Ein „Tatort“ aus Köln, doch keine Spur von rheinischem Frohsinn. Bleiernde Dunkelheit und Depression liegt über jeder Einstellung. Liegt es daran, dass die Assistentin der Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) nicht mehr dabei ist? Immerhin hatten die Frotzeleien zwischen Franziska und den beiden mittelalten Herren immer wieder für heitere Momente gesorgt.
Doch bei allem Respekt vor Tessa Mittelstaedts sympathischer Ironie, mit der sie diese Nebenfigur zum Leben erweckte: Das ist es nicht. Die Tragik dieses „Tatorts“ hat eine viel größere Fallhöhe.
Sie kommt von dorther, so glaubt man unwillkürlich, wo man in den vermischten Seiten und Kanälen das Wort „Familientragödie“ oder „Familiendrama“ findet. Ein paar aktuelle Beispiele aus dem Netz, willkürlich zusammengestellt: „Familiendrama in Franken: Mann wirft seine Kinder aus dem Fenster“ (münchen.tv); „Ehefrau in Ahaus erstochen: Familiendrama aus Eifersucht?“ (Westfälische Nachrichten); „Familiendrama: Sohn attackiert Mutter mit Kettensäge“ (Express). Liebe, zu Hass umgepolt: Wo die stärksten Bindungskräfte wirken, in der Familie, da sind wohl auch die destruktivsten Energien am Werk.
Wer hat hier gezündelt?
So scheint es auch in diesem Fall zu sein. Ballauf und Schenk werden zu einem ausgebrannten Haus gerufen. In den rußgeschwärzten, vom Löschwasser triefenden Räumen wandert der Lichtkegel der Taschenlampe über die verkohlte Hand eines Kindes. Eines von insgesamt dreien, die bei diesem Brand ihr Leben lassen mussten. War es der unbekannte Feuerteufel, der in Köln schon öfter gezündelt hat? Es gibt einiges, was dagegen spricht.
Da sind zum einen die starken Barbiturate, mit denen die Kinder offenbar gezielt betäubt wurden. Und zum anderen ist da die Mutter der Kinder, die den Brand mit einer leichten Rauchvergiftung überlebt hat. Schenk und Ballauf finden Karen Reinhardt (Susanne Wolff) in der Nähe des Hauses. Sie steht unter Schock, offenbar ohne Erinnerung daran, was geschehen ist. „Mein Mann, mein Mann!“, schreit sie immer wieder.
Karen Reinhardts Blick irrlichtert, er findet keinen Halt, sie steht völlig neben sich. Wie Susanne Wolff hier eine Frau verkörpert, deren Leben zerbricht und sie selbst mit ihm: das ist große, mitreißende Schauspielkunst, wie man sie wohl nur mit langjähriger Bühnenerfahrung zustande bringen kann. Und wer ist der Mann, nach dem sie ruft? Gerald Reinhardt (Ben Becker) ist verschwunden und wird uns in der ersten Hälfte dieser Episode auch nur auf Fotos und Videomitschnitten begegnen.
Nachbarn sagen, er sei bei der Firma Cologne Airtech beschäftigt. Er sei viel unterwegs gewesen in letzter Zeit, in Dubai angeblich, deshalb kaum zu Hause. Stimmt das überhaupt? Seine Arbeitgeberin sagt etwas anderes: Sie habe ihn schon vor zwei Jahren entlassen müssen. Und eines Nachts habe sie ihn in einer Kneipe gesehen, betrunken, das Gesicht verschmiert von Bräunungscreme. Hier lebt jemand in der Lüge, lernen wir, sehr lange schon.
Ein tieftrauriger Ben Becker
Er taucht dann irgendwann auf und steht vor dem verkohlten Haus, vor dem ausgebrannten Leben, das es nicht mehr gibt. Ben Becker spielt ihn als nicht minder tieftraurigen Gegenpart seiner Frau. Aber wer von den beiden hat die Kinder auf dem Gewissen? Und was war das Motiv? Oder war es vielleicht doch ganz anders? Schenk und Ballauf verhaften den Feuerteufel, einen Hausmeister an einer Kölner Schule, auf den alle Spuren zu passen scheinen.
Die Dramaturgie dieses „Tatorts“ hält über eine sehr lange Strecke, vielleicht vor allem, weil die recht simple Handlung den Schauspielern so große Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Das sieht man auch an den Nebenrollen: Tobias Reisser (Patrick Abozen) muss als Franziskas Assistenten-Nachfolger allerlei Spießrutenlauf im Kommissariat hinter sich bringen, während Peter Benedict als Kriminalpsychologie Dr. Bernd Reiche glaubwürdig genau jene Abgeklärheit verkörpert, die dieser Beruf mit sich bringt.
Gegen Ende ist dann doch relativ lange klar, wer der Täter ist - und es wird alles ein bisschen viel mit dem ganzen großen Elend eines falschen Lebens. Dennoch: Nach vielen mittelmäßigen Folgen der Serie ist das wieder ein besserer „Tatort“. Frohsinn braucht es dazu gar nicht.
„Tatort“, ARD, Sonntag (23. März 2014), 20.15 Uhr





