Vieles fing an mit einem Mann, den heute kaum jemand kennt. Hans Oßner war ein stiller Typ, Anfang 40, und besaß im Jahr 1981 im beschaulichen Landshut eine Discothek. Mit Mitte 30 hatte er aus dem Nichts mit dem Bodybuilding angefangen und sah nun wie aufgepumpt aus. Aber das war in Ordnung. Oßner bewunderte Arnold Schwarzenegger, den hünenhaften Gewichtestemmer aus der Steiermark, der es gerade von den Siegertreppchen des Sports vor die Kameras in Hollywood geschafft hatte. Ein ehemals Unbekannter aus der Provinz, der die große Welt erobert hatte: Oßner fand das toll, das wollte er auch. Und er hatte eine Idee.
Auch Frank Elstner hatte damals eine Idee, nur ein paar Monate zuvor. Er hat das oft geschildert: Wie er in einer schlaflosen Nacht in nur zwei Stunden das Rohkonzept für eine Sendung aufs Papier brachte, die zur erfolgreichsten der deutschen Fernsehgeschichte werden sollte. In der Menschen kuriose Kunststücke vorführen und Prominente Wetten darauf eingehen, ob sie gelingen werden oder nicht. Am Abend des 14. Februar 1981 stand Elstner, den man als Moderator von „Spiel ohne Grenzen“ und „Die Montagsmaler“ kannte, vor seinen prominenten Kandidaten und kündigte Hans Oßner an, den Discobesitzer aus Landshut.
Oßner behaupte, sagte Elstner, er könne eine handelsübliche Wärmflasche durch Aufblasen zum Platzen bringen. Und keine fünf Minuten später stand in der Mitte des Saals, stand auf der Hauptbühne der öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung ein muskelbepackter Mann und pustete so energisch wie sinnlos in einen roten Kautschukbeutel, bis dieser tatsächlich mit lautem Knall und unter Applaus des Publikums zerbarst. Wo Hans-Joachim Kuhlenkampff, Rudi Carrell und Hans Rosenthal seit Jahren mit immer denselben Rate- und Merkspielchen gepflegte Langeweile zelebrierten, hatte Frank Elstner plötzlich einen lustigen, lärmenden Rummelplatz eröffnet. Hans Oßner wurde der erste Wettkönig. Es war eine kleine Kulturrevolution.
So beendete Lanz die Sendung
Die Baden-Arena in Offenburg am vergangenen Sonnabendabend, 33 Jahre danach, es geht gegen 23 Uhr: Mit einer nicht mehr steigerbaren Lakonie beendet Markus Lanz, 45 Jahre alt und Vorzeigemoderator des ZDF, die Erfolgsgeschichte von „Wetten, dass..?“. Es ist ihm gerade mal einen Halbsatz wert, dass es nur noch drei Sendungen geben wird, bis am 14. Dezember aus Nürnberg zum letzten Mal die Eurovisions-Fanfare erklingt. Dann dreht er sich um und verschwindet in den Kulissen.
Selbst seine schärfsten Gegner werden ihm zugestehen müssen, dass man so einen Abgang nicht viel stilvoller hinlegen kann: ohne Pomp, ohne Krokodilstränen, auch ohne Triumph gegenüber denjenigen, die es vorhergesagt und sich irgendwie auch gewünscht hatten. Und doch war in den drei zum Teil zeitlupenhaft gedehnten Stunden zuvor auch klar geworden, dass diese Sendung ihre besten Zeiten hinter sich gelassen hat.
Dass sie so, mit diesem Konzept und auch mit diesem Moderator, heutzutage nicht mehr funktioniert. Ob man es nun auf die Kälte in unserer Gesellschaft zurückführt, wie Lanz selbst es in einem später verbreiteten Radiointerview tat, oder ob man es mit der digitalen Revolution begründet, wie es in einem Tweet von Frank Elstner anklang (siehe unten), scheint da fast nur noch eine akademische Frage zu sein.
Wenn man verstehen will, was diese Sendung einmal war und warum sie in ihren Spitzenzeiten weit über 20 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme holte (und das allein in der alten Bundesrepublik!), dann ist es nicht getan mit einem Hinweis auf die technische Entwicklung. Mit Smartphones, mit YouTube und mit amerikanischen Serien, auch mit dem Konkurrenzdruck des Privatfernsehens mag der Einbruch der Quoten auf zuletzt unter sechs Millionen erklärbar sein.
Aber das sagt noch nichts darüber, wie diese Sendung zum vielzitierten Lagerfeuer der Nation werden konnte, zum verbindlichen Pflichtstoff am Sonnabendabend, über den dann noch tage-, manchmal wochenlang geredet wurde. Den man einfach gesehen haben musste.
Hier waren alle gleich
Das Mobiliar der Show erzählt uns einiges darüber. Bis heute hat sich das Sofa erhalten, auf dem alle Prominenten Platz nehmen müssen, und selbst die Einzelsessel der ersten Sendungen verbreiteten genau jene Wohnzimmeratmosphäre, die zum Markenzeichen werden sollte. Mit dieser offensiv ausgestellten Gemütlichkeit traf Elstner einen Zentralnerv der bundesrepublikanischen Nachkriegsseele: das Bedürfnis nach eingehegter, risikofreier Zerstreuung.
Und noch weit wichtiger: Hier konnten die kleinen, die unbekannten Leute den Reichen und Schönen dieser Welt einmal öffentlich zeigen, wo der Hammer hängt. Dass es böse enden kann, wenn man sie falsch einschätzt. Ob es nun der nobel ergraute Curd Jürgens war, der sich als Wettpate mit einem Landshuter Discobesitzer zu befassen hatte, oder ob Tom Hanks zur Freude der Nation eine Katzenfellmütze übergestülpt wurde: Zum Erfolgsgeheimnis von „Wetten, dass..?“ zählt das Egalitäre, das in jeder Sendung aufs Neue zelebriert wurde und dem sich ausnahmslos jeder zu beugen hatte.
Natürlich wäre die Sendung ohne Thomas Gottschalk schon viel früher eingegangen, der sie – unterbrochen nur von Wolfgang Lipperts Intermezzo 1992/93 – insgesamt 22 Jahre lang moderierte. Mit seiner gelassenen Schlagfertigkeit und einem präzisen komödiantischen Talent konnte er Elstners Erfindung gerade in dem Moment eine Frischluftzufuhr verpassen, als diese am allernötigsten war. Der Zeitgeist kippte in der zweiten Hälfte der Achtziger ins Ironische und vertrug sich nicht mehr mit der etwas muffig gewordenen Ästhetik der Ledergarnitur, die Elstners „Wetten, dass..?“ lange Zeit so anheimelnd gemacht hatte.
Gottschalk erkannte den bürokratischen, leicht zwanghaften und auch kleinbürgerlichen Charakter, der all diesen Gabelstaplerkunststücken, all diesen Eierbalancier- und Streichholzmerkübungen anhaftete – und machte das Beste daraus, indem er ihren absurden Kern charmant lächelnd ausstellte. All diese ironisch gebrochenen Gesten Gottschalks – der gereckte Zeigefinger, die übertrieben ernsthaft gerunzelte Stirn, der oft gravitätisch gemessene Gang – zielten in diese Richtung.
Gottschalk holt die Prominenten
Zudem war es Gottschalk, der das Format als Vermarktungsmaschine neu erfand und aufgrund persönlicher Kontakte einen beispiellosen Reigen von Prominenz aufs Sofa zitieren konnte – auch wenn die Quoten schon zu seinen Zeiten langsam, aber sicher zu sinken begannen. In seine Zeit fallen viele Momente, die kein Fernsehlexikon auslassen darf: die Sendung im Oktober 1987, in der Cher und Brigitte Nielsen aus Versehen fast dasselbe Kleid trugen.
Die berühmte Buntstiftwette von 1988, als das Satiremagazin „Titanic“ die Nation narrte. Der Auftritt Mickey Rourkes, der im März 1990 die anderen Gäste mit Kettenraucherei und Schweißfüßen sprachlos machte. Die wüsten Ausfälle Götz Georges schließlich, der Gottschalk 1998 schlechte Vorbereitung unterstellte – das alles rückwirkend überschattet von dem schweren Unfall des 23-jährigen Schauspielstudenten Samuel Koch, der sich bei seiner Wette auf Sprungstiefeln eine Querschnittslähmung zuzog, was Gottschalk schließlich zum Rückzug zwang.
Die 13 dann noch folgenden, von Lanz moderierten Sendungen machten vor allem klar, wie sehr die Marke „Wetten, dass..?“ zur Marke Gottschalk geworden war. Kein Wunder, dass die Nachfolgediskussion über ein Jahr gedauert hatte: Hape Kerkeling oder Jörg Pilawa erkannten das Risiko des Scheiterns und lehnten ab. Nur Lanz, der Ausdauersportler aus Südtirol, wollte das Wagnis eingehen. Manche mögen das vermessen finden. Aber mutig war es sicher auch.















![Markus Lanz
guest in the 212th ZDF TV show Wetten, dass. last show before the summer break from the Baden Arena on Saturday 05.April 2014 in Offenburg [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] Markus Lanz
guest in the 212th ZDF TV show Wetten, dass. last show before the summer break from the Baden Arena on Saturday 05.April 2014 in Offenburg [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/126636942/126636942_1423607412_v16_9_1200.jpeg)


