Der Ostervogel des Jahres 2014 in Berlin wird wohl die Nachtigall. Das liegt am Datum – und am Wetter. Ostersonntag fällt in diesem Jahr auf den 20. April. Langjährigen Beobachtungen zufolge ist die Nachtigall der Zugvogel, der zwischen dem 19. bis 25. April aus dem afrikanischen Winterquartier zurückkehrt nach Berlin. Am 11. April, vor einer Woche, hielten sich die Wahlberliner noch in Spanien auf. Zurück an der Spree wird die „Königin der Nacht“ auf einen ihrer Feinde treffen: den Habicht. Er ist inzwischen ein typischer Großstädter.
„Es brüten ungefähr 100 Habichtpaare in Berlin“, erklärt Derk Ehlert. Der Ornithologe steht am Zugang zum Volkspark Rehberge in Wedding, wo er Teilnehmer eines Volkshochschulkurses zwei Stunden lang herumführen wird. Ehlert ist einer der zahlreichen Menschen, die frühmorgens – etwa gegen drei Uhr – aus dem Bett springen, um in Parks und auf Wiesen Vögel zu beobachten und zu kartografieren. So kommen die Werte zu Ankunfts- und Abflugsdaten der Zugvögel zustande, genauso wie die Standorte von Brutrevieren, Revierdichten und allgemeine Zugdaten.
An diesem Abend stoppt der Rundgang nach wenigen Metern. Direkt am Möwensee neben der Afrikanischen Straße erklingen zahlreiche Gesänge: Mönchsgrasmücke und Zaunkönig, Wacholderdrossel und Kleiber, Kohlmeise und Rotkehlchen trällern und schmettern, piepsen und fiepen. Und immer wieder Buchfinken. „Er ist mit etwa 20 Millionen Brutpaaren der häufigste Zugvogel in Deutschland“, sagt Ehlert. Das prächtige Männchen ist an der weinroten Brust und dem blaugrauen Kopf gut zu erkennen.
Waschbären räubern Nester
Nahe des Sees ist ein Nistkasten angebracht, in dem Ehlert schon Waldkäuze gesehen hat. „Sie haben im Winter angefangen zu brüten.“ Das sei ihr Glück. Denn im Winter halten Waschbären, die sich in Berlin stark vermehren und deren Bestand auf etwa 600 Tiere geschätzt wird, Winterruhe. Wenn ein Waschbär aufwacht und Nester ausraubt, sind die kleinen Käuze wehrhaft genug: Sie haben scharfe, starke Klauen zur Verteidigung. Vor übereifrigen Menschen schützt sie das nicht.
Am Wildtiertelefon des Naturschutzbundes (Nabu) und bei der Polizei würden sich oft Spaziergänger melden, die einen Waldkauz, der am Boden saß, mit nach Hause genommen haben. „Das ist nicht nötig“, sagt Ehlert heftig. „Junge Waldkäuze streifen kletternd umher, auch wenn sie noch nicht fliegen können. Sie werden von ihren Eltern überall versorgt.“
Auf einem ein- bis zweistündigen Spaziergang im April sind in einem durchschnittlichen Berliner Park etwa 30 Vogelarten zu hören. Dazu gehört der Grünspecht, der Vogel des Jahres 2014. Vogelkundler gehen von 250 Berliner Revieren aus. Ehlerts Gruppe wird ihn nur hören, nicht sehen. Ehlert ist auf das Sommergoldhähnchen aus. Ein kleiner Vogel, der so hoch singt, dass viele ältere Menschen ihn nicht mehr hören. Der 47-jährige Ehlert sagt nicht ältere, sondern „Menschen mit viel Lebenserfahrung“.
Er hat die Lacher auf seiner Seite – seine Zuhörer sind schon vor langer Zeit flügge geworden. Das Sommergoldhähnchen, erklärt Ehlert, sei mit etwa neun Zentimetern Länge der kleinste Vogel Deutschlands und sehr leicht. „Es wiegt drei bis fünf Gramm – es fliegt quasi portofrei.“ Wieder Gelächter. Ehlert bringt andere mit Wissen zum Lachen – seine Führungen sind schnell ausgebucht.
Zugvögel sind vom Wetter abhängig
In diesem Jahr, sagt der gebürtige Berliner, seien einige Zugvögel vom Bosporus etwas eher zurück als jene von Gibraltar. „Das Wetter in Spanien war in den vergangenen Tagen schlecht, die Vögel wurden zur Zwischenrast gezwungen. Mittelmeerüberquerer wie Baumfalken hingegen waren diesmal im Vorteil.“ Mit Wetter ist auch gemeint, dass es Insekten – also dem Vogelfutter – zu kühl ist. Sie schlüpfen später. Deshalb hätten die Vögel zu wenig Nahrung zum Weiterfliegen – und teilweise regnete zu sehr, so Ehlert.
Das Sommergoldhähnchen ist schon zurück aus Frankreich, Spanien, Italien und Marokko. Als echter Zugvögel legt der Piepmatz Strecken bis zu 1000 Kilometer zurück. „Ich werde nun versuchen, Kontakt aufzunehmen.“ Ehlert zückt sein Tonbandgerät und schließt es an einen kleinen Lautsprecher an. Auf dem Gerät hat er viele Vogelstimmen gespeichert, die er bei Bedarf abspielt. Die Reaktion erfolgt prompt. Ein echtes Goldhähnchen antwortet und fliegt heran. Es plustert seine Kopffedern auf. „Er ist sehr erregt“, sagt Ehlert, „dann machen die das“. Orangerot – an der Farbe der abstehenden Federn lässt sich Deutschlands kleinster Vogel gut erkennen.
Das Vögelchen springt aufgeregt von Zweig zu Zweig um die Gruppe herum, aus deren Mitte der vermeintliche Nebenbuhler ruft. Ferngläser wippen mit. Alle verfolgen seinen Flug. Ehlert stellt das Gerät ab. Das Sommergoldhähnchen verändert seinen Angriffsgesang zum Lockruf und glättet seine Federn. Der orangene Farbklecks wird schmal.
Den Konkurrenten, so mag es ihm scheinen, hat er erfolgreich vertrieben. „Jetzt macht er wieder auf Hengst, um seiner Brutpartnerin zu imponieren“, erklärt Ehlert, „wie stehen schließlich in seinem Schlafzimmer“. Sommergoldhähnchen bauen ihre Nester sogar in Baumkronen. Sie haben keine so große Angst vor Greifvögeln. „Sie sind so klein, sie werden einfach übersehen“, sagt Ehlert.
Hier wird’s „zappenduster“
Ehlert erzählt viel. Doch oft bricht er mitten im Satz ab, reißt den Kopf herum und sein Fernglas hoch. Nun zeigt er zu den Blässhühnern auf dem Teich. Sie greifen eine Stockente an. „Während der Brutzeit sind sie sehr territorial“, erklärt er. Das wäre so, als würde man seinem Nachbarn eine Ohrfeige geben, bloß weil er an der Wohnungstür vorbeigeht. Blässhühner haben einen weißen Schnabel – der Rest an ihnen ist tiefschwarz. „Man nennt sie auch Zappe – daher kommt unser Wort zappenduster.“
In der Ferne macht es „tschk, tschk“. Der Ruf der Mönchsgrasmücke. „Klingt, als würde man zwei Feuersteine gegeneinander schlagen“. Ehlert bietet viele Eselsbrücken, über die man sich Vogelstimmen merken kann – falls man sich erinnert, welche Eselbrücke zu welchem Vogel führt.
Nun lässt sich ein Gartenrotschwanz nahe der Gruppe nieder. Sein Name verrät, dass er einen roten Schwanz hat. Ehlert macht auf den weißgrauen Kopf dieses Exemplars aufmerksam. „Sie werden mit dem Alter so. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn sie überleben und alt werden, müssen sie sehr erfahren sein. Umso begehrter sind sie als Brutpartner.“ Einige Teilnehmer lassen ein sehr sattes Lachen hören.
Die Gruppe bricht auf, Ehlert führt sie zu den Habichtsnestern. In den Bäumen hängen mehrere. Seit einigen Jahren brüten Habichte in den Rehbergen, und fast jährlich bauen sie ein neues Zuhause. „Sie ernähren sich von Tauben und Amseln“, erklärt Ehlert. Dass die Stadt ihnen diese Vögel in Massen bietet, haben sie erst vor einigen Jahren erkannt. Davor galten Habichte fast als ausgestorben. Inzwischen haben sie sich den städtischen Raum erschlossen.
Da die Greifvögel rund um ihren Horst nicht jagen – sie wollen zu Hause ihre Ruhe haben –, siedeln sich nahebei viele Brutvögel an. „Sie müssen dort keine Krähen fürchten. Die haben Respekt vor Habichten.“ Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. „Es ist selten, dass sich ein Habicht eine erwachsene Krähe holt“, erklärt Ehlert weiter. Andere Krähen würden sofort zum Gegenangriff übergehen und Alarm schlagen – was weitere Krähen herbeiruft, die ebenfalls angreifen.
Elster-Bestand sinkt in Deutschland
Einige Schritte weiter, in einer Robinie, brütet eine Elster. „Ihr Bestand nimmt deutschlandweit ab. Aus einigen Landstrichen ist sie ganz verschwunden. Schuld sind Monokulturen und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft “, sagt Ehlert. Nur in Berlin nicht: Wie der Habicht hat die Elster sich als Stadtvogel etabliert, in Berlin gibt es etwa 4500 Brutpaare.
Momentan ist bei den Habichten das Männchen unterwegs. Er jagt auch, um das brütende Weibchen mit Nahrung zu versorgen. Selbst wenn man ihn nicht sieht, verraten die übrigen Vögel seinen Standort. Sie krächzen und meckern. Sie warnen sich kollegial gegenseitig. Ehlert hört daran, in welcher Höhe der Habicht sitzen müsste. „Wenn er in der Baumkrone thront, könnte er von oben herab auf alle Vögel niederstoßen. Dann gehen die Warnrufe in Richtung Luftalarm.“ Seine Reichweite ist groß: Ein Greifvogel kann durchschnittlich etwa 1,5 Kilometer weit scharf sehen. Sitzt der Habicht unten im Gebüsch, verfolgt er ein Ziel am Boden. Dann weisen die umsitzenden Vögel mit anderen Tönen auf ihn hin.
Doch der Terzel macht momentan nichts. Gelegentlich nimmt er Ehlerts Gruppe ins Visier. „Er sucht sich einen von uns aus“, scherzt der. Habichte greifen Menschen nicht an. Im Mai haben sie Junge. Dann sind die Berliner Beringer unterwegs: Drei Männer, die Jungvögel beringen, um mehr über die Habichte zu erfahren. Doch davor steht eine erfolgreiche Brut.


