Projekt MINTgrün

Uni auf Probe – TU Berlin bietet Schnupperstudium an

An der TU Berlin probieren 177 Studienanfänger im zweisemestrigen Orientierungsstudium „MINTgrün“ aus, welches Fach für sie das richtige ist. Hochschulpräsident Thomsen will das Projekt ausweiten.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

In der Maschinenbauhalle ist viel Platz für große Landmaschinen – und für eine Reihe von kleinen futuristischen Standuhren. Studentin Manon Weiske, 19, schraubt gerade an einem Holzmodell mit einer Zeitanzeige-Kugel und vielen Zahnrädern herum. Die Uhr ist eine Auftragsarbeit aus dem Projektlabor „Kreativität & Technik“, das zum zweisemestrigen Orientierungsstudium „MINTgrün“ an der Technischen Universität (TU) gehört.

„MINT“ steht für die vier Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. „Dabei sollen sich die Studierenden überlegen, wie man eine Maschine plant, was sie können soll und wie sie aussehen kann“, sagt Dozentin Lisa Rademacher. Manon Weiske hat die MINTgrün-Phase bereits abgeschlossen. Wie viele Abiturienten war auch sie zunächst unsicher, in welche Richtung es gehen sollte. „Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt ein technologisches Fach studieren sollte“, erzählt sie. „Danach wusste ich sicher, dass ich Biotechnologie studieren wollte.“

Christian Thomsen, der neue Präsident der TU, wird es gern hören. MINTgrün gibt es derzeit nur an der Fakultät II für Mathematik und Naturwissenschaften. Thomsens Ziel ist es, ein Studium generale für alle einzuführen, die an seiner Hochschule studieren wollen – auch um die Studienabbruchquote zu senken. „Ein Jahr lang sollen die Studierenden möglichst viele Fächer ausprobieren dürfen, um genau herauszufinden, was dahintersteckt und was ihnen liegt“, sagt der Präsident.

Ziel ist es, die Abbrecherquote zu verringern

„Ich möchte das Studium generale nach dem MINTgrün-Vorbild konzipieren“, so Thomsen. Ob es für Bereiche wie die Geistes- und Wirtschafts- sowie Sozialwissenschaften eigene Einheiten geben wird oder ein gesamtuniversitäres Studium generale, hänge vom Engagement der Fakultäten und den Mitteln ab. Physikprofessor Thomsen ist auch deshalb ein begeisterter Anhänger einer solchen Orientierungsphase, weil er so in Tübingen zu seinem Fach gefunden hat.

Bundesweit liege die Abbrecherquote in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern bei rund 50 Prozent, sagen Experten. Die ersten Erfahrungen mit MINTgrün belegen einen großen Wunsch nach Orientierung. Christian Schröder, der das Projekt leitet, berichtet: „Bei der Premiere im Herbst 2012 schrieben sich 77 Studierende ein, im laufenden Studienjahr sind es bereits 177.“

Eine Befragung der ersten Absolventen ergab, dass mit 40 mehr als die Hälfte im MINT-Bereich an der TU weiterstudiert haben, weitere 20 blieben im Fachbereich, wechselten aber an andere Hochschulen. Die restlichen Studierenden würden heute ein anderes Fach studieren beziehungsweise hätten realisiert, dass ein Studium nicht das Richtige für sie sei, sagt Schröder. Und: „Auch das kann eine wichtige Erkenntnis sein.“

Punkte werden für späteres Fachstudium angerechnet

Mit guten Noten hängt das Interesse an einem Schnupperstudium nicht zusammen, für das Programm haben sich auch Abiturienten mit mittlerem Notendurchschnitt eingeschrieben. Finanziert wird das Projekt unter anderem über den Bundes-Qualitätspakt Lehre, aus dem 1,7 Millionen Euro über vier Jahre fließen.

In ihrer MINT-Zeit sammeln die Studierenden Leistungspunkte, die für das spätere Fachstudium angerechnet und europaweit anerkannt werden. An der Freien Universität gibt es derzeit keine Pläne, ein interdisziplinäres Studium generale einzuführen: Dies sei sowohl aus Kapazitätsgründen als auch organisatorisch nicht realisierbar, sagt Goran Krstin, Sprecher des FU-Präsidenten. Seine Hochschule verfolgt einen anderen Ansatz, will mit Schülerlaboren oder dem Frühstudium „Proinformatik“ während der Schulzeit Einblick ins universitäre Leben geben.

Auch die Humboldt-Universität hat kein Studium generale, doch verweist Vize-Präsident Professor Michael Kämper-van den Boogart auf die Wahlpflichtbereiche: „Die Rahmenordnung sieht für alle Studiengänge überfachliche Studienanteile vor, in denen die Studierenden die Gelegenheit erhalten, besonderen, vom gewählten Fach abweichenden Studieninteressen nachzugehen.“ Für ihn entspricht dieses Angebot am ehesten der Ursprungsidee eines Studium generale, „das ja originär nicht ein Schnupperstudium zur Studienwahl darstellt“.