Berlinbauer

Star-Architekt Helmut Jahn - Der Visionär

In der Hauptstadt herrscht Aufbruchstimmung – es wird gebaut wie lange nicht mehr. Die Berliner Morgenpost stellt Architekten vor, deren Bauwerke das Bild der Stadt prägen. Diesmal: Helmut Jahn.

Foto: Amin Akhtar

„Man muss Prioritäten setzen.“ Helmut Jahn lacht. Der Star-Architekt überlegt kurz, dann sagt er: „Segeln braucht Zeit.“ Die nimmt er sich trotz allen beruflichen Terminen. So sind im engen Zeitplan des renommierten Planers 2014 die wichtigsten Regatten bereits geblockt. „Schauen Sie“, Jahn blättert in dem großen Plan auf dem Schreibtisch seiner Berliner Dependance: „Hier ist die nächste Championship eingetragen.“ Am 17. September 2014 geht er aufs Wasser. Der in der US-Architekturmetropole Chicago beheimatete Planer ist eben nicht nur Meister vieler Monumentalbauten wie unzähliger Hochhäuser oder mehrerer Flughäfen in aller Welt.

Der sportliche 74-Jährige ist auch Weltmeister in der Bootsklasse „Farr 40“. Zuletzt holte Jahn 2012 mit seinem Team – darunter auch Sohn Evan – den WM-Titel in Chicago bei der Championship der Segler. Mindestens sechs, sieben Wochen im Jahr segele er, sagt Jahn. Schnell fügt er noch hinzu: „Segeln ist immer etwas Glückssache.“ Das Glück war 2013 zurückhaltender – bei der Weltmeisterschaft in New York landete er im August „nur“ auf dem vierten Platz. Ansporn genug für den aktiven Segler, bei der nächsten WM-Regatta 2014 in San Francisco wieder an den Start zu gehen: „Leinen los“ für einen Unermüdlichen!

Wechselnde Farbspiele im Sony-Center

An Segel erinnern auch die teflonbeschichteten Stoffbahnen des zeltförmigen Daches, das die Optik des wohl prominentesten von Jahns Bauwerken in Berlin weithin sichtbar prägt: das Sony-Center mit dem Bahn-Tower am Potsdamer Platz. Knapp 5000 Quadratmeter des Innenhofes des gläsernen Gebäudekomplexes werden von einem gefächerten Dach überspannt, das licht- und luftdurchlässig ist, und in der Dunkelheit mit wechselnden Farbspielen kunstvoll illuminiert wird.

In einem der sieben gläsernen Gebäude des Sony-Centers, das wie eine Stadt in der Stadt mit Büro- und Wohnflächen, Kinos und Restaurants angelegt ist – ein „Urban Space“, wie Jahn das nennt, residiert sein Deutschlandbüro. Direkt am Kemperplatz mit Blick auf den Tiergarten.

Von dort aus betreut Jahns deutsches Team Projekte in Europa, zurzeit in Polen, Spanien und in München – Berlin spielt keine Rolle mehr. „Hier setzt man unterdessen wieder mehr auf das Alte und die Sicherheit von Bewährtem“, sagt Jahn. „Die Zukunft hat immer recht“, ist schon seit Jahren das Credo des erfolgreichen Planers. Er bedauere die „Mutlosigkeit der Berliner Architektur“, die sich stark von der Zeit unterscheide, als hier nach einem Architektenwettbewerb Anfang der 90er-Jahre auf der damals größten Baustelle Europas das Großprojekt Potsdamer Platz realisiert wurde.

Wenn Jahn heute – so alle anderthalb, zwei Monate - in Berlin ist, wohnt er in der „Esplanade Residence“. So heißt einer der Neubauten des riesigen Sony-Centers, in den unten der historische Kaisersaal des einstigen Hotels Esplanade aufwendig versetzt wurde und – hinter Glas – erhalten blieb. In einem der Stockwerke darüber hat der Architekt eine Wohnung.

„Turmvater Jahn“ baut jetzt in Katar

Das private Domizil am Potsdamer Platz ist für den Architekten willkommener Rückzugsort bei Zwischenstopps in Deutschland auf seinen Reisen von den USA nach Asien oder in den Mittleren Osten. „Ich bin viel unterwegs und froh, dass ich mich dann hier zurückziehen kann“, sagt Jahn. Und wie er da so sitzt und von seinem Alltag und den vielen Interkontinental-Flügen, den Telefonkonferenzen und Projekten in aller Welt erzählt, ist nachvollziehbar, dass dieser Mann mittlerweile manchmal „ganz gern allein ist“, wie er sagt.

„Es gab eine Zeit, in der ich nicht zufrieden war, wenn ich nicht jeden Abend einen Termin, ein Abendessen hatte.“ Das habe sich geändert. Jetzt besuche er ab und zu die Philharmoniker in Scharouns Philharmonie „oder ich gehe gegenüber ins Hyatt Hotel zum Schwimmen“. Man müsse auch mal zu sich kommen. Und dafür sei so ein Wochenende in Berlin äußerst ersprießlich. „Da schreibe ich und zeichne ich. Das kann man ja heutzutage schnell kommunizieren. Das sehen meine Mitarbeiter in Chicago dann schon früh in den E-Mails.“

Zurzeit fliegt Helmut Jahn oft nach Katar. Dort baut der zuweilen salopp als „Turmvater Jahn“ titulierte Planer vieler Hochhäuser – derzeit einen weiteren Wolkenkrater, der dem Begriff vom Kratzen an den Wolken schon recht nah kommt. Denn mit 551 Metern wird der „Dohar Convention Center Tower“ in der Hauptstadt des Emirats einer der höchsten Turmbauten der Welt.

Radfahren in Berlin findet er zu gefährlich

„Hochhäuser faszinieren die Menschen“, sagt Jahn. Es seien eben die weithin sichtbarsten Gebäude einer Stadt. In Berlin sieht Jahn allerdings keine Notwendigkeit, hoch hinaus zu bauen. „Berlin braucht keine Hochhäuser“, meint Helmut Jahn. Man habe hier doch mehr Platz als in Städten wie Frankfurt. Und außerdem sei Berlin auch keine Finanz- oder Wirtschaftsmetropole.

Nach mehr als 40 Jahren in den USA kann Helmut Jahn beim Gespräch in der Muttersprache Deutsch seine Herkunft nicht leugnen. Das „R“ des smarten und sportlichen Architekten ist trotz aller Amerikanismen nach wie vor fränkisch. Als Sohn eines Lehrers und einer Hausfrau wuchs Jahn in Zirndorf bei Nürnberg auf. Er selbst ist seit 33 Jahren mit der Innenarchitektin Deborah Lampe verheiratet. Die beiden besitzen eine Farm eine Stunde von Chicago entfernt, wo Jahn die Landschaft oft bei Touren auf seinem Rennrad genießt.

Bei Wind und Wetter fährt er dort an die 70, 75 Kilometer. „Das ist wie eine Sucht, wenn ich erst auf dem Rad sitze, kann ich nicht mehr aufhören“, spricht er über seine zweite sportliche Leidenschaft neben dem Segeln. Radfahren in der Stadt, so, „wie das hier in Berlin ja viele machen“ hält der passionierte Biker allerdings für zu gefährlich – und wundert sich über manche Radfahrer in Berlin. „Die fahren teilweise kreuz und quer und haben nicht mal einen Helm auf“, regt sich der sonst eher ruhige Planer sogar ein wenig auf.

Ein Beruf, um beim Aufbau aktiv sein zu können

Das erste Projekt, das den in den USA früh erfolgreichen Architekten Jahn von Chicago nach Berlin führte, war das sogenannte Handtuchhaus am Kudamm 70. Der Spitzname bezieht sich auf das nur 2,50 Meter schmale Grundstück, für das Jahn einen Bürobau entwarf. Zur Vergrößerung der Grundfläche kragt das Gebäude ab der ersten Etage fünf Meter hervor. Auch das Neue Kranzlereck, in dem seit dem 12. Dezember die Berliner Morgenpost ihr neues Domizil bezogen hat, ist ein Entwurf von Jahn – und für dessen Fassade der Architekt erneut seinen liebsten Werkstoff Glas nutzt.

1960 verließ Jahn Franken, um an der TU in München Architektur zu studieren. Ob ihn in seiner Heimat etwas für seinen späteren Werdegang als Architekt geprägt habe? Der schmächtige und ebenso kernig wirkende Jahn muss kurz überlegen und erinnert sich an erste Berührungspunkte mit dem Thema Architektur: Am Ende des Gymnasiums habe er Kirchenneubauten studiert und darüber einen Bericht geschrieben.

Eine prägende Erfahrung? Nein. „Ich glaube eher, es war die im Krieg zerstörte Stadt Nürnberg und der Wiederaufbau. Das hat mich damals wahrscheinlich im Unterbewusstsein veranlasst, einen Beruf zu ergreifen, bei dem man beim Aufbau aktiv sein kann“, erläutert der 1940 Geborene.

iPad als Skizzenblock, Entwürfe mit der Hand

Er habe ein gewisses Auge gehabt und schon als Kind gut gezeichnet. Eine Begabung, die er auch seinem Vater zuschreibt. „Er hat viel gezeichnet und gemalt in seiner Freizeit und auch in seinem Unterricht insbesondere mit zurückgebliebenen Kindern stark visuell gearbeitet.“

Das Zeichnen sei zudem auch immer eine gute Hilfe in der Architektur, betont Jahn. Sein iPad nutze er als Skizzenblock, ansonsten sei er kein allzu großer Computerfreak. „Das Entwerfen geht schneller mit der Hand“, sagt Jahn. Und er ergänzt: „Bei der Umsetzung von der Zeichnung zum Gebäude ist der Computer natürlich schon hilfreich.“ Anfang 2012 widmete das Neue Museum in Nürnberg Helmut Jahn eine Werkschau, in der neben Fotos und Modellen unter anderem auch viele der mittlerweile fast 100.000 archivierten Entwurfsskizzen seiner zahlreichen Projekte präsentiert wurden.

Das Diplom in der Tasche, ging Jahn bereits 1966 in die USA. „Ich war hungrig und wollte lernen“, beschreibt er seine Motivation. Als Rotary-Stipendiat besuchte er das angesehene Illinois Institute of Technology (IIT) der Architekturmetropole Chicago, wo Bauhaus-Legende Ludwig Mies van der Rohe bis 1957 gelehrt hatte.

Der amerikanische Traum

Bereits 1967 tritt Jahn in das renommierte Architekturbüro „C.F. Murphy Associates“ in Chicago ein, wo er später Planungsdirektor, Teilhaber sowie schließlich Chef und Inhaber wird. Ein Werdegang, der dem Klischee des amerikanischen Traums entspricht. Jahn lernte früh „die richtigen Leute kennen“, sein Talent wurde erkannt und unterstützt. Seit 2012 firmiert das Büro unter Jahn, der sich jetzt wiederum selbst einen Partner dazugeholt hat.

Anders als fälschlicherweise immer wieder berichtet wird, hat Jahn weder bei Mies van der Rohe studiert, noch habe er ihn je persönlich kennen gelernt, stellt Jahn klar. Kurz vor dessen Tod sei Mies an einem Sonnabend, an dem Helmut Jahn mit seinem Kollegen Gene Summers unter Zeitdruck an dem Entwurf für ein wichtiges Projekt saß, im Büro von Murphy gewesen. „Ich sagte Gene, ich würde Mies gern sehen. Doch er meinte nur: ,Helmut, wir haben so viel zu tun. Du kannst ihn doch ein anderes Mal treffen’“. Dazu kam es nicht. Der an Krebs erkrankte Mies van der Rohe starb bereits 1969. „Ein Treffen mit ihm hätte meinen Lebensweg nicht geändert“, sagt Helmut Jahn heute. Und: hungrig ist er immer noch.

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