine Coverband bereitet sich auf ihren Auftritt vor. Die Stimmung ist friedlich und ausgelassen. Der 1. Mai als Feiertag.