Suchtprävention

Eltern im Kampf gegen Drogen und Alkohol an Grundschulen

Das Berliner Projekt „Peas“ soll Eltern von Grundschülern helfen, erste Anzeichen von Abhängigkeit zu erkennen und rechzeitig die Weichen zu stellen - gegen Drogen und die sogenannten neuen Süchte.

Foto: Reto Klar

Das Thema war für Heiko Wegner nicht neu. Von Tabu keine Spur. Als Polizeibeamter weiß der Reinickendorfer ohnehin genug über klassische Drogen und moderne Suchtmittel, um seine Kinder aufzuklären. Als in der Grundschule seines Sohnes ein Eltern-Projekt der Berliner Fachstelle für Suchtprävention angeboten wurde, war Heiko Wegner dennoch sofort dabei. Bereut hat er es nicht: „Ich habe noch einmal eine Menge mitgenommen und finde es schade für jeden, der das verpasst hat“, sagt er.

„Peas“ heißt die von der Suchtprävention entwickelte Initiative, die Eltern stark machen will, bei ersten Anzeichen einer Suchtgefährdung ihrer Sprösslinge unbürokratisch aktiv zu werden. Die Abkürzung steht für „Peer – Eltern an Schule“. Dahinter verbirgt sich der Versuch, an Grundschulen Multiplikatoren für das Wissen um Drogen und die sogenannten neuen Süchte auszubilden. Interessierte Eltern erarbeiten sich in einem mehrtägigen Abendkurs unter fachlicher Anleitung aktuelles Wissen rund um Suchtgefahren sowie Beratungsstellen und Hilfsangebote in Berlin – und sollen später bei Bedarf ihre Kenntnisse an andere Eltern an ihrer Schule weitergeben.

Virulent seien gerade Drogen an Grundschulen zwar noch nicht, sagt Bettina Münch, Schulleiterin der Franz-Marc-Grundschule in Tegel. „Wir haben auch eine Oberschule hier im Haus, und unsere Schüler rümpfen immer die Nase, wenn die draußen rauchen.“ Begrüßt hat sie das Projektangebot der Suchtberatung, das 2009 als Pilotversuch in Tempelhof-Schöneberg gestartet war und auch in Reinickendorf bereits Fuß gefasst hat, dennoch. Schließlich gehe es dabei um Prävention.

Projekt bleibt auf Grundschulen beschränkt

Genau aus diesem Grund solle Peas auch künftig auf Grundschulen beschränkt bleiben. Hier würden fürs spätere Leben die Weichen gestellt, heißt es bei der Fachstelle für Suchtprävention. 105 Mütter und Väter wurden bis Ende 2013 in beiden Bezirken zu Peer-Eltern ausgebildet. In Neukölln und Lichtenberg läuft das Programm an, aus weiteren Bezirken gibt es Nachfragen.

An einer Charlottenburger Schule zeigten gleich 32 Eltern Interesse. So viele waren es an der Tegeler Franz-Marc-Grundschule nicht. Lediglich drei hatten Ende 2012 dort das Angebot der Suchtprävention genutzt. Petra Schröter ist eine von ihnen. Anfragen an die Peer-Eltern habe es seitdem nicht gegeben, sagt die Mutter einer Sechst- und einer Viertklässlerin. Noch, so ihre Vermutung, müsse das Projekt an der Schule wohl bekannter werden.

Dass sich der Bildungsaufwand dann durchaus lohnen kann, zeigt ein Beispiel an der nahe gelegenen Grundschule am Schäfersee. Der ältere Sohn von Heiko Wegner besucht hier die zweite Klasse, später wird sein jüngerer Bruder nachrücken. Der Anlass, aus dem heraus Heiko Wegner erstmals als Peer-Vater gebraucht wurde, liegt einige Monate zurück. Schulexterne Jugendliche hatten drei Fünftklässler zum Trinken angestiftet, einer der Jungen war danach so betrunken, dass er ins Krankenhaus musste.

Die Unsicherheit ist bei manchen Eltern groß

Aus dem Kreis der betroffenen Eltern wurde Wegner gebeten, ein Gruppengespräch mit den beteiligten Kindern zu moderieren. Dazu kam es zuletzt zwar nicht. Dafür suchte einer der Jungen selbst das Gespräch mit ihm. „Ich habe versucht, ihn stark zu machen und ihm Alternativen aufzuzeigen, um sich aus solch einer Situation zu befreien“, sagt der 45-Jährige.

Der Junge habe „sich das angehört, und er wirkte auch nicht unwillig dabei“. Auch wenn es im Ernstfall vor allem um Tipps für professionelle Hilfsangebote gehe – auch hierfür habe das Peas-Seminar wertvolle Anregungen gegeben, so Wegner: „Wie spreche ich mein Kind an und, vor allem, wie bleibe ich im Gespräch, gerade wenn es bereits Konfliktstoff gibt? Das sind ja dann die konkreten Schwierigkeiten.“

Wie groß die Unsicherheit bei manchen Eltern ist, zeigte sich etwas später ebenfalls an der Schäfersee-Grundschule. Ein Junge aus der zweiten Klasse hatte auf dem Schulhof weiße Drops verteilt, eine Mutter erzählte Wegner besorgt davon. „Das entpuppte sich dann als völlig harmlos, es waren nur Pfefferminzdrops“, sagt Wegner. Aufklärungsbedarf sieht der Elternvertreter, der beruflich mit Kriminalität im Internet zu tun hat, außerdem bei den neuen Süchten im medialen Bereich, bei Fett- und Magersucht oder Spielsucht. „Und so ein Einzelthema kann man dann gleich verbinden mit dem Aspekt Mobbing und Cybermobbing“, so Wegner.

„So etwas ist ein Aushängeschild für die Schule“

Ein Info-Abend für andere Eltern, Hinweise im Rahmen der Internet-Präsenz der Schule, vielleicht sogar ein Elterncafé, wo auch Fragen zu Süchten ungezwungen artikuliert werden könnten – an Ideen mangelt es Petra Schröter ebenfalls nicht. „So etwas ist ein Aushängeschild für die Schule“, glaubt die 46-Jährige. Dass gerade diejenigen unter den Eltern, die zur Zielgruppe gehören, schwieriger zu erreichen sind, merken die Schulleiter aber auch. „Süchtig sind immer die anderen. ‚Das ist bei uns kein Thema‘, hört man dann schnell“, so die Erfahrung von Thilo Meinert, der die Schäfersee-Grundschule leitet.

Wo der Fernseher ohnehin von morgens bis abends laufe, kämen Hinweise auf die Gefahren von Computer und Handy schwer an. „Die Kinder selbst im Rahmen des sachkundlichen Unterrichts aufzuklären, sie mal schätzen zu lassen, wie viel schaut ihr denn am Tag und welches Risiko steckt dahinter, das kann dann helfen. So können die Kinder selbst auch kritisch auftreten“, sagt Münch.