Wer hat angefangen? Eigentlich ist das eine Kinderfrage. Man muss höchstens zehn Minuten auf einem Spielplatz verbringen, da hat man sie schon gehört. Aber deshalb ist sie noch nicht banal. Es geht in ihr doch um etwas Grundsätzliches im Leben, um Verantwortung und um Schuld.
Gerade hört man sie wieder häufiger. Im höchster Geschwindigkeit hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Krim, die eben noch unter ukrainischer Flagge stand, seiner russischen Föderation einverleibt. Das Tempo und die Entschlossenheit verstören viele Beobachter im Westen. Sie fühlen sich an jene Zeiten erinnert, in denen Moskau ein riesiges Imperium osteuropäischer Völker dirigierte, genannt Sowjetunion. Man spricht von Expansion. Putin habe etwas begonnen, was man als Kriegstreiberei bezeichnen müsse. Er habe den Rubikon überschritten.
Ein einsamer Gast
Wer hat angefangen? Es gibt, wie auch sonst immer, auf diese Frage mehrere Antworten. Das wurde auch in der Runde bei Maybrit Illner deutlich, die einigen Zündstoff versprach. Denn neben dem Europaabgeordneten Martin Schulz (SPD), dem Diplomatiedinosaurier Hans-Dietrich Genscher (FDP), der in der ukrainischen SSR geborenen Schriftstellerin Katja Petrowskaja und dem Historiker Michael Wolffsohn saß noch jemand mit am Tisch, mit dem die anderen erkennbar fremdelten: Wladimir Michailowitsch Griin, seit 2010 Botschafter Russlands in der Bundesrepublik Deutschlands.
Und der hat naturgemäß eine andere Sicht auf die Sache. Russlands ehemaliger Staatschef Michail Gorbatschow hat, ebenso wie sein damaliger Außenminister Schewardnadse, in letzter Zeit auffallend häufig betont, ihm sei bei den Verhandlungen um die deutsche Wiedervereinigung 1989/90 zugesichert worden, die Nato werde nicht weiter nach Osten expandieren. Das Gegenteil ist aber geschehen. Dann kam der Raketenabwehrschirm hinzu, angeblich gegen die nukleare Bedrohung aus dem Iran gerichtet. Aber konnte man das so ganz glauben? Womit hatte die westliche Welt da eigentlich angefangen?
Daunenweiche Wendungen
Russlands Botschafter beklagte das in diplomatisch daunenweichen Wendungen. Immer wieder beschwor er den Wert der politischen Rhetorik herauf, die es auf beiden Seiten zu prüfen gelte. Martin Schulz dagegen verlangte ihm eine klare Antwort ab: Könne es sein, dass Russland weitere derartige Interventionen plane? Nein, das sei nicht der Fall. Und was sei dann in Georgien passiert und in Transnistrien, wo in den letzten Jahren ebenfalls imposante Beispiele russischer Imperialpolitik zu besichtigen waren? Das seien ganz anders gelagerte Fälle. Irgendwann schließlich war der Schriftstellerin Katja Petrowskaja genug diplomatische Seide geklöppelt. “Die Teilung der Ukraine ist ein Projekt von Putin”, stellte sie nüchtern fest und sagte dann den wahrscheinlich wahrsten Satz des Abends: “Wenn wir weiter über Rhetorik reden, aber vermuten, dass beide Seiten lügen, dann kommen wir nicht weiter.”
Da war es beschrieben, das grassierende Misstrauen, das außenpolitisch momentan alles vergiftet. Ein Brandbeschleuniger für Ängste aller Art: Was passiert eigentlich, wenn der russisch gestimmte Teil der Ostukraine nun die Teilung des ganzen Landes betreibt? Bleibt Russland dann bei seinen Vorsätzen? Wird auf einer russisch geführten Krim eigentlich ausreichender Minderheitenschutz gewährt? Und was, wenn nicht?
Gefahr von Guerilla-Attacken
Michael Wolffsohn sieht nicht die Gefahr eines Dritten Weltkrieges heraufziehen, wie sie das Motto der Sendung etwas martialisch beschwor. Illners Bemerkung, es gebe wohl wenig "Bereitschaft, für die Ukraine zu sterben", verhallte denn auch im Raum. Wohl aber erkennt Wolffsohn die Gefahr von Guerilla-Attacken, mit denen sich die Ukrainer gegen die Russen zur Wehr setzen würden, ob nun auf der Krim oder im russischen Kernland. Eine für Europa insgesamt unsichere Lage, in der man in Deutschland auch über die Wiedereinführung der Wehrpflicht nachdenken müsse.
Doch was wäre das bitte für ein Signal an Moskau? Gewiss würde das nicht als Friedensangebot interpretiert, wandte Genscher ein. Wie seit Jahrzehnten warb er für die Kraft des Dialogs, um auf allen Seiten wieder mehr Vertrauen zu stiften. Denn das Vertrauen ist verloren, so viel machte der Abend klar. Wann es abhanden kam, ist sicher keine Frage für den Kinderspielplatz. Aber wichtiger ist die Frage, wie man es wiederfindet.



