Prozess

Mord in Westend - Sohn soll aus Enttäuschung geschossen haben

Vor rund einem halben Jahr wurde in Berlin-Westend ein Steuerberater erschossen. Dringend tatverdächtig ist der 17-jährige Sohn. Nun liegt die Anklageschrift wegen Mordes vor.

Foto: Steffen Pletl

Justizsprecher Tobias Kaehne hat Meldungen bestätigt, nach denen der Prozess um den in Westend erschossenen Notar Ingo W. unmittelbar bevorsteht. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits am 14. Januar 2014 Anklage gegen den 17 Jahre alten Sohn des Ermordeten erhoben. Es ist eine Mordanklage. Als Mordmerkmale werden von der Staatsanwaltschaft „niedrige Beweggründe“ und „Heimtücke“ genannt.

Die von Richter Uwe Nötzel geleitete Moabiter Jugendstrafkammer hat den Prozess inzwischen eröffnet. Einen genauen Termin für den Prozessbeginn gäbe es aber noch nicht, so Justizsprecher Kaehne – weil die 39. Große Strafkammer derzeit noch intensiv mit anderen Verfahren beschäftigt sei. Da sich der 17-jährige Angeklagte in Haft befindet, hat das Verfahren aber eine hohe Priorität.

Die Eröffnung des Hauptverfahrens lässt darauf schließen, dass es auch aus Sicht des Gerichts einen dringenden Tatverdacht gegen den 17-Jährigen gibt. Was aber keineswegs ausschließt, dass der Prozess auch mit einem Freispruch enden kann. Es ist davon auszugehen, dass es ein sehr schwieriges Verfahren wird. Bislang gibt es kein Geständnis und keine Zeugen. Die Anklage stützt sich nur auf Indizien. Wegen des jugendlichen Alters des Angeklagten wird der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Ermittlungen auch gegen Witwe

Der 49-jährige Ingo W. war am 12. August vergangenen Jahres in seiner Steuerberater- und Notarkanzlei erschossen worden. Der Täter feuerte neun Schüsse ab. Fünf davon trafen das Opfer in den Oberkörper und den Kopf. Zur Tatzeit befanden sich drei Angestellte im Gebäude, allerdings in einem Nebenzimmer. Sie sahen einen jungen Mann, konnten ihn aber nicht erkennen. Die zu dieser Zeit 16 und 18 Jahre alten Söhne des erschossenen Notars wurden wenig später in der elterlichen Wohnung festgenommen.

Die beiden Jugendlichen kamen zunächst jedoch schnell wieder auf freien Fuß. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft gab es zu diesem Zeitpunkt keinen dringenden Tatverdacht. Zwar wurden an den Händen der beiden Brüder Schmauchspuren gesichert – aber in so geringer Konzentration, dass sie nicht von den Schüssen in der Kanzlei stammen müssen.

Es wurde aber weiterhin gegen Familienangehörige des Notars ermittelt. Zu ihnen gehörte auch die Witwe des Getöteten und Mutter der gemeinsamen Söhne. Zeitweise galt sie auch als Beschuldigte. Am 6. Oktober ließ sie sich im Landeskriminalamt freiwillig erkennungsdienstlich behandeln: Sie wurde fotografiert und musste ihre Fingerabdrücke abgeben. Parallel suchten Ermittler erneut in der Kanzlei, im Keller des Hauses und in der Tiefgarage nach der Tatwaffe, einer Ceska, Kaliber 9 Millimeter. Die Pistole konnte jedoch nicht gefunden werden.

Der – nun angeklagte – 17-jährige Sohn musste am 6. Oktober erstmals eine DNA-Probe abgeben. In der Konsequenz erhärtete sich der Verdacht gegen ihn. Soll sich doch auf einer am Tatort gefundenen Patrone eine DNA-Spur des Schülers befinden. Ein weiteres Indiz gegen den 17-Jährigen soll die Aussage eines Zeugen sein, der den Schüler den Ermittlungen zufolge beobachtete, wie er kurz vor den Schüssen das Kanzlei-Gebäude betrat. Der 17-Jährige wurde erneut festgenommen und befindet sich seitdem in der Jugendstrafanstalt Plötzensee.

Das Motiv, den Vater zu ermorden, ist nach Meinung der Ermittler in Streitigkeiten innerhalb der Familie zu suchen. Ingo W. lebte bereits seit einem Jahr von seiner Ehefrau getrennt und soll die Auflösung der gemeinsamen Kanzlei betrieben haben.

Opfer reichte Scheidung ein

Zuletzt wohnte der Notar in einer Laube am Spandauer Damm. Er soll auch schon eine neue Frau kennengelernt und seine Familie darüber im April informiert haben. Am 31. Juli – also knapp zwei Wochen, bevor er erschossen wurde – reichte Ingo W. die Scheidung ein.

Den Ermittlungen zufolge hatten der 17-Jährige und sein Vater eine sehr enge Bindung. Es wird davon ausgegangen, dass der Schüler von dem Vater enttäuscht war und dessen Trennung von der Mutter nicht verkraftete.

Für die angespannte Situation spricht auch sein Testament: Ingo W. soll die Söhne als Erben bestimmt haben. Allerdings, heißt es, solle das Vermögen bis zum vollendeten 30. Lebensjahr unter der Aufsicht eines Testamentsvollstreckers bleiben.