Als Prachtstraße wurde der Kaiserdamm 1906 angelegt, heute reicht seine Pracht höchstens noch bis zum Lietzenseepark, Richtung Theodor-Heuss-Platz lässt sie deutlich nach, dafür nimmt die Dichte an Thai-Massagen-Praxen, Gold-An- und Verkauf und Spielhallen zu. Der westliche Abschnitt des Kaiserdamms tut sich schwer damit, Laufkundschaft anzuziehen. Wer hier auf den breiten Bürgersteigen unterwegs ist, wohnt entweder hier, kommt gerade aus einer Arztpraxis, sucht vielleicht den Busbahnhof oder will eine spezielle Schraube oder ein alte Glühbirne bei „Eisen Döring“ kaufen, dem ältesten Fachgeschäft – es ist so alt wie der Kaiserdamm selbst.

„Alles im Zeitplan“

Die meisten Läden am Kaiserdamm liegen auf der Nordseite, der „Sonnenseite“ wie es Jan Balster vom benachbarten Laden „Buch & Kunst“ beschreibt. Gegenüber war lange Zeit wenig los. Das könnte sich allerdings in wenigen Tagen ändern, denn am 7. April öffnet BMW hier seine neue Hauptstadtniederlassung. Die alte in der Huttenstraße in Tiergarten wird dann geschlossen.

65 Millionen Euro hat der Konzern investiert, 23 Monate wurde gebaut. „Alles im Zeitplan“, verkündet Niederlassungsleiter Wolfgang Büchel zehn Tage vor der Eröffnung und betont, dass auch die Bauabnahme ohne Probleme erfolgt sei. Bei Bauprojekten in der Hauptstadt ist das nicht unbedingt selbstverständlich.

Auf 16.000 Quadratmetern sind drei Gebäude mit insgesamt 46.000 Quadratmetern Nutzfläche für die Marken BMW, Mini und BMW Motorrad entstanden. Hinter der Fassade aus Aluminium und Glas werden Neu- und Gebrauchtfahrzeuge gezeigt, es gibt einen eigenen Showbereich für die Elektro-Modelle BMWi sowie in jedem Haus eine große Serviceabteilung mit Werkstätten, im Mini-Haus wird sie „Klinik“ genannt.

Viele Einzelhändler sehen die Ansiedlung positiv

Auch Drive-now und Sixt werden hier vertreten sein. Der Konzern setzt auf Zukunft und markiert das mit Jobbeschreibungen wie Car Jockey oder Product Genius. Auch der Bau des in Berlin geborenen Architekten Peter Lanz sei zukunftsweisend. So habe der Komplex eine neutrale CO2-Bilanz, und das Parkdeck wird von einer Photovoltaikanlage bedeckt.

Wolfgang Büchel hofft auf viele Besucher, die hier nicht nur ihren Wagen abholen, sondern auch einfach kommen um zu schauen oder im Bistro, das sich zum Kaiserdamm hin öffnet, Kaffee zu trinken. Ihm ist es wichtig, dass die neue Hauptstadtniederlassung keinen Fremdkörper am Kaiserdamm darstellt. „Urbanität und gute Anbindung zugleich“ das will er erreichen. Die Lage an Berlins Hauptverkehrsknotenpunkt zwischen Avus und Stadtautobahn, mit Zugang zu U-Bahn und Ringbahn sei bestens erreichbar und zugleich liege das Gelände mitten in der Stadt.

Damit hat die neue BMW-Niederlassung einen klaren Vorteil gegenüber dem alten Standort. Auch viele Anwohner und Einzelhändler am Kaiserdamm sehen die Ansiedlung von BMW positiv. „Ich finde es gut, dass dieses Riesenloch endlich weg ist, das sah ja aus wie im Urwald“, sagt Claudia Kern, die seit zwölf Jahren gleich hinter der Kaiserdammbrücke wohnt. Sie hofft darauf, dass durch die Mitarbeiter und Kunden von BMW neues Leben auf den Kaiserdamm zieht. Mit dem Riesenloch meint sie die Brache, die hier 1995 entstanden war, nachdem das nach dem Krieg von der Landesversicherungsanstalt gebaute Hochhaus nach knapp 40 Jahren Bestand schon wieder abgerissen werden musste, weil es baufällig war.

Wo Glühbirne auf Elektrowagen trifft

Danach hatte zunächst die Berliner Volksbank das Gelände gekauft, sich dann aber doch lieber am Potsdamer Platz niedergelassen. 2007 übernahm BMW die Brache – lange bevor das Comeback des Berliner Westens beschworen wurde. „Wir waren Early Birds“, sagt Büchel, heißt, BMW habe hier einen Trend gesetzt.

Die 72-jährige Anwohnerin Karin Witte hat die Entwicklung des Geländes seit ihrer Kindheit miterlebt. Damals fuhr sie mit dem Rodelschlitten in die Keller der Kriegsruine, „bis der Schlitten kaputt war“. Aufbau und Abriss des LVA-Hauses hat sie genauso verfolgt wie jetzt den zügigen Bau der BMW-Niederlassung. „Mir gefällt die Architektur mit ihren klaren Linien“, sagt sie, „sie passt sich gut ein hier“. Doch es gibt auch andere Meinungen, zum Beispiel die von Matthias Matz, der schräg gegenüber in einer Seitenstraße wohnt. Es sehe eher nach Bauhaus aus, sagt er, zumindest wenn man vom Kaiserdamm schaue, von der Autobahnperspektive mache der Komplex schon mehr Sinn.

Matz sieht den Zuzug von BMW zwiespältig: Gut findet er, dass sich wahrscheinlich die Restaurantkultur weiter belebt, aber ansonsten fragt er sich: „Eisen Döring auf der einen und BMW auf der anderen Seite – das sind doch zwei Welten“. Das stimmt: Am Kaiserdamm trifft die alte Glühbirne auf den Elektro-Wagen. Zeitenwandel.

Parkplatzsituation ist schwieriger geworden

Claudia Neuhaus, die am Kaiserdamm zwei Apotheken betreibt, sieht gerade darin eine positive Entwicklung. „Neues Leben tut der Straße gut“, sagt sie, „und die Qualität der Geschäfte wird durch die neue Klientel sicher angehoben“. Rund 300 Mitarbeiter beschäftigt BMW in der neuen Niederlassung und die Apothekerin hofft, dass viele von ihnen den Weg zu ihr über die Straße finden. Reagiert hat sie jedenfalls schon auf die neuen Nachbarn und die Öffnungszeiten in der „Apotheke 26“ bis 21 Uhr verlängert.

Ein paar Häuser weiter westwärts blickt Hotelmanagerin Anja Paterska vom „Brandies“ gespannt auf die Eröffnung von BMW. Das Drei-Sterne-plus-Haus hofft darauf, dass der eine oder andere Kunde vielleicht auch mal eine Nacht hier verbringt, bevor er sein Auto abholt. Nur die Parkplatzsituation sei schwieriger geworden, kritisiert sie. Am Straßenrand gebe es kaum Lücken und der Parkplatz gegenüber dem ICC sei dem BMW-Bau zum Opfer gefallen. Für die künftigen BMW-Kunden ist das kein Problem: 450 Plätze stehen für sie bereit.