Gezielte Verkehrskontrollen, Investitionen in Straßen und öffentlichen Nahverkehr, mehr Personal bei der Verkehrserziehung: In diesen Bereichen hat Berlin laut der Prüforganisation Dekra Verbesserungspotenzial, soll die Sicherheit auf den Straßen in Zukunft steigen. „Die ‚Vision Zero‘ ist keine Vision mehr“, sagte Mario Schwarz, Gebietssprecher Berlin-Brandenburg, bei der Präsentation des Dekra Verkehrssicherheitsreports 2014.
Als „Vision Zero“ wird das Ziel der EU bezeichnet, bis 2050 die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken. Zwischen 2009 und 2012 erreichten in Deutschland 100 der 181 Städte mit mindestens 50.000 Einwohnern bereits mindestens einmal dieses Ziel. Für Deutschlands größte Stadt, Berlin, ein schwieriges Unterfangen, aber man nähert sich in kleinen Schritten an. Bei den Verkehrsunfällen gab es 2013 mit 130.930 zwar einen leichten Anstieg: 0,1 Prozent mehr im Vergleich zu 2012.
Bei der Zahl der Toten konnte Berlin mit 37 jedoch einen historischen Tiefststand erreichen – 2012 waren es 42, 1990 sogar noch 226. Im Länder-Vergleich weist die Hauptstadt mit neun Verkehrstoten pro eine Million Einwohner den niedrigsten Wert auf. Mit 64 ist Brandenburg in dieser Statistik trauriger Spitzenreiter.
Dekra fordert mehr Investitionen in Radfahrstreife
Auf diesen Zahlen sollte sich Berlin aber nicht ausruhen, so die Dekra. In einer rasant wachsenden Stadt steigen die Anforderungen an die Verkehrssicherheit. So widmet sich die Dekra in ihrem diesjährigen Report dem Thema „urbane Mobilität“.
Der Gedanke dahinter: Drei von vier Verkehrsunfällen in Deutschland ereignen sich in Städten, hier gibt es die meisten Verletzten. Nirgendwo treffen so viele unterschiedliche Verkehrsteilnehmer aufeinander, kollidieren die „Stärksten“ (Lkw und Pkw) mit den „Schwächsten“ (Fußgänger und Radfahrer). Von den 37 Verkehrstoten 2013 machten die „Schwächsten“ in Berlin fast zwei Drittel aus.
Deshalb fordert die Dekra unter anderem mehr Investitionen in Radfahrstreifen. Dort würden die Radfahrer besser wahrgenommen, Unfälle beim Abbiegen könnten verringert werden. „Die Radfahrstreifen müssen fachmännisch errichtet werden. Zurzeit werden sie noch zu oft zugeparkt“, sagte Schwarz. Ähnlich lauten auch die Forderungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Berlin (ADFC): mehr Radfahrstreifen, weniger auf den Bürgersteigen verlaufende Hochbordradwege.
Zahl der Getöteten soll bis 2020 um ein Drittel sinken
„Auf diesen kommt es zu deutlich mehr Unfällen“, sagt ADFC-Landesgeschäftsführer Philipp Poll. Der Verband fordert Investitionen von rund 17 Millionen Euro, der Senat hat zuletzt die Bereitstellung von 8,2 Millionen angekündigt. Die Dekra sieht zudem Investitionsbedarf beim Dauerthema Schlaglöcher. Diese könnten Reifen beschädigen, ohne dass der Fahrer es zunächst merke – mit fatalen Folgen. Außerdem seien Verkehrsteilnehmer, die Schlaglöchern auswichen, ein Risiko. Dass Berlin wie zuletzt 50 Millionen Euro Bundesmittel für Sanierung und Ausbau von Straßen verfallen ließe, dürfe nicht passieren.
Die Experten verwiesen zudem auf den Investitionsstau der Nahverkehrsunternehmen, die als Entlastung für den Straßenverkehr unerlässlich seien. Allein den Berliner Verkehrsbetrieben fehlen bis 2030 drei Milliarden Euro für Bauvorhaben. Vor allem aber, so Schwarz, müsse mehr Geld in die Verkehrserziehung fließen: „Hier fehlt es der Polizei an Personal.“ Die Sensibilisierung junger Menschen für das Verhalten im Straßenverkehr sei unerlässlich, weil es eine Investition in die Zukunft sei. Auch bei Geschwindigkeitskontrollen wurde im vergangenen Jahr gespart. Die Zahl gemessener Fahrzeuge sank im Vergleich zu 2012 um acht Prozent.
Maßnahmen wie der „Blitzmarathon“, bei dem die Berliner Polizei im Oktober 2013 mit 1000 Beamten 24 Stunden lang Geschwindigkeitskontrollen vornahm, sieht die Dekra als „wenig nachhaltig“ an. Gezielte Kontrollen an Orten wie Kindergärten – ohne monetäre Absichten – seien effektiver. Seit 2005 wird das Thema Verkehrssicherheit in Berlin verstärkt angegangen. Das Programm „Berlin Sicher Mobil“, eine Kommunikationsplattform verschiedener Organisationen, will die Zahl der Schwerverletzten und Getöteten bis 2020 um 30 Prozent senken. Um „dem Idealzustand der ‚Vision Zero’ möglichst nahe zu kommen.“



