Bildung

CDU will Berliner Kinder wieder später einschulen

Mehr als 13 Prozent der Berliner Erstklässler wurden 2013 wegen mangelnder Reife zurückgestellt, die Zahl stieg stetig. Die CDU fordert nun eine Abkehr vom Berliner Prinzip der Früheinschulung.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die CDU fordert eine Abkehr vom Berliner Prinzip der Früheinschulung. Grund ist, dass die Zahl der Anträge auf Rückstellung von Jahr zu Jahr steigt. So wollen die Eltern verhindern, dass ihre Kinder schon mit fünfeinhalb Jahren zur Schule müssen. Seit 2005 gilt, dass alle Kinder zum Schuljahresbeginn am 1. August schulpflichtig werden, die im Laufe des Jahres bis spätestens am folgenden 31. Dezember sechs Jahre alt sind. 3573 vorgesehene Erstklässler wurden nach Angaben der Bildungsverwaltung vor Beginn des laufenden Schuljahres wegen mangelnder Reife um ein Jahr zurückgestellt. Das sind 13,2 Prozent aller Kinder, die im Sommer 2013 schulpflichtig geworden wären. Im vergangenen Jahr lag die Quote noch bei 10,4 Prozent, davor bei 9,3 Prozent.

Flexible Lösung favorisiert

„Die vom rot-roten Senat eingeführte Früheinschulung war falsch. Sie bringt für die Eltern und Kinder viele Schwierigkeiten mit sich. Die hohe Zahl an Rückstellungen einerseits und die massive Kritik der Experten andererseits sind ein deutliches Signal des Handlungsbedarfs“, sagt Florian Graf, CDU-Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus. Er möchte die Regelung noch in dieser Wahlperiode „zugunsten von mehr Flexibilität und zum Wohle der Kinder“ korrigieren. Wichtig sei, dass die Entscheidung letztlich bei den Eltern liege. Sie könnten ihre Kinder am besten einschätzen. Die CDU-Fraktion will vor allem den starren Stichtag 31. Dezember abschaffen.

Die CDU favorisiert eine flexible Lösung: Bei Kindern, die nach dem 30. Juni ihren sechsten Geburtstag haben, sollen die Eltern selbst entscheiden können, ob sie ihr Kind einschulen lassen wollen oder ein Jahr warten. Für Kinder, die vorher Geburtstag haben, soll zudem der Antrag auf Rückstellung formlos erfolgen können. Insbesondere die für eine Rückstellung bislang notwendige Pflichtuntersuchung durch den Schularzt sowie ein Gutachten müsse durch eine freiwillige Beratung ersetzt werden.

Es sei an der Zeit, dass Ergebnisse einer fundierten wissenschaftlichen Untersuchung vorgelegt werden, um diese „derart starr allein in Berlin geltenden Regelungen der Früheinschulung kritisch zu überprüfen“, sagte Graf der Berliner Morgenpost. Eine Evaluation hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auch in Auftrag gegeben, die Ergebnisse sollten allerdings schon Ende des vergangenen Jahres vorliegen.

Lebensalter kein Indikator für Entwicklung des Kindes

Nun sind sie für Juni oder Juli angekündigt. Die CDU hatte die Evaluation mitgetragen. Sie gebe den Eltern eine bessere Entscheidungsgrundlage, ob ihre Kinder bei einer Einschulung mit fünfeinhalb Jahren Nachteile erleiden, hieß es damals. Nun hofft Fraktionschef Graf, dass die Ergebnisse tatsächlich im Frühsommer vorgestellt werden. Dann könnte im Herbst das Gesetz zugunsten größerer Flexibilität geändert und der Stichtag 31. Dezember abgelöst werden. Ziel sei, die Änderung bereits für das Schuljahr 2015/2016 wirksam werden zu lassen.

Nach Ansicht der Bildungsverwaltung gibt es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Zahl der Rückstellungen und der Früheinschulung. Es seien nicht nur die jungen Kinder, die zurückgestellt würden, heißt es. Das Lebensalter sei kein Indikator für den Entwicklungsstand des Kindes. Auch bei gleichaltrigen Kindern seien Unterschiede in der Entwicklung festzustellen, die bis zu drei Jahre betragen.

Doch auch innerhalb der SPD wachsen Zweifel. So fordert Franziska Giffey, Bildungsstadträtin von Neukölln, dass die Schule für die Kinder erst mit sechs Jahren beginnen sollte. Von den in Neukölln eingeschulten Kindern hätten 40 Prozent Sprachdefizite, 60 Prozent seien in ihrer körperlich-motorischen Entwicklung verzögert.

Eltern wollen ihren Kindern mehr Zeit gönnen

Die Folge: Ein Viertel der Neuköllner Kinder müsse die zweite Klasse wiederholen. Der Anteil der zurückgestellten Kinder ist allerdings im bürgerlichen Bezirk Pankow am höchsten, obwohl die Entwicklungsdefizite der Kinder hier vergleichsweise gering sind. Auch in Steglitz-Zehlendorf sind zuletzt 226 der 2179 potenziellen Erstklässler ein Jahr zurückgestellt worden. Zuvor waren es noch 184 Kinder. Nach Auffassung von Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) gebe es immer mehr Eltern, die ihren Kindern vor der Schule lieber noch etwas mehr Zeit gönnen wollen.