Vielleicht ist er beim Aussteigen einfach in der Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante steckengeblieben. Oder wurde wie durch ein Wunder geheilt. Abholen, darin sind sich alle sicher, wird der Besitzer seine Beinprothese wohl nicht mehr. Nicht nach 15 Jahren.
Und irgendwie hängen sie im Fundbüro der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auch an diesem kuriosen Artefakt, das Stoff für so viele mögliche Geschichten liefert. Deswegen darf die Prothese bleiben. „Alle anderen Sachen werden nach sechs Wochen aussortiert“, sagt Ingrid Neuber, 57, die das Sammelsurium der verbummelten Habseligkeiten leitet. Und die sich auch nach 25 Jahren noch über die Vergesslichkeit ihrer Mitmenschen wundern kann. „Bei manchen Berlinern muss man froh sein, dass ihnen wenigstens der Kopf angewachsen ist“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Gut ein Drittel wird abgeholt
Rund 160 verlorene Gegenstände aus Bussen und U-Bahnen werden jeden Tag in die Potsdamer Straße geliefert – es werden immer mehr. Allein 2013 waren es 12.982 Ausweise, Dokumente und Plastikkarten, 3320 Handys, 2505 Schlüssel, 1634 Brillen, 231 Fahrräder. Gut ein Drittel der Sachen findet den Weg zurück zu seinem Besitzer. Der Rest kommt in vierteljährlichen Auktionen unter den Hammer. Decken können die Einnahmen daraus die Kosten des Fundbüros nicht. Die BVG betrachtet ihre seit 1929 existierende Einrichtung als Kundenservice.
Das Angebot variiert je nach Saison. Neuber führt in den ersten Raum. In hohen Regalen liegen reihenweise Turnbeutel und Taschen – sie gehören zu den Dauerbrennern. Auf einer Stange daneben hängen Regenschirme in allen Farben. „Deren Zahl ist zuletzt zurückgegangen. Es hat einfach nicht genug geregnet“, sagt Neuber. In einer Ecke stehen mehrere Rollstühle. „Da frage ich mich ehrlich gesagt schon, wie man so etwas verlieren kann.“
Bei anderen Sachen ist man hingegen erstaunt darüber, dass Leute sie überhaupt abgegeben haben: eine Flasche Weißwein, ein Wok, ein Bildband über Hongkong, ein riesiges Graffiti-Gemälde.
Auch wertvolle Gegenstände werden abgegeben
Auch wertvolle Gegenstände wie Laptops finden den Weg ins Fundbüro, was Neuber in ihrer Ansicht stärkt: „Die Berliner sind sehr ehrlich.“ Und Ehrlichkeit lohnt sich. Wer etwas abgibt, hat ab einem Wert von 50 Euro das Recht auf Finderlohn: 2,5 Prozent für Gegenstände bis 500 Euro, über diesen Betrag hinaus nochmal 1,5 Prozent. Ehrlichkeit ist auch Grundvoraussetzung bei den elf Mitarbeitern. 6932 Geldbeutel wurden im vergangenen Jahr abgegeben. Dass der Geldbetrag noch stimmt, wenn die Besitzer sich melden, soll sich von selbst verstehen.
Bereits an den Betriebshöfen werden die Gegenstände unter die Lupe genommen. Taschen, in denen sich Waffen oder Drogen befinden, kommen sofort zur Polizei. Lebensmittel werden entsorgt. Dass ein Fisch ein unbemerktes Dasein in einem Rucksack fristet, soll nicht noch mal passieren.
Frühmorgens werden die Gegenstände dann zum Fundbüro gebracht, vorsortiert und archiviert. „Es reicht nicht, nur darauf zu warten, dass die Menschen ihre Sachen abholen“, sagt Neuber. „Sonst platzen wir hier aus allen Nähten.“
Bei Handys wird die SIM-Nummer an die jeweiligen Mobilfunkanbieter, bei Fahrrädern die Rahmennummer an die Polizei übermittelt. Bei Personalausweisen und Reisepässen werden die jeweiligen Behörden kontaktiert. Wenn nötig, bekommt man seine Sachen sogar ins Ausland hinterhergeschickt. Vor nicht allzu langer Zeit verließ eine Tasche mit Kleidung das Fundbüro Richtung Vereinigte Arabische Emirate.
Udo Jürgens darf bleiben
Infos über alle Gegenstände lassen sich auch im Internet einsehen. Wer sein Hab und Gut dort entdeckt, muss bei der Abholung Fragen zu Details beantworten, die online bewusst nicht angegeben werden. Dass jemand nur so tue, als ob er etwas verloren habe, komme eigentlich nie vor, sagt Neuber. Da sind sie wieder, die ehrlichen Berliner. Manchmal wird es auch emotional im Fundbüro. Vor allem dann, wenn Dinge mit ideellem Wert zu ihren Besitzern zurückfinden.
In Erinnerung geblieben ist den Mitarbeitern eine ältere Dame, die unter Tränen ihren Geldbeutel mit einem Foto ihres verstorbenen Mannes wiederbekam. Oder die Vereinigung von kleinen Kindern mit ihren für immer verloren geglaubten Kuscheltieren. Am dankbarsten, sagt Neuber, seien übrigens Italiener. „Die führen dann draußen auf der Straße manchmal noch Freudentänze auf.“
Ingrid Neuber selbst hat keine emotionale Bindung zu den Gegenständen, denn „die kommen und gehen schließlich“. Nur einer hat es ihr angetan, und deshalb darf er für immer bleiben, genau wie die Beinprothese: ein Udo-Jürgens-Pappaufsteller mit echtem Autogramm. Ein bisschen schade findet Neuber nur, dass der Papp-Udo nicht wirklich singen kann.



