Mitte

Kneipenlegende steht vor Aus – „Alt Berlin“ soll schließen

Ein Investor will das Haus an der Münzstraße in Berlin-Mitte, in dem früher schon Bertolt Brecht einkehrte, sanieren. Die Kneipe soll deshalb umziehen. Nicht nur im Internet formiert sich Protest.

Foto: Massimo Rodari

An diesen Ort dringt kaum Licht, selbst an sonnigen Tagen nicht. Seine Wände sind bis unter die Decke mit dunklem Holz vertäfelt, und die Regale hat man so postiert, dass die Helligkeit nur in dünnen Streifen in den Raum sickern kann. Aber das macht nicht viel aus. Denn wenn man hier einkehrt, dann zu vorgerückter Stunde, wenn die Gespräche ein bisschen lauter und die Biere schon etwas größer sein dürfen.

Dann geht man zu „Heinz und Inge“. So sagt man, weil das auf einem Schild im Fenster steht: „Das Schönste aller Dinge, ein schneller Schluck bei Heinz und Inge“, auch wenn hier längst keiner mehr Heinz und Inge kennt. Sie müssen den Laden an der Münzstraße in Berlin-Mitte irgendwann einmal betrieben haben, den es seit 1893 gibt und der damit einer der ältesten der Stadt ist.

„Bierstube Alt Berlin“ ist der offizielle Name der Kneipe. Der hängt über der Tür neben einer Schultheiss-Neonreklame, die hier genauso kurios deplatziert wirkt wie der ganze Laden selbst.

In Mitte kauft man normalerweise Designerjeans oder Vintage-Lampen, man schaut sich Mangas im Comicladen an, isst ein Frozen-Yoghurt-Eis, lästert über die Touristen oder geht auf ein Beck’s in die Ponybar.

Aber in eine etwas muffige Eckspelunke einkehren, die noch nicht mal an einer Ecke liegt? Die eine riesige Sammlung verstaubter Bierkrüge präsentiert und an deren Wänden alte Fotos vergilben? Mit einem dubiosen Riesenglas Soleiern auf dem Tresen und Gewürzgurken im Angebot?

Jeden Abend voll besetzt

Genau das. Es muss eine Mischung sein aus echter Sehnsucht nach Heimeligkeit und dem mittetypischen Ironiefimmel, die die Kneipe oft so stark mit Menschen füllt, dass sich mancher Gast einen Türsteher wünscht. Und deshalb sorgt es auch für Unruhe, dass diese Institution des Berliner Nachtlebens jetzt geschlossen werden soll. Der Hamburger Investor Harm Müller-Spreer hat die Immobilie erworben. „Es ist seit mehr als fünf Jahren klar“, lässt er erklären, „dass die Münzstraße 23 saniert werden wird. Der Mietvertrag läuft Ende April aus. Die gesamte Einrichtung der Kneipe ‚Alt Berlin‘ werden wir dann ein paar Häuser weiter originalgetreu einbauen, damit die Atmosphäre erhalten bleibt.“

Ein Umzug also. Erinnerungen werden wach an die spektakuläre Versetzung des Kaisersaals am Potsdamer Platz, mit der 1996 ein denkmalgeschützter Teil des alten Hotels Esplanade um 75 Meter verschoben wurde. Sicher, „Heinz und Inge“ wird nicht auf Luftkissen durch die Münzstraße gekarrt werden, und die Aktion wird auch keine 50 Millionen Euro kosten. Aber es ist in Berlin nicht das erste Mal, dass sehr alte Bäume an neuer Stätte wieder Wurzeln schlagen sollen.

Müller-Spreer alles andere als ein Unbekannter

Wie übrigens auch Harm Müller-Spreer in der Hauptstadt alles andere als ein Unbekannter ist. Der Investor, der ungern Aufhebens um die eigene Person macht, hat große Teile des heutigen Stadtbildes maßgeblich geprägt. Am bekanntesten sicherlich die jahrelang umstrittenen Bürotürme des „Spreedreiecks“ am S-Bahnhof Friedrichstraße, an die sich die meisten Berliner inzwischen schimpfend gewöhnt haben.

Auch der Rest der Liste liest sich eindrucksvoll: Die Pan-Asia-Höfe an der Rosenthaler Straße zählen ebenso dazu wie die Zentrale der Modemesse Bread & Butter oder die SAP-Niederlassung unweit des Hackeschen Marktes. Und auch nur ein paar Schritte von der Kneipe entfernt hat sich Müller-Spreer eingekauft – mit dem gläsernen Eckgebäude an der Münzstraße 13–15, wo sich der Adidas Flagship Store befindet.

Es gibt außerdem eine Onlinepetition

Die Stammgäste der Kneipe jedenfalls verfolgen mit Unbehagen, was nun bald an der Hausnummer 23 geschehen soll. Der Österreicher Philipp Marouschek hat bei Facebook die Fanseite „Alt Berlin – Zeigen wir Courage“ ins Leben gerufen. Es gibt außerdem eine Onlinepetition, die zwar die Schließung des alten Standorts anerkennt, aber trotzdem so etwas wie Protest darüber formulieren will, „dass in dieser Stadt nur bis zur Nasenspitze gedacht“ werde und man ihr Herz „für den Profit nicht mit Füßen treten“ dürfe. Der kathedrale19-Verlag, dessen Geschäftsführer Philipp Marouschek ist, hat außerdem angekündigt, in einer Sonderausgabe seiner „stories“-Reihe Berliner Autoren an all die schönen Geschichten erinnern zu lassen, die sich in den 121 Jahren im „Alt Berlin“ an der Münzstraße 23 zugetragen haben.

Dazu gehören dann sicher auch einige Episoden, die schon jetzt auf der Facebook-Seite zu lesen sind. Abenteuerliches wird da erzählt: Dass die Kneipe in der Weimarer Republik von drei Damen geführt wurde und gut vom nahe gelegenen Straßenstrich profitierte. Dass eine Unterweltgröße namens Fahrradmüller mit seinen engen Kontakten zu den Russen den Laden wieder aufgebaut habe, nachdem die Bomben des Zweiten Weltkriegs über der Münzstraße niedergegangen waren. Dass besagter Fahrradmüller später wegen zahlreicher Raubüberfälle zum Tode verurteilt wurde und schließlich Heinz und Inge als Wirte übernahmen, als die Gaststätte der DDR-Handelsorganisation einverleibt wurde. Und ein gewisser Bertolt Brecht, erzählt Philipp Marouschek, sei hier ein- und ausgegangen. Brecht habe bei seinen Besuchen stets seinen eigenen Barhocker dabei gehabt.

Das klingt zum Teil nach wilden Legenden, erzählt zu später Stunde neben großen Gläsern voller Bier. Historiker werden sie womöglich einmal widerlegen. Aber das ist gar nicht so wichtig. Denn Marouschek und den inzwischen mehr als 700 Unterstützern der Petition geht es auch um das Geschichtenerzählen selbst. Dafür ist dieses Lokal ein wunderbarer Ort. Vielleicht bleibt das auch nach dem Umzug so.

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