Ein wichtiges Beweismittel ist diese Aussage sicher nicht, aber sie verrät viel über Hintergründe: In dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozess um einen Notar, der in seinem Büro in Westend erschossen wurde, hat am Donnerstag als erste Zeugin eine Kanzleimitarbeiterin ausgesagt. Angeklagt wegen Mordes ist der inzwischen 17 Jahre alte Sohn des getöteten Notars. Er soll am 12. August 2013 mehrere Schüsse auf seinen Vater abgegeben haben.
Die Zeugin hatte viereinhalb Jahre in der Kanzlei gearbeitet. Sie hatte nach eigenen Angaben gehört, wie wenige Sekunden vor den Schüssen die Tür zur Kanzlei aufgeschlossen wurde. Aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung habe sie genau unterscheiden können, um wessen Schlüsselbund es sich handelte – sie hatte ihn sofort der Mutter zugeordnet. Als sie danach Schritte gehört habe, sei ihr jedoch klar gewesen, dass es sich nicht um die Mutter handelte, sondern um einen der beiden Söhne, so die Zeugin.
Sie habe auch noch kurz einen Arm gesehen, als die Tür zum Büro zugezogen wurde. Es sei kein Frauenarm gewesen, gab die Kanzleimitarbeiterin zu Protokoll, und auch kein Männerarm, eher der Arm eines Jugendlichen. Die Person habe ein blaues Shirt getragen. Dieses blaue Shirt habe sie vorher schon bei dem angeklagten Sohn gesehen. Sie habe in diesem Augenblick noch gedacht, dass jetzt mal wieder der Streit mit dem Vater in dessen Büro los gehe. Sie könne aber nicht mit Sicherheit sagen, dass es der Arm des Angeklagten war.
Ermittler gehen von Scheidungskrieg aus
Die Ermittler gehen davon aus, dass der Hintergrund der Tat der Scheidungskrieg des Notars mit seiner Frau war. Die Kanzleimitarbeiterin sagte vor der Moabiter Jugendkammer, dass sie in viereinhalb Jahren deutlich mitbekommen habe, dass die Ehe zerrüttet war. Ebenso, dass sich die Situation immer mehr zugespitzt habe. Beide Söhne hätten für die Mutter Partei ergriffen.
Sie habe die Mutter auch darauf angesprochen, dass es nicht in Ordnung sei, wenn sie die Söhne in den Ehestreit einbeziehe und indirekt auffordere, Partei zu ergreifen, sagte die Zeugin. Die Mutter habe ihr jedoch energisch widersprochen und darauf beharrt, dass es wichtig und richtig sei, die Jungen einzubinden.
Den erschossenen Notar hatte die Kanzleimitarbeiterin als sehr liebevollen Vater erlebt, der sich vor allem um den jüngeren – nun wegen Mordes angeklagten – Sohn gekümmert habe. Der Notar habe zu ihr gesagt, dass die Jungen, wenn sie älter seien und die Situation mit mehr Distanz sehen könnten, sicher auch nicht mehr so feindlich gestimmt seien. Der Prozess wird fortgesetzt.



