Der kleine Kasper steht mitten im Raum, um ihn herum sitzen Journalisten, Fotografen, lauter Fremde. Doch das beeindruckt ihn wenig. Kaspar ist ein fröhliches und neugieriges Kind – ob sich der Junge auch ohne Betty Voogd so gut entwickelt hätte, kann man nur vermuten.

Voogd ist eine von zwölf Familienhebammen, die in den letzten drei Jahren in Berlin im Rahmen des Projekts „Aufsuchende Hilfe für junge Familien durch Familienhebammen“ werdende Mütter in schwierigen Lebenssituationen begleitet hat. „Ich war psychisch am Boden und sehr unsicher. Betty hat mir Mut gemacht“, sagt Erica Chan, die 32-jährige Mutter von Kasper, die vor fünf Jahren aus Hongkong nach Deutschland kam. „Sie hat mir gezeigt, dass ich es schaffen kann und dass es immer besser wird.“

Das Projekt der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ ist 2011 in Berlin angelaufen und geht nun zu Ende. 254 Familien aus Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Steglitz-Zehlendorf und Neukölln wurden von den Hebammen betreut. Das sind etwa ein Prozent der in dieser Zeit in den vier Bezirken geborenen Kinder. „Eigentlich bräuchten zehn bis 15 Prozent der Säuglinge in Berlin diese Unterstützung“, sagt Stiftungsvorsitzender Adolf Windorfer.

Die zu bewältigenden Probleme waren vielfältig. So litten 34 Prozent der Mütter an einer psychischen Erkrankung, 17 Prozent an einer Suchtmittelerkrankung und 40 Prozent an einer Traumatisierung. Die Familienhebammen halfen, neben ihrer originären Tätigkeit der Schwangerschaftsbegleitung, bei allem, was im Alltag Probleme bereitete: Ernährung des Kindes, Vorsorge, Strukturierung des Tages oder auch die Vermittlung an weiterführende Dienste wie Jugendämter oder Suchtberatungsstellen.

Fortführung des Projekts mit Bundesmitteln fraglich

Das Projekt war der Versuch, die Hebammen, die wie keine andere Berufsgruppe an Familien herankommen, mit den Ämtern zusammenzubringen. „Denn beide Seiten haben ja das gleiche Ziel, die Vermeidung von Kindesvernachlässigung“, sagt Windorfer. Es helfe nicht, einfach Familienhebammen auszubilden. „Sie brauchen ja auch eine Rückendeckung durch die jeweiligen Behörden.“

Und auch die Behörde muss sich sicher sein können, dass unter der Betreuung der Hebamme nichts passiert. Der Versuch schien aufzugehen und die Geschichten wie die von Kasper oder einer 17-jährigen ehemals drogenabhängigen Mutter, die mit ihrem Freund nun in eine eigene Wohnung ziehen kann, sprechen für das Projekt. Doch das Interesse der Senatsverwaltung scheint sich in Grenzen zu halten, die Fortführung aus Bundesmitteln, die zur Verfügung stehen, ist fraglich. Zunächst dauerte es Monate, bis der Senat eine Handlungsempfehlung an die Bezirke gab.

Nun läuft das Projekt in wenigen Tagen aus, und viele der Hebammen stehen ohne einen Vertrag da, weil sich auch die Bezirke noch nicht entschieden haben, wie die Gelder eingesetzt werden sollen. „Wir wissen heute nicht, ob es am 1. Mai weitergeht“, sagt Bettina Dolz, eine Neuköllner Familienhebamme. Eine andere Hebamme sagt, ihre Familien, die sie betreut, wissen noch gar nicht, dass sie bald nicht mehr für sie da sein könnte.