Ernährung

Was Eltern tun müssen, damit Kinder nicht nur Spaghetti essen

| Lesedauer: 6 Minuten

Foto: Getty Images/Blend Images

Der Übergang von der Muttermilch zur festen Nahrung ist bei vielen Kindern heikel. Wie man den Nachwuchs dazu bringt, nicht nur Spaghetti zu mögen.

„Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“, schreit der Suppenkaspar im Kinderbuch-Klassiker „Struwwelpeter“. Ähnliche Sätze bekommen Eltern auch heute noch tagtäglich zu hören. Um die Suppe geht es allerdings längst nicht mehr: Viele Kinder verweigern so ziemlich alles, was von fester Konsistenz ist – oder grün. Bereits jeder fünfte Schulanfänger gilt heute als „heikler Esser“, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in München. Zu den häufigsten Klagen der Eltern zählt heute der Satz: „Mein Kind isst nur Spaghetti mit Tomatensoße“.

Das Problem beginnt meist schon beim Übergang von der Muttermilch oder vom Fläschchen zu Brei oder fester Kost: Das Kind entwickelt ein sogenanntes „selektives Essverhalten“. Es mag kein Gemüse, will nichts Neues ausprobieren, verlangt tagein, tagaus das gleiche Essen. Manche Kinder wollen sich ausschließlich von Nudeln ernähren und werden wütend, wenn die Eltern es wagen, ihnen etwas anderes anzubieten. Die Eltern haben das Gefühl, dass ihr Kind weniger Nährstoffe bekommt, als es zur gesunden Entwicklung braucht, und sind verärgert über das sich täglich wiederholende Drama bei Tisch.

Den richtigen Moment verpasst

„Vorübergehende Fütterprobleme sind im Säuglings- und Kleinkindalter häufig, ohne dass eine ernsthafte Störung vorliegt“, sagt der Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko. „In den ersten beiden Lebensjahren klagen 15 bis 25 aller Eltern über leichtere bis mittelschwere Fütterprobleme, der Anteil schwerer Fütterprobleme liegt zwischen drei und zehn Prozent“.

Dabei sei es im Alter zwischen ein und drei Jahren enorm wichtig, dass Kinder die Vielfalt von Lebensmitteln erkunden und den Geschmack unterschiedlicher Speisen mit allen Sinnen erfahren, betont Koletzko. Der Stoffwechselspezialist der Universitätskinderklinik München und Vorsitzende der Stiftung Kindergesundheit bedauert: „Viele Eltern lassen den richtigen Moment für das gemeinsame Essen ungenutzt verstreichen und verpassen damit die beste Phase, gute Essgewohnheiten zu etablieren.“

Zurzeit werden in Deutschland 80 bis 95 Prozent der Kinder in Deutschland im Alter von zwölf Monaten noch mit Flaschenkost und Breien ernährt. Selbst im Alter von 24 Monaten sind es immer noch 23 bis 33 Prozent. „Dabei brauchen Kinder spätestens nach dem ersten Geburtstag keine Spezialprodukte mehr“, sagt Koletzko. „Sie können mit dem Ende des Säuglingsalters fast alles essen und sollten das auch tun. Eine Ausnahme sind Nüsse und andere harte Lebensmittel in Erdnussgröße, an denen sich kleine Kinder verschlucken können.“ Auch Rohmilchprodukte sollte für Kleinkinder wegen Infektionsgefahr tabu sein.

Neugier des Kindes unterstützen

Kinderärzte, Ernährungsspezialisten, Pädagogen und Sportwissenschaftler haben im „Netzwerk Gesund ins Leben“ Handlungsempfehlungen zur Ernährung im Kleinkindalter entwickelt. Diese sollen Familien mit kleinen Kindern helfen, einen gesunden Lebensstil zu entwickeln. Zu den wichtigsten Tipps gehören detaillierte Vorschläge, wie Eltern die Neugier des Kindes unterstützen und seine Genussfähigkeit fördern können.

Kleinkinder sind bis zu etwa zwei Jahren für neue Geschmackserfahrungen offen, heißt es in den Empfehlungen. Deshalb sollten sie schon im zweiten Lebenshalbjahr an den Geschmack von Lebensmitteln gewöhnt werden, die zur gesunden, gemischten Kost gehören. Die Eltern sollten das Kind ermutigen, neue Lebensmittel und Speisen zu probieren und zu entdecken, wie sie aussehen, riechen, schmecken und sich anfühlen. Das erleichtere den Übergang auf das Familienessen und stelle die Weichen für eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung im späteren Leben.

Eltern wecken die Neugier des Kindes, wenn sie Speisen appetitlich und kindgerecht anrichten, selbst genussvoll mitessen und das Kind an der Gestaltung von Essenssituationen aktiv beteiligen, beispielsweise bei der Vorbereitung des Tisches. Wenn möglich, sollten die Kinder sich auch selbst bedienen dürfen.

Vater und Mutter sind die ersten Vorbilder, die die Lebensgewohnheiten ihres Kindes prägen. Ihr tägliches Beispiel beeinflusst für Jahrzehnte das Essverhalten. Die Familie sollte mindestens einmal am Tag gemeinsam essen und sich dabei Zeit und Ruhe gönnen. „Deshalb bitte keine Handygespräche und auch kein Fernsehen beim Essen“, betont Koletzko: „Das gemeinsame Essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme, es ist auch Futter für die Seele. Die Familienmahlzeit bietet die beste Gelegenheit dafür, entspannt miteinander zu reden. Man beschäftigt sich mit den Kindern, man kann ihnen Zuwendung geben.“

Regelmäßige Mahlzeiten, die eindeutig begonnen und beendet werden, geben dem Tagesablauf des Kindes eine wichtige Struktur. Essenszeiten und Spielzeiten müssen für das Kind verständlich und klar getrennt sein. Es lernt, dass nicht jedes Essbedürfnis sofort befriedigt werden muss, und dass es zugunsten der großen Mahlzeiten aufgeschoben werden kann und soll. Gerade die Möglichkeit, Essgelüste immer und überall zu befriedigen, wird heute mitverantwortlich gemacht für die große Zahl der Übergewichtigen. Kindern sollte in den Pausen zwischen den großen Mahlzeiten für zwei bis drei Stunden weder Snacks, noch zuckerhaltige Getränke oder Milch angeboten werden. Wasser aber kann das Kind jederzeit trinken.

Lebensmittel sind keine Belohnung

Für das Kind ist es ein wichtiger Lernprozess, bei Mahlzeiten sitzen zu bleiben und sich für das Essen und Sattwerden Zeit zu nehmen, sagen Ernährungsexperten. Im Schnitt dauern Mittag- und Abendessen in Deutschland 20 Minuten. Länger als 30 Minuten sollte eine Hauptmahlzeit für Kleinkinder nicht dauern. Eltern sollten ihrem Kind ermöglichen, sich auf das Essen zu konzentrieren und Ablenkungen vermeiden.

Besser ist es, das Kind nicht mit Tricks, Versprechungen oder Spielen zum Essen zu animieren. Auch Belohnung oder Bestrafung darf Essen nicht sein. Nutzen Eltern Lebensmittel oft, um zu trösten oder zu belohnen, führt dies zu einem ungesunden Essverhalten oder Übergewicht. Essen ist keine Leistung – so sollten Kinder auch nicht übermäßig dafür gelobt werden, was und wie viel sie essen.

Große Portionen überfordern Kinder oft. Deshalb sollte zunächst eine kleine Portion auf den Teller gegeben und etwas nachgegeben werden, wenn das Kind es möchte. Viele Eltern sorgen sich, dass ihr Kind nicht genug isst. Wie viel die Kleinen verzehren, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Ist das Kind gesund, aktiv und zufrieden, können Eltern davon ausgehen, dass es ausreichende Mengen isst.