Sie habe nur kurz geweint, sagt Josefine Preuß, ein paar Minuten vielleicht. Dann habe sie die Tränen heruntergeschluckt und sei wieder an die Arbeit gegangen. Das erzählt sie, als wir über ihren großen Film sprechen. Es muss schmerzen, vorm Spiegel zu sitzen und mit anzusehen, wie jemand die Schere rausholt und einem die langen, schönen, roten Haare abschneidet. Bis man aussieht wie ein strubbeliger Junge.
Aber an diesem Tag ist für Preuß mehr passiert als nur das. Sie, der einstige Star vom Kinderkanal, spielt die Hauptrolle in einer der größten öffentlich-rechtlichen Produktion des Jahres 2014. „Die Pilgerin“, ein mittelalterlicher Zweiteiler, er läuft am Sonntag und am Montag um 20.15 Uhr im ZDF. In ihrer Rolle (sie spielt eine Frau, die sich als Knabe tarnen muss) sieht sie jünger aus als in ihren Filmen davor. Aber als Schauspielerin ist sie mit diesem Engagement erwachsener geworden. Nach „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist es der nächste Film des Regisseurs Philipp Kadelbach. Ein weiterer Versuch des Deutschen Fernsehens, den Glanz amerikanischer Produktionen zu erreichen, die auch in Deutschland so beliebt sind.
Eine neue Filmgeneration. Und Josefine Preuß ist das Gesicht dazu.
Im Mauerpark sind wir die einzigen Menschen
Wir treffen uns um zehn Uhr morgens an einem Sonnabend im Mauerpark, an einem dieser Wintertage, an denen es nicht richtig hell wird. An denen Farben nicht leuchten. Weit und breit sind wir die einzigen Menschen. Das ist irritierend: ein leerer Mauerpark.
„Sonst ist hier ja mehr los“, sage ich, es klingt etwas hilflos. Preuß antwortet: Was ich denn glauben würde, wo die vielen Leute seien. Sie sagt: „Schatz, es ist Samstag. Die sind alle noch im Bett. Die schlafen.“ Es klingt wie: Und so gehört sich das auch. Sie selbst würde um diese Zeit wohl auch auf dem Sofa liegen. Wenn man bei der Arbeit den ganzen Tag von Lampen angestrahlt werde, umgeben sei von Menschen und Technik, dann möge man es eben mal ruhig. „Ich sitze gerne im Dunkeln“, sagt sie.
Das passt ja. Ruhig ist es und irgendwie auch dunkel. Schließlich weiß man nicht, wie ein Spaziergang mit Josefine Preuß ablaufen wird. Sie hat einige knallharte Mädchen gespielt, „Lotta“ zum Beispiel, dieser Figur will man als unbedarfter Mann nicht zur falschen Zeit am falschen Ort begegnen. Ein reizarmes Umfeld könnte also gut sein für ein entspanntes Gespräch.
Plötzlich leuchtet doch etwas im farblosen Park. Preuß hat kurz ihre Mütze abgenommen, wir machen Fotos. Es sind ihre Haare, die leuchten. Sie sind ziemlich lang, kaum zu glauben, dass sie erst im Sommer so brutal abgeschnitten wurden. „Ja“, sagt sie, „meine Haare und meine Nägel wachsen wie Unkraut.“
Der „Stirb-Langsam-Typ“
Gut zu wissen. Wäre Preuß im wahren Leben eine aufbrausende Diva, würde sie nicht so über ihre Haare sprechen. Außerdem: Ein Trauma hat sie nicht erlitten, als sie ihr die Haare abgeschnitten haben. Was soll ein Friseur dieser Frau schon anhaben können? Der Fotograf will gerade starten mit den Aufnahmen, da schnappt Preuß ihm die Kamera aus den Händen. In ihren kleinen Händen sieht die Kamera sehr groß aus, ein Ungetüm mit Riesenobjektiv. Umso selbstbewusster gibt sie Kommandos und knipst den Fotografen. Man kann sich gut vorstellen, wie sie bereits als Kind auf Familienfeiern den Unterhalter gespielt hat. Früher wollte sie schließlich mal Clown werden. „Gut gemacht“, sagt sie und gibt die Kamera zurück. „Wir sind fertig, das ging ja schnell.“
Als Preuß sich wenig später fotografieren lässt, dreht sie ihren Körper in die gewünschten Posen. Schnell und präzise, sie verändert ihren Ausdruck, als könne sie jeden Zentimeter ihrer Haut einzeln kontrollieren. Tatsächlich, es dauert nicht lange, bis der Fotograf fertig ist.
Preuß ist eine flinke Person. 1,52 Meter groß. Ich komme mir groß und träge vor, wie ich neben ihr gehe. Ein bisschen wie Gandalf der Zauberer neben einem Hobbit in „Der Herr der Ringe“. Wobei Preuß vermutlich so mutig ist wie ein Hobbit, aber nicht aussieht wie einer. Mag sie den Film? „Das ist nicht so meine Sache“, sagt sie, „bei Minute 23 bin ich eingeschlafen.“ Sie sei weniger ein Fantasy-Mensch, eher so der „Stirb-Langsam-Typ.“ Aber sie ist Fan der US-Serie „Game of Thrones“, diesem Intrigenmeisterwerk, das auch im Mittelalter spielt. Wie die meisten Frauen, mag sie John Snow, den schönen, aber verstoßenen Sohn einer Königsfamilie.
Begeisternde Liebe zum Detail
Eine einzige Folge von „Game of Thrones“ hat ein Budget von sechs Millionen Euro, es gibt inzwischen drei Staffeln. Sechs Millionen Euro, so viel hat der gesamte Zweiteiler „Die Pilgerin“ gekostet, die Riesenproduktion des ZDF. Das sind die Maßstäbe. Preuß spielt eine junge Frau, die ihrem verstorbenen Vater den letzten Wunsch erfüllen will; sein Herz soll in geweihter Erde in Santiago de Compostela beerdigt werden. Weil ihr Bruder ein Verräter ist, schlägt sie sich verkleidet auf finsteren Pfaden durch. Die Dreharbeiten in Burgen, die Detailliebe am Set, das habe sie begeistert, sagt Preuß. Ansonsten sei das Mittelalter nicht so ihre Sache. „Dort wo alle auf die Straßen gekackt haben, wo Frauen nichts wert waren, da wäre ich nicht alt geworden“. Da sei ihr das Berlin der 20er-Jahre schon lieber. Das kennt sie aus ihrer Rolle im Fernseh-Mehrteiler „Adlon“.
Vaterliebe als Antrieb, das prägt ihre Rolle. Auch im wahren Leben hat Preuß eine enge Verbindung zu ihrem Vater, der ist hochrangiger Polizist in Brandenburg. Sie fahren jedes Jahr gemeinsam nach Kuba. Dort reisen sie über die Insel, sie haben am Strand geschlafen und die Sterne beobachtet. Preuß gehört zu den Touristen, die das Land selber entdecken, die Hotelburgen verabscheuen. Es geht in ihren Urlauben ziemlich offen zu. Einmal, nach einem Abend mit Einheimischen und reichlich Rum, musste sie sich in der Hotel-Lobby übergeben. Ihr Vater hat sie dabei gestützt. Den nächsten gemeinsamen Kuba-Urlaub haben sie bereits gebucht. Sie sind ein gutes Team.
„Hast Du eine Mauer im Kopf?“
Einmal, erzählt Preuß, saßen sie auf Kuba beim Frühstück, als wieder dieser Mann mit der Geige vorbeikam, er geigte am dritten Morgen in Folge „Let it be“ von den Beatles. Da platzte es aus ihren Vater heraus, der Musiker solle Ruhe geben. Nur, dass der Mann leider deutsch sprechen konnte, sagt Preuß. Sie erzählt das in dieser Tonlage, die nur Menschen draufhaben, die Spaß an Situationen haben, die eigentlich peinlich sind.
Nicht wenige Kubaner können Deutsch, einige lernen das in der Schule, andere waren Gastarbeiter in der DDR. Insofern gibt es eine Verbindung zwischen dem kubanischem Geiger und ihrer Familie. Preuß wurde 1986 in Potsdam geboren.
Ich frage sie, ob sie mehr Fans im Osten oder im Westen habe. Das regt sie ein bisschen auf. „Hast du noch eine Mauer im Kopf?“, fragt Preuß. Sie unterscheide nicht zwischen Zuschauern im Osten und im Westen. „Die Aufteilung gibt es auch nicht bei der Quote, das wäre ja die Härte.“
Ob sie stolz sei, in Ostdeutschland geboren zu sein? „Ja, klar bin ich das.“ Natürlich sei sie froh, dass ihre Familie die Diktatur unbeschadet überstanden habe. Aber als Geburtsland nennen sie immer DDR, nicht Deutschland. Das sei nun mal ihre Geschichte.
Ich erzähle von einem ehemaligen Mitbewohner aus der Studentenzeit, der in Rostock geboren wurde. Dass wir immer Spaß an Witzen über „Ossis“ und „Wessis“ hatten. Sarkastischen Humor müsste Preuß auch haben. In „Türkisch für Anfänger“ jedenfalls, der erfolgreichen Serie mit Kinofilm, bringt sie in ihrer Rolle andauernd Sprüche, die alles andere als politisch korrekt sind. In einer Szene sagt sie zu Cem, dem Macho-Türken, wenn er sie noch einmal beleidige, dann verpasse sie ihm persönlich den Stempel für seine Abschiebung. „Und zwar zwischen deine Beine.“
Das Kissen aus der Business-Class
Aber nun geht es um Osten und Westen. Mein Mitbewohner aus Rostock jedenfalls hat auf Flügen immer alles aus der Kabine mitgenommen, erzähle ich. Die Decke, das Besteck, die kleinen Coca-Cola-Dosen. „Typisch Ossi. Alles, was umsonst ist, musst du einstecken“, habe ich dazu immer gesagt.
Preuß muss etwas grinsen. „Das mache ich auch“, sagt sie. Sie schiebt einen typischen, wie sie sagt, „Ossi-Satz“ hinterher. „Wir hatten ja nüscht“. Einmal habe sie aus einem Flug in der Business-Class das Kissen mitgenommen und die Handcremes und alles, was ihr auf den Sitz gelegt wurde. Sie habe sogar die Stewardess gefragt, ob sie das Reise-Set vom leeren Platz vor ihr auch mitnehmen dürfe, für ihre Schwester. „Man benutzt das nie wieder im Leben, aber man will es unbedingt haben.“ Die Lust am Reisen, sagt Preuß, habe sicherlich etwas mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Weil man die Freiheit zum Reisen nicht hatte. Ihre Eltern haben kürzlich sogar den Kilimandscharo bestiegen.
Ich erzähle, dass die Witze über meinen Mitbewohner noch eine andere Pointe hatten. Als wir uns eines Tages im Urlaub am Strand getroffen trafen, packte ich meine Decke aus. Es war eine Flugzeugdecke, die ich selbst vor Jahren mal eingesteckt hatte.
So viel also zu Witzen, die Westdeutsche über Ostdeutsche machen.
Humor ist nichts Böses
Im Grunde ist das auch die Botschaft von „Türkisch für Anfänger“: Humor ist nichts Böses, solange man sich miteinander beschäftigt. Dass man näher zusammenrücken muss, um herauszufinden, dass alle Menschen ihre Marotten haben. Dieses Gefühl vermittelt Preuß nicht nur in vielen ihrer Rollen, sondern auch auf unserem Spaziergang. Ihre Antworten sind direkt, so als ob sie sich wenig darum kümmert, was jemand von ihr halten könnte, der sich nur allzu flüchtig mit ihr beschäftigt.
Als wir über Partys sprechen, erzählt sie dass sie zwar nicht oft, „aber mal“ mit Freunden in eine Table-Dance Bar gehe. Dort werde sie als Frau sehr gut behandelt. „Du trinkst, schaust dir Frauen beim Tanzen an, alles wunderbar.“ Das sei auch für die Frauen auf der Bühne angenehmer, wenn da nicht nur alte Knacker in der Bar sitzen würden. Auch Karaoke singe sie gerne, aber nur mit guten Freunden. Sie singt gerne „Männer“ von Herbert Grönemeyer. Weil es so viel anders klingt, wenn eine Frau das singt.
Wir laufen an der Hundewiese vorbei, diesem eingezäunten Bereich im Mauerpark, wo Hunde ohne Leine herumlaufen dürfen. Viel Platz haben sie nicht. Sie versteht die Hundehalter nicht, die ausgerechnet hierher kommen, sagt Preuß. „Die Leute müssen doch nur zehn Minuten länger fahren, dann sind sie in Weißensee, dort können die Hunde so viel laufen, wie sie wollen.“
Frei sein. Das ist ihr wichtig. Immerhin spielt Preuß inzwischen große Rollen für das ZDF, da würden andere Kollegen längst sesshaft werden. Aber ihre Wohnung sei eher spartanisch eingerichtet. Preuß mag den Gedanken, in vier Stunden alles einpacken zu können. „Ich bin sehr gut im Aussortieren und im Wegschmeißen.“
Durchwuscheln und fertig
Wir sprechen über die Finanzkrise und wie sich die Welt neu ordnet, dass die USA völlig überschuldet sind und inzwischen Russen aus Moskau nach Berlin zum Shoppen kommen. Nicht etwa, weil das Warenangebot in Deutschland größer ist, so war es früher mal. Sondern weil die deutsche Hauptstadt vielfach billiger ist als die russische.
Dem derzeitigen Wohlstand in Deutschland traut Preuß nicht. „Wir stecken alle unter einem beruhigenden Mantel“, sagt sie. „Das wird alles noch viel heftiger.“
Es klingt nicht ängstlich. Eher so, als könne sie problemlos auch auf mal wieder auf dem Boden schlafen, wenn es sein muss. So, wie sie über ihre Eltern und ihre Familie spricht, hat sie dort ohnehin einen festen Platz. Egal, ob sie Hauptrollen spielt oder nicht. Ob sie weiter großen Erfolg hat oder nicht.
Nach ein paar Tränen hatte sie sich übrigens schnell an ihre kurzen Haare gewöhnt. Wieder machen würde sie das zwar nicht. Aber in der Maske am Set von „Der Pilgerin“ sei sie immer schneller fertig geworden als ihre männlichen Kollege. „Durchwuscheln und fertig“, so sei das gewesen. Ja, so mag sie es.




