Neulich in der Bundesallee: Mein Sohn zeigt auf ein großes Plakat. „Guck mal, genau dort war sie doch schon vor ein paar Wochen als Pilgerin zu sehen! Und jetzt? Ist sie Hebamme?“ Mal schauen, mit was Josefine Preuß als nächstes auf dem Parkplatz eines Supermarktes plakatiert ist. Vielleicht als Scharfrichterin? Auch bei Historiendramen hat ja die Frauenquote mittlerweile Konjunktur.
Und so weit ist die Bilderwelt der ZDF-„Pilgerin“ von der Sat.1-„Hebamme“ (heute Abend 20.15 Uhr) nicht entfernt. Die Straßen sind matschig, die Kleider abgetragen, die Welt ist düster und grau. Bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kerstin Cantz wabert noch Nebel nachts durch die Gassen, und im Fluss gleitet gerade mal wieder eine Leiche vorbei. Schwindsucht? Mord? Ach herrje, Marburg im 18. Jahrhundert – da möchte man nicht gelebt haben.
Katastrophale Zustände
Hebammen hatten es schwer damals. Die Ausbildung wird ausschließlich von Männern geleitet, an schwangeren Frauen wird mehr herumexperimentiert, als dass ihnen bei der Geburt geholfen wird, und die Hygiene lässt natürlich auch zu wünschen übrig. So sterben viele, Mütter und Kinder. Keine guten Voraussetzungen, um den Job der Hebamme zu ergreifen. Gesa Langwasser (Josefine Preuß) will es trotzdem wagen. Sie hat auch keine großen Alternativen, die Mutter, selbst Hebamme, ist gerade gestorben. Also macht sie sich auf den Weg nach Marburg, wo eine Freundin der Mutter den Beruf ausübt. Die zeigt sich allerdings wenig hilfsbereit. Doch Gesa gelingt es trotzdem, einen Studienplatz zu ergattern.
Die Ausbildungsstätte gleicht allerdings mehr einem Horrorkabinett. Professor Kilian (herrlich: Axel Milberg) demonstriert seinen männlichen Studenten und den ganz wenigen angehenden Hebammen die Arbeit am lebenden Objekt mit rustikalen Zangen und anderen merkwürdigen Werkzeugen. Dem Leiter der ebenfalls im Haus angesiedelten Anatomie werden auf geheimnisvolle Weise immer neue Studienobjekte zugespielt. Und dann wird noch Gesas Freundin und Studienkollegin von einem Unbekannten fast ermordet. Wer ist nun der Maskenmann, der im alten Marburg als Serienmörder sein Unwesen treibt? Wie traurig, dass es damals noch keinen Kommissar gab. Nun ermitteln auf einmal viel zu viele, so dass der Fernsehzuschauer den Überblick verlieren kann.
Wie im Techno-Video
Um dem noch einen modernen Anstrich zu geben, wird das ganze in effekthaschenden Filmschnitten erzählt, fast wie in einem Techno-Video. Und da passt auch so mancher Ausspruch („Komm, wir gehen eine Limonade trinken!“) nicht ins Geschehen vor 300 Jahren, sondern mehr zu kichernden Backfischen in den fünfziger Jahren. Und ohne Sex darf’s im Film nicht gehen, allerdings war der im Marburg des 18. Jahrhunderts nicht leidenschaftlich, sondern eher schnell und schmerzvoll.
Die guten Darsteller können glücklicherweise manche Stümperei ausbügeln. Neben Milberg gibt sich Lisa Maria Potthoff als Freundin der Mutter geheimnisvoll und unnahbar. Andreas Pietschmann als Pathologe nimmt man lange sein braves Image ab, bis er in seiner Rolle auch überzeugend ins Gegenteil übergehen kann. Nur Josefine Preuß wünscht man, dass sie nun nicht zur Dauerbesetzung historischer TV-Dramen wird. Das Freche in „Türkisch für Anfänger“ – als wunderbarer Gegenpart zu Elyas M’Barek – lag ihr einfach besser.
Die Hebammen heutzutage haben übrigens ganz andere Probleme. Mehr als 300 Jahren später müssen viele um ihre Existenz bangen. Die Kosten ihrer beruflichen Haftpflichtversicherung sind derart gestiegen, dass sie für sie kaum noch bezahlbar sind. Aber das ist wirklich ein ganz anderer Film.
„Die Hebamme“ auf Sat.1, 20.15 Uhr am heutigen Dienstag (25. März 2014)



