Zwar hat Alexandra Remus schon 2012 ihre Ausbildung zur Bootsfrau bei der Stern- und Kreisschifffahrt beendet, doch so eine echte Kapitänin ist sie erst jetzt. Gerade hat die 26-Jährige ihre Prüfung zur Schiffsführerin erfolgreich abgelegt, nun kann sie eigenverantwortlich über Berlins Wasserstraßen schippern. Meist tut sie das mit einer Kollegin auf einem Schiff, das passenderweise „Nofretete“ heißt, dem einzigen reinen Damenschiff der Stern- und Kreisflotte, wie Geschäftsführer Jürgen Loch nicht ohne Stolz betont.
Schon jahrelang bemüht er sich, mehr Mädchen für die Binnenschifffahrt zu begeistern, mindestens eines findet sich mittlerweile in jedem Ausbildungsjahrgang. Ein recht guter Schnitt in solch einer Männerdomäne sowie bei der eher überschaubaren Anzahl von vier bis fünf Azubis pro Jahr. „Wir beschäftigen etwa 100 Nautiker“, erklärt Loch. Unter Nautiker fallen sowohl Matrosen als auch Kapitäne.
Zuverlässigkeit als Voraussetzung
„Bei einer Verweildauer im Betrieb von durchschnittlich 25 Jahren brauchen wir vier bis fünf Lehrlinge jährlich, um unseren Nachwuchs sicherzustellen.“ Denn das Schifffahrtsunternehmen, das seit 1888 existiert, bildet für den eigenen Bedarf aus. Auch Alexandra wurde direkt nach ihren drei Ausbildungsjahren übernommen.
Die gebürtige Berlinerin liebt ihren Beruf, schon als Jugendliche kam ihr die Idee. „Ich war mit einem Jugendclub segeln, und da hab’ ich gemerkt, was für ein schönes Element Wasser ist“, erzählt sie. „Dann hab ich geguckt, was kann man in Berlin auf dem Wasser so machen.“
Aber nicht nur auf dem Wasser arbeiten die Lehrlinge, auch an Land. Drei Monate im Jahr verbringen sie in Duisburg auf der Berufsschule. Während der Winterpause im Januar und Februar helfen sie mit auf der Werft. Schäden müssen ausgebessert, Unterböden neu gestrichen werden. Zudem muss ein angehender Matrose-Motorenwart, so die offizielle Berufsbezeichnung, sich um Technik und Sauberkeit an Bord kümmern, Motorenprobleme lösen sowie an- und ablegen können. Auch die Fahrgastbetreuung gehört dazu, und natürlich die berühmt-berüchtigten Seemannsknoten. Alexandra kann sie alle auswendig.
Schiffsführer müssen pünktlich sein
Neben den Knoten ist Jürgen Loch vor allem Zuverlässigkeit wichtig. „Man muss pünktlich sein. Es gibt einen Fahrplan, und wenn der Schiffsführer nicht erscheint, dann hängt da eine ganze Traube Fahrgäste mit dran.“ Zudem sollte man körperlich fit sein, denn die Arbeit kann anstrengend sein. Mathe und Physik sollte einen auch interessieren. „Und ein bisschen Englischkenntnisse sind gut“, fügt Alexandra hinzu. „Es gibt ja viele Touristen in Berlin.“
300 Mitarbeiter hat die Stern- und Kreisschifffahrt, ein großes Unternehmen. „Natürlich ist es einfacher, Azubis in der Region zu finden, wenn man einen Namen hat“, weiß Jürgen Loch, der etwa 80 bis 100 Bewerbungen pro Jahr erhält. Doch er sieht auch Nachteile. „Je größer ein Unternehmen ist, desto größer ist auch Distanz zwischen den entscheidenden Ebenen und den Leuten vor Ort.“ Gerade der Kontakt zwischen Auszubildenden und deren Verantwortlichen sei weniger eng als wünschenswert wäre.
Das vermutet auch Benjamin Störmer, angehender Werkstoffprüfer bei Siemens. Doch obwohl er bei Berlins größtem Ausbilder lernt, kann er sich über zu viel Anonymität nicht beklagen. „Wir sind bloß zehn Leute in der Klasse, da hat der Lehrer genug Zeit, sich mit jedem einzeln zu beschäftigen“, berichtet der 19-Jährige.
Werkstoffprüfer können Katastrophen verhindern
Er kam über ein Praktikum in einem Baustofflabor auf diesen Weg. Dort untersuchte er Betonwürfel, was ihm großen Spaß machte. „Momentan prüfe ich Teile für Herzschrittmacher“, sagt der Brandenburger, der bei Siemens als „Externer“ lernt. Das heißt, die Ausbildung absolviert er hier, arbeitet aber in einem anderen Berliner Betrieb.
Werkstoffprüfer werden überall da gebraucht, wo Materialrevisionen notwendig sind. Vereinfacht gesagt verhindern Werkstoffprüfer Katastrophen. Anfangs geschah dies zerstörend, man testete die Materialgrenzen, indem man sie überschritt. Heute gibt es zusätzlich die zerstörungsfreie Prüfung, die Unternehmen wie Siemens in die Ausbildung integrieren.
„Was nützt es, wenn ich ein Rohr zersäge, um dann sagen zu können: Ja, das hätte gehalten“, meint der Leiter des Bewerbungsmarketings Norbert Giesen. Jedes Jahr gehen bei ihm um die 80 Bewerbungen ein, genommen werden zwischen zehn und 20 Azubis. Gute Mathe-, Physik- und vor allem Chemiekenntnisse sollten die Bewerber vorweisen können, zudem ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.
Hohe Investition in jeden Lehrling
„Mit meiner Unterschrift versichere ich ja, dass das Rohr hält“, erklärt Giesen. „Da übernehme ich eine Menge Verantwortung.“ Ein Bürojob ist die Arbeit auf keinen Fall, im Gegenteil. Mobil sollte man sein, denn meist wird von Baustelle zu Baustelle gefahren. Die Übernahmechancen seien gut, da in diesem Beruf nicht mehr ausgebildet würden als danach benötigt werden. Außerdem investiere Siemens in jeden Azubi 100.000 Euro. Das soll sich auch lohnen.
Giesen sieht den Vorteil der Ausbildung in großen Unternehmen in der Arbeitsplatzgarantie. Selbst bei Umstrukturierungen sei die Chance, woanders eingesetzt zu werden, hoch. Benjamin Störmer schwärmt von der Ausstattung. „Momentan erstellen wir Teile an der Drehbank, die wir vorher mit einem 3D-Programm entworfen haben“, erzählt er. Und vermutet, dass andere Betriebe dies nicht bieten können. Außerdem seien die Lehrer gut. Meistens jedenfalls, fügt er hinzu.
Betriebe vorschlagen
Tausende Berliner Firmen bilden Nachwuchs aus, manche bieten ihren Lehrlingen sogar weit mehr als die vorgeschriebenen Ausbildungsinhalte. Handwerkskammer und IHK suchen deshalb gemeinsam die besten Ausbildungsbetriebe Berlins, um deren gesellschaftlichen Einsatz öffentlich zu machen – in diesem Jahr zum zehnten Mal. Für die Betriebe sei eine solche Auszeichnung die beste Werbung als attraktiver Ausbilder, sagte Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD).
Bis zum 30. April 2014 können alle Berliner vorbildliche Ausbildungsbetriebe vorschlagen. Firmen können sich auch selbst bewerben. Es gibt zwei Kategorien: Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten und Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten, jeweils einschließlich Auszubildende. Ausgezeichnet werden je zehn Firmen, ein Sieger und neun ohne Rangfolge.
Die Preisträger ermittelt eine Jury, der Vertreter der beiden Kammern, Arbeitssenatorin Kolat und Jochim Stoltenberg von der Berliner Morgenpost angehören. Die Sieger werden am 11. Juni 2014 auf der Messe „Tage der Berufsausbildung“ ausgezeichnet.
Das Bewerbungsformular und weitere Informationen stehen unter www.tage-der-berufsausbildung.de.




