Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautoren kennen das Problem: Wenn man mit Dialogen oder Selbstgesprächen eine Geschichte erzählen will und diese zugleich natürlich klingen soll, dann wird es kompliziert. Man erkennt das an Sätzen wie diesem hier: „Da geht der Mann, der, wie Du weißt, Dein Vater ist.“

So eine Aussage kommt in der Wirklichkeit nicht vor, in fiktionalen Erzeugnissen leider viel zu oft. Da klingt sie deshalb auch so bescheuert. Der Autor muss sich also etwas überlegen. Wenn er sich nichts überlegt, ist das Ergebnis meistens schlecht.

Die Briefe ihrer Mutter, die dem Film „Die Briefe meiner Mutter“ den Titel geben, findet die 17-jährige Laura Hellmer (Nilam Farooq) zufällig am Vorabend ihres 18. Geburtstages im Keller. Aus ihnen geht hervor, dass sie von ihrer Mutter, einer renommierten Politjournalistin, ihr Leben lang belogen worden ist. Ihr Vater war kein spanischer Kriegsfotograf, der in Afghanistan vor ihrer Geburt ums Leben kam, sondern er ist offenbar Chilene und hält sich immer noch in seinem Heimatland auf. Sich derart um seine Herkunftsgeschichte betrogen zu sehen, muss jeden jungen Menschen in eine tiefe Krise stürzen.

Investigativer Augenaufschlag

Man kann das als Schauspieler aber gar nicht glaubwürdig verkörpern, wenn man auch noch dem Informationsauftrag des Drehbuchs nachkommen muss: „Februar ’96?!“, hören wir Laura Hellmer also im Selbstgespräch schnaufen, „da war Mama doch in Afghanistan! Sie hat mich die ganze Zeit angelogen!“ Das wirkt überzogen und unecht, so wie vieles andere auch in diesem Film: Die knallhart und investigativ aufblitzenden Augen der Mutter Katharina Hellmer (Christine Neubauer) etwa, die zur gleichen Zeit in einer Talkshow ein Plädoyer für die Wahrheitsliebe hält. Als sie nach Hause kommt und mit Laura Geburtstag feiern will, muss sie feststellen, dass die Tochter nicht mehr da ist – sie ist auf dem Weg nach Chile, um den Vater zu finden.

Oder sagen wir besser: Nach „Chile“. Denn dieser Verschnitt aus Revolutionsromantik und Hacienda-Klischees, in dem die Leute seltsamerweise alle Deutsch sprechen, hat mit dem südamerikanischen Land nicht viel zu tun. Die Mutter reist ihrer Tochter dorthin hinterher, und schon tauchen sie alle auf, die alten Bekannten aus Isabel Allendes „Geisterhaus“: der charismatische Großgrundbesitzer, der lädierte Revoluzzer, der finstere Folterknecht und die rätselhafte alte Dame. Es sind auch die alten Gefährten der Mutter, die ihre Geschichte lange verdrängt hat. Und diese Geschichte kehrt hier dann mal nicht als Farce wieder, sondern als kitschpreisverdächtiges Melodram: mit schmachtenden Blicken, Herzschmerz und viel gewollter Tragik. Man muss sich ernsthaft fragen, ob das die Gebührengelder wert ist, die es gekostet hat.

„Die Briefe meiner Mutter“, am heutigen Sonnabend (26. April 2014), 20.15 Uhr, ARD.