Wer auf dem beliebten Oder-Neiße-Radweg im Oderbruch unterwegs ist, der hat jetzt in Höhe der Ortschaft Neurüdnitz eine neue Möglichkeit des Grenzübertritts nach Polen. Die alte Eisenbahnbrücke Bienenwerder erstreckt sich 700 Meter weit über die Oder bis auf eine Mittelinsel. Die Schienen führen von dort aus weiter auf eine zweite 500 Meter lange Brücke, die bereits auf polnischem Territorium liegt. Zu Fuß darf die längste aller Oder-Brücken allerdings nicht überquert werden. Zwischen den Bahnschwellen geht es 20 Meter in die Tiefe. Geländer fehlen meist oder sind so niedrig, dass Passanten darüber in den Fluss stürzen könnten. Sicher ist lediglich der Schienenweg.

Ausblick auf unberührte Natur

André Gülle von der Draisinenbahnen GmbH & Co. KG chauffiert seit Mitte März mittels einer Handhebel-Draisine – Brückentaxi genannt – bis zu zwölf Personen über die Oder. Seinen Fahrgästen bietet sich von der hohen Stahlbrücke aus ein traumhafter Blick über die Oderaue. Wildgänse sind in der Ferne zu hören, Kraniche oder Fischreiher mit etwas Glück zu entdecken.

„Unberührte Natur, einfach herrlich. Man sieht nirgendwo Anzeichen von Besiedlung“, schwärmt Renate Keller, die mit ihrer Familie extra für die Draisinenfahrt aus Eberswalde angereist ist. Die Brücke sei nicht nur ein Grenzübergang, sondern vor allem ein Erlebnis, meint Brückentaxi-Fahrer Gülle. In der Mitte befindet sich eine große hölzerne Plattform. Noch in diesem Monat, sobald das Wetter dauerhaft schöner wird, legt die Draisine dort einen Stopp ein.

„Wir werden die Geländer noch erhöhen, Tische und Liegestühle dort aufbauen sowie einen kleine Imbissstand“, sagt Draisinen-Chef Axel Pötsch aus Mittenwalde. Ihm ist es zu verdanken, dass die seit Jahrzehnten ungenutzte Brücke Bienenwerder aus der Vergessenheit geholt wurde. Gemeinsam mit der Amtsverwaltung Barnim-Oderbruch auf deutscher Seite sowie deren polnischen Partnergemeinden Moryn und Cedynia bemüht er sich seit Jahren um diese Möglichkeit einer zusätzlichen Oder-Grenzüberquerung für den Tourismus.

Strategische Verbindung während des Krieges

Denn allzu viele Möglichkeiten gibt es in der Region nicht: 40 Kilometer nördlich von Neurüdnitz liegt der Grenzübergang Hohenwutzen, 30 Kilometer südlich die Grenzbrücke in Küstrin-Kietz. Zudem pendelt wenige Kilometer flussaufwärts für Touristen die Oderfähre bei Güstebieser Loose – von Mai bis Oktober, abhängig von den Wasserständen des Grenzflusses.

„Bereits seit 1890 stand hier ein Viadukt“, sagt Amtsdirektor Karsten Birkholz, „doch im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört.“ Zwar gab es Anfang der 50er-Jahre einen Wiederaufbau aus Resten mehrerer Brücken, doch das Konstrukt wurde nur ein einziges Mal von einem mit mit Panzern beladenen Zug benutzt – probehalber.

„Die Brücke war nur eine strategische Verbindung während des Kalten Krieges, um im Ernstfall möglichst schnell Waffen in Richtung Westen bringen zu können“, erklärt Birkholz. Die alten Brückenpfeiler aus der Zeit vor 1945 stehen noch heute mitten im Fluss – sie wurden für den Wiederaufbau zu DDR-Zeiten nicht gebraucht.

Brückenverkehr wegen brütendem Uhu untersagt

Für das ehrgeizige Draisinen-Projekt wurde einer von ihnen allerdings im vergangenen Jahr zu einem Problem. Brütete dort doch ein Uhu, in Brandenburg selten geworden und streng geschützt. Das Landesumweltamt untersagte damals jeglichen Brückenverkehr während der Brutzeit der äußerst selten gewordenen Vögel.

Der Draisinen-Start fiel buchstäblich ins Wasser. „Gehört habe ich den Uhu auch in diesem Jahr schon“, meint Chauffeur Gülle mit schiefem Lächeln. Doch von einem Nest sei glücklicherweise nichts zu sehen. Ganz ausgestanden ist der verhinderte Start vom vergangenen Jahr noch nicht. Pötsch hat Schadensersatzklage gegen das Landesumweltamt gestellt. „Es geht einerseits um die Verluste aus der verlorenen Saison 2013, andererseits aber auch um die Folgen“, sagt er.

Denn zum offiziellen Start im vergangenen Frühjahr hatte er bereits die Genehmigung der zuständigen polnischen Staatsbahn PkP, auch die zweite, die Eisenbahn-Brücke auf polnischem Gebiet für die Grenzquerung nutzen zu dürfen. „Mit der Draisine geht es dann bis zum ersten polnischen Bahnhof in Siekierki. Von dort aus können Gäste mit Fahrraddraisinen 15 Kilometer bis in das polnische Naherholungsgebiet am Moryner See fahren“, erklärt Pötsch.

Warten auf grünes Licht

Da die PkP für dieses Jahr noch kein grünes Licht für die polnische Schienenbrücke gegeben hat, geht es am östlichen Ende der Oder-Brücke auf der polnischen Mittelinsel vorerst nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad weiter. 15 Räder kann das Brückentaxi in einem Hänger mitnehmen. „Vielleicht sind die Polen verstimmt wegen des verpatzten Starts 2013“, sagt Unternehmer Pötsch. „Wir haben sogar schon die Deutsche Bahn als Vermittler einbezogen – bisher vergeblich.“

Er bleibe jedoch optimistisch, dass die Polen bald zustimmen. Erst dann, wenn die komplette Strecke per Draisine nutzbar sei, soll ein Eröffnungsfest gefeiert werden. Das Brückentaxi ist vorerst an den Wochenenden jeweils von 10 bis 18 Uhr in Betrieb. Eine Tour kostet pro Person drei Euro, Hin- und Rückfahrt zusammen fünf Euro.