Studium in Berlin

Mit 16 in den Hörsaal – Schülerstudenten an der Uni

Seit 2006 können Schüler an Lehrveranstaltungen der Technischen Universität Berlin teilnehmen und dabei Punkte für ihr späteres Studium sammeln. Jetzt wird der 1000. Schülerstudent erwartet.

Foto: Krauthoefer / Krauthöfer

Klingt nach dem Traum vieler Schüler: dem Unterricht fernbleiben – und die Lehrer sind einverstanden. Genau das aber ist für einige Hundert Berliner Realität. Schließlich schwänzen sie nicht, um irgendwo abzuhängen, sondern sie gehen an die Universität. Seit 2006 gibt es das Schülerstudium der Technischen Universität Berlin, im kommenden Sommersemester wird der 1000. Teilnehmer erwartet.

Auch Marina hat sich von ihrer Schule eine Genehmigung eingeholt und im vergangenen Semester statt ihren Kunst-Leistungskurs an der Schule Seminare zu Betriebswirtschaftslehre und Management an der TU besucht. Die 16-Jährige aus Spandau geht in die elfte Klasse eines Gymnasiums. Durch die verkürzte Gymnasialzeit haben die meisten Oberstufenschüler eigentlich schon genug mit der Schule zu tun, aber Marina reichte das nicht. "Klar, das Studium ist eine Mehrbelastung, aber Nachtschichten muss ich nicht machen", sagt sie. Und trotz oder gerade wegen des Studiums hat sie ihre Noten verbessern können, weil sie mehr Antrieb zum Lernen bekommen hat. "Ich habe mich früher in vielen Fächern gelangweilt", erzählt sie.

Jetzt aber fühlt sie sich besser ausgelastet. Den Schulstoff, den sie durch das Studium verpasst, versucht sie während der Schulzeit aufzuholen. Wenn sie sich in einem Fach mal wieder langweilt, hat sie immer etwas dabei, was sie aufarbeiten kann. So findet sie sogar noch Zeit, am Nachmittag Sport zu machen oder sich mit Freunden zu treffen. Durch das eine Semester an der TU hat sie jetzt eine klarere Vorstellung, wohin es bei ihr beruflich gehen soll. Sie war sich erst nicht sicher, ob ein Wirtschaftsstudium für sie das richtige ist. Nun hat sie die Antwort gefunden: Ja.

Unterfordert: Viele Hochbegabte haben keine gute Noten

Wie Marina fühlen sich viele Teilnehmer des Programms "Studieren mit 16" in der Schule unterfordert und suchen nach zusätzlichen Herausforderungen. Manche wollen auch ihr Wissen in einem Fach vertiefen, für das sie sich interessieren. "Das Programm ist nicht auf Hochbegabte ausgerichtet", erklärt Claudia Cifire von der Studienberatung der TU, "auch Schüler können dabei sein, die durchschnittlich gut, aber überdurchschnittlich motiviert sind." Dennoch gehören viele Hochbegabte zu den Teilnehmern, weil sie sich im Schulunterricht häufig langweilen und ihnen das Lernen an der Universität leichter fällt.

Georg zum Beispiel hat einen IQ von über 130 und gilt damit als hochbegabt. Der 14-Jährige besucht bereits die elfte Klasse eines Gymnasiums. Mit fünf Jahren wurde er eingeschult, später hat er noch eine Klasse übersprungen, aber noch immer langweilt ihn die Schule, obwohl er – wie viele Hochbegabte – keine guten Noten hat. Seine Eltern sind immer auf der Suche, Georg zusätzliche Anregungen zu geben.

So sind sie vor zwei Jahren auf das TU-Programm gestoßen. Seitdem besucht Georg vor allem Lehrveranstaltungen im Bereich Mathematik und Informatik. "Die Art, an der Uni zu lernen, hat mich stärker angesprochen, man wird nicht so kontrolliert, hat mehr Freiheiten, damit komme ich besser zurecht." Er hat schon einige Prüfungen an der Uni bestanden. Das hat sein Selbstbewusstsein gestärkt und ihm für die Schule einen Motivationsschub gegeben.

Junge Studenten: Etwa 60 Schüler pro Semester an der TU

Unterstützt wurde Georg von seiner Schulleitung. Nicht immer konnte er vom Unterricht freigestellt werden, aber meist fand sich doch ein Weg, damit er zu seinen Uni-Seminaren gehen konnte. Auch Michael Wüstenberg, Leiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, hat positive Erfahrungen mit dem Schülerstudium gemacht. Das Schnelllerner-Gymnasium ist Partnerschule der TU und entsendet in jedem Semester einige Schüler an die Universität.

"Viele Kinder sind über den Schulstoff hinaus kognitiv belastbar", erklärt Wüstenberg, "die leben an der Uni regelrecht auf." Er hat sogar beobachtet, dass viele ihre Leistungen durch den Besuch an der Uni verbessern. Vom Lernen an einem anderen Ort und den Erfahrungen mit Älteren würden die Schüler profitieren, sagt Wüstenberg. Nur selten würden Jugendliche das Studium wieder abbrechen, weil ihnen die Belastung zu hoch ist.

Als Georg mit dem Schülerstudium begann, war er erst zwölf. Immer mal wieder kommen so junge Studenten an die TU, "aber da prüfen wir stets sehr genau, ob das überhaupt einen Sinn macht", erklärt Claudia Cifire. Die meisten Teilnehmer des Programms kommen ab der zehnten Klasse. In Mathematik zum Beispiel brauchen die Schülerstudenten schon das entsprechende Grundwissen, um überhaupt zu verstehen, worum es geht. Sehr junge Schüler lädt Claudia Cifire in die Studienberatung ein, um im Einzelfall zu besprechen, was überhaupt möglich ist.

Einen Rechtsanspruch auf einen Studienplatz gibt es nicht. Etwa 60 Schüler kommen in jedem Semester an die TU, etwa ein Drittel von ihnen bleibt länger als ein Semester. Die Schülerstudenten können aus 90 Modulen wählen. Die meisten Lehrveranstaltungen liegen im Bereich Technik und Naturwissenschaft, und die Schüler können – im Gegensatz zu Gasthörern – auch die entsprechenden Prüfungen ablegen und sich die Ergebnisse später für ein reguläres Studium anrechnen lassen.

Überproportional viele Schülerstudenten haben Migrationshintergrund

Etwa zwei Drittel der Schülerstudenten sind männlich, das spiegelt auch das Geschlechterverhältnis in der regulären Studentenschaft wider. Besonders ist allerdings, dass etwa 30 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben. Claudia Cifire hat beobachtet, dass gerade diese Schüler eine hohe Leistungsbereitschaft mitbringen: "Bildung ist für sie keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Schlüssel ins Leben", sagt die Studienberaterin.

Sie würden daher auch die Lehrveranstaltungen berufsorientiert ausrichten. So hat auch Berkan das Schülerstudium genutzt, um auszuloten, welches Fach für ihn infrage kommt. Vier Semester lang hat der 18-Jährige aus Tempelhof Seminare in Mathematik, Informatik und BWL besucht. Sein Bruder, der bereits an der TU studiert, hat ihn vor zwei Jahren auf das Programm aufmerksam gemacht. Ihre Eltern haben nicht studiert, unterstützen die Söhne aber in ihrem Engagement.

Auch von seiner Schule erfährt Berkan viel Anerkennung, selbst von den Mitschülern: "Streber hat mich bislang niemand genannt." Er hat die Lehrveranstaltungen meist am Nachmittag besucht, damit für ihn möglichst wenig Unterricht ausfällt. Als Durchschnittsschüler bezeichnet er sich, doch sein starker Wille hat ihm die Doppelbelastung erleichtert. Jetzt steht er kurz vor dem Abitur und freut sich, dass er genau weiß, wie es danach weitergeht: "Ich werde Informatik studieren."

Vorteile durch das Schülerstudium haben aber nicht nur die Jugendlichen, auch die Uni profitiert davon. "Ein Drittel der Schülerstudenten landet später an der TU", sagt Claudia Cifire. Es sind meist die Studenten, die in unterdurchschnittlicher Zeit überdurchschnittliche Leistungen erbringen.

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