Gerhard Schröder steht da und schaut ernst. Sigmar Gabriel lobt ihn, spricht von seinem Aufstieg: „Du bist nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren.“ 70 Jahre wird Schröder an diesem Montag alt, und am Vorabend feiert ihn die SPD im Hamburger Bahnhof in Berlin. Schröders Minister sind da, auch viele Prominente aus Kunst und Kultur. Und Schröder bedankt sich. „Die Partei, auch wenn ich mit Ihr Streit hatte, war immer mein Zuhause“, sagt er. Und beschwört dann das sozialdemokratische Selbstbewusstsein, etwas aus eigener Kraft zu schaffen.

Es war ein steiniger Weg. Aufgewachsen in Baracken. Der Vater starb als Wehrmachtssoldat in Rumänien. Die Mutter schlug sich als Putzfrau durch. Musste den kranken Stiefvater und die fünf Kinder alleine ernähren. „Wir hatten immer Hunger“, schreibt Gerhard Schröder in seiner Autobiografie „Entscheidungen“. Doch Schröder hat sich hochgearbeitet. Vom Anwalt zum Juso-Vorsitzenden, vom Ministerpräsident zum Kanzler.

Wie regierte er, was trieb ihn an, wie ist er heute? Das können Menschen, die ihn gut kennen, am besten beantworten.

Der Freund

Das Essen kommt. „Das sind ja Riesenstücke“, sagt Klaus Uwe Benneter, 67. Es gibt Currywurst. Doch in der „Ständigen Vertretung“ am Schiffbauer Damm, dem Lokal, das wegen der vielen Politikerfotos auch ein Museum ist, heißt die Currywurst nicht Currywurst, sondern Altkanzlerfilet. Weil sie die Lieblingsspeise von Gerhard Schröder ist. Sogar auf den Tellern steht Altkanzlerfilet. Benneter und Schröder waren früher öfter hier.

Benneter ist Schröders Freund. Sie kennen sich seit 45 Jahren. „Wir haben die Jusos nach links gekippt“, sagt er. Das war 1969. Benneter galt als Kommunist, alle nannten ihn Benni Bürgerschreck. Später wurde er Juso-Chef. Dann flog er aus der Partei. Schröder wurde sein Nachfolger.

Vielleicht hat das ihre Freundschaft gerettet. Schröder ging in den Bundestag, Benneter hatte erst einmal genug von Politik. So seien sie nie Konkurrenten geworden, sagt Benneter. „Ich war ja aus dem Rennen.“ Er ist entspannt. Er wirkt wie ein Mensch, der mit sich im Reinen ist.

1983 wurde er dann doch wieder SPD-Mitglied. 2002 kam er in den Bundestag, Direktmandat im schwarzen Steglitz-Zehlendorf, wie er stolz betont. Heute arbeitet er wieder als Anwalt und Notar in Berlin. Sie treffen sich manchmal zum Essen, am Gendarmenmarkt oder woanders in Mitte. Ein paarmal im Jahr fährt Benneter nach Hannover, da wird dann Skat gespielt. Schröder, man merkte das auch in den Wahlkämpfen, hat einen unbändigen Ehrgeiz. Als Jugendlicher spielte er als Mittelstürmer beim TuS Talle, und weil er kämpfte wie kein anderer, nannten ihn alle „Acker“. In seinem vor kurzem erschienenen Interview-Buch „Klare Worte“ erzählt Schröder, dass er früher Tennis gespielt hat: „Auf einem internationalen Gipfel in Kanada habe ich zum Beispiel gegen Tony Blair gespielt. Er reiste mit einer eigenen Trainerin an, hatte aber trotzdem keine Chance.“ Es ist die Herkunft, glaubt Benneter. Schröder wollte es immer allen zeigen. Diesen Ehrgeiz bekommt Benneter beim Skat ab. „Er sagt zu mir immer: Ich brauch‘ Gegner, keine Opfer“, sagt Benneter. „Wenn er beim Skat knapp verliert, kann er für einen Moment so richtig aus der Haut fahren.“

Die Grüne

Es ist Sonntag. Renate Künast sitzt zu Hause, liest Zeitung. Das Handy klingelt. Es ist der Kanzler. Er sitzt mit der Familie in Hannover beim Italiener. „Meine Frau sagt, ich soll Dich loben für etwas“, sagt Schröder. „Ich weiß nicht mehr, für was, aber meine Frau sagt: Weiter so!“

Der Anruf hat Künast amüsiert. Und natürlich gefreut. Künast, 58, war fünf Jahre Schröders Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Sie übernahm das Amt 2000, es war die Zeit der BSE-Krise. Schröder und Künast kamen gut miteinander aus. Künast glaubt, das lag auch daran, dass beide aus einfachen Verhältnissen stammen. Dass er ihre Effizienz mochte. „Ihm hat es wahrscheinlich gefallen, dass ich ’ne solide Arbeiterin bin, die nicht den ganzen Tag draußen Tütü macht.“

Und sie mochte seine Art. Schröder sei authentisch, ganz natürlich. Angetrieben habe ihn auch sein Empfinden für Ungerechtigkeit, sagt Künast. „Er hatte den Mut, etwas zu tun. Er packte es an.“ Künast, heute Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im Bundestag, denkt gern an Rot-Grün zurück. Nicht so gern spricht sie über Schröder und seine Freundschaft zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und sein Engagement für Nord Stream. „Naja“, sagt Künast. „Er hat sich halt dafür entschieden. Ich versteh‘s nicht. Ich kann es Ihnen nicht erklären. Da steh‘ ich einfach irritiert davor.“

Der Sprecher

In Béla Andas Büro hängt eine Karikatur. Schröder hat einen Lorbeerkranz auf dem Kopf, schlurft als Cäsar durch eine Säulenhalle. Anda klopft mit Hammer und Meißel Worte in eine Marmortafel. Schröder fragt: „Wo waren wir stehen geblieben, Béla?“ Anda: „Die Reformen sind wichtiger als ich!“ Und Schröder: „Das soll ich gesagt haben? Genial!“

Anda steht vor der Karikatur, freudig und nachdenklich zugleich. Der Satz beschreibe die Agenda-Schröder gut, sagt er. „Gerhard Schröder war ohne Furcht. Einer, der dahin geht, wo es weh tut.“ Auch Anda glaubt, dass es Schröders Herkunft ist, die ihn angetrieben hat. „Er ist einen ursozialdemokratischen Weg gegangen“, sagt Anda. „Seine Schule war das Leben.“

Anda war Schröders Regierungssprecher. Heute gehört er zur Chefredaktion der „Bild“-Zeitung. Anda, 51, sieht immer noch so aus wie zu Schröders Regierungszeiten. Ein Mann mit exakt gescheitelten Haaren und perfekt sitzendem Anzug, er könnte sofort eine Rolle in der 60er-Jahre-Serie „Mad Men“ bekommen.

Die Bundestagswahl im September 2005 verlor Schröder nur knapp. Die SPD bekam 34,2 Prozent, die Union 35,2 Prozent. Schröder ging in die Elefantenrunde, attackierte Angela Merkel, Guido Westerwelle und die Journalisten. Er sagte Sätze wie: „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden? Also, ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen.“

Die Deutschen saßen vor dem Fernseher und konnten es nicht fassen. Anda saß hinter Schröder, in der Regie, nur einen Meter von ihm entfernt. „Doch ich konnte dann auch nicht mehr eingreifen“, sagt er. Heute lacht er über den Auftritt. „Nach der Wahl 2005 hat Gerd Schröder ein halbes Jahr mit sich gehadert“, sagt Anda. Doch diese Zeit sei längst vorbei. „Er weiß: Er hat das Richtige gemacht.“

Der Enttäuschte

Hans-Christian Ströbele (Grüne) lacht, wenn man ihn fragt, wann er Schröder zum ersten Mal gesehen hat: „Das war in der JVA Tegel.“ Ende der 70er-Jahre sind sie sich kurz auf dem Gang begegnet, beide arbeiteten als Rechtsanwälte. Sonst lacht Ströbele wenig, wenn man mit ihm über Schröder spricht. Es fallen Worte wie Erpressung. Nach dem Anschlag vom 11. September 2001 wollte Deutschland an der Seite der USA die Taliban in Afghanistan bekämpfen. Doch Ströbele und andere wollten nicht. Schröder verband den Afghanistan-Einsatz damals mit der Vertrauensfrage. „Wir haben sehr gelitten“, sagt Ströbele. „Das war eine Riesengemeinheit.“ Und so hat Ströbele – wie drei weitere Grüne – mit Nein gestimmt. Schröder bekam trotzdem von einer rot-grünen Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen.

Ströbele, der grüne Rebell, der viermal das Direktmandat in seinem Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg holte, glaubt, dass Schröder seine Herkunft vergessen hat. „Er hat mich enttäuscht. Er hat das einfach alles beiseite geschoben.“

Die Wirtin

Ein Abend in den frühen 80er-Jahren. Schröder sitzt an der Theke der Kneipe „Provinz“ im Bonner Regierungsviertel. Da kommt Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) mit zwei Offizieren in die Kneipe. Der Wirt, Dieter Stollenwerk, geht in die Küche, weil er Uniformen nicht ausstehen kann. Schröder stellt sich hinter die Theke und tut so, als sei er Kellner. Geht zu Wörner und den Soldaten und fragt, was es sein darf. Wörner schaut ihn an und sagt: „Sie sind doch der Schröder aus Niedersachsen.“ Schröder sagt: „Nein. Sie verwechseln mich.“ Wörner bestellt, Schröder zapft und serviert das Bier.

Am nächsten Tag begegnen sich Wörner und Schröder im Bundestag. „Der Gerd hat sich schlapp gelacht. Und als er uns das erzählt hat, hab‘ ich vor Lachen in die Theke gebissen“, sagt Heike Stollenwerk, die damals mit ihrem Mann die „Provinz“ führte.

Heute lebt sie wieder in Berlin. Sie sitzt im „Zwiebelfisch“ am Savignyplatz, auch dieses Lokal hat sie gegründet, das war 1969. Heike Stollenwerk, 70 Jahre alt, eine herbe Frau mit kurzen Haaren, sie raucht Lucky Strike und hat eine Ausbildung in einer Firma gemacht, die Traktoren verkauft. Sie kennt fast das ganze rot-grüne Kabinett. Die Kneipe war „nur ein kleines Ding“, sagt sie. Aber da war ja sonst nichts. „Also traf man sich bei mir.“

Schröder saß von 1980 bis 1986 im Bundestag. Er wurde ein bisschen bekannt, weil er als erster Abgeordneter ohne Krawatte sprach. Mit Joschka Fischer plante er in der „Provinz“ das Kabinett von morgen, sie schrieben auf einem Bierdeckel: Schröder macht den Kanzler, Fischer den Außenminister. Und eines Abends, nach ein paar Bier, ging Schröder über die Straße zum Bundeskanzleramt, rüttelte am Zaun und rief: „Ich will hier rein!“

Schröder und Heike Stollenwerk wurden Freunde. „Er hat ja gern gefeiert“, sagt sie. Manchmal ging es bis ein Uhr, manchmal bis drei Uhr, manchmal war erst um fünf Uhr Schluss. „Mit dem konnte man frei von der Leber weg reden“, sagt sie. Vor allem mit Hiltrud, seiner damaligen Frau, war sie gut befreundet. Die „Sache mit Doris“ hat Heike Stollenwerk nie verstanden.

1999 zog Heike Stollenwerk mit den Politikern nach Berlin, als Mitarbeiterin bei den Grünen im Bundestag. Dann wurde sie arbeitslos. Bekam HartzIV, litt darunter, wie bürokratisch alles in den Jobcentern geregelt wurde. „Ich hab‘ da ein Theater gehabt.“ Heute lebt sie von der Grundsicherung. „Das ist nicht prickelnd“, sagt sie. Doch böse ist sie Schröder wegen Hartz IV nicht. Heike Stollenwerk findet die Agenda-Reformen gut, nur die Kommunen hätten sie schlecht umgesetzt. „Ich bin ja auch ‘ne Treue. So schnell lass‘ ich mir den Gerd nicht ausreden.“