Warnstreik

Vivantes-Pfleger lassen Patienten nicht im Stich

Rund 300 Schwestern und Pfleger der sechs Vivantes-Kliniken in Berlin haben für zehn Stunden die Arbeit niedergelegt, ein Chaos blieb aus. Verdi will am Donnerstag über weitere Warnstreiks entscheiden.

Foto: Amin Akhtar

Constantin Bzik trägt an diesem Montagvormittag keine Arbeitskleidung, dafür eine gelbe Streikweste, auf der das rot-weiße Logo von „Verdi“ prangt. In der linken Hand hält er eine Fahne, rechts eine Trillerpfeife. Statt Dienst in der Rettungsstelle des Krankenhauses zu tun, streikt der Krankenpfleger und mit ihm an diesem Standort etwa 80 weitere Kollegen. „Wir könnten noch mehr sein“, sagt Bzik. Viele Pfleger hätten aber keine Möglichkeit, sich am Streik zu beteiligen. „Auf den Stationen gibt es inzwischen so wenig Pflegepersonal, dass die, die Dienst haben, einfach nicht fehlen können.“

Die Belange der Patienten gehen vor. Das spürt man auch an diesem Montag. Weder in der Rettungsstelle noch in der Patientenaufnahme des Vivantes-Klinikums Neukölln herrscht Chaos wegen des Streiks. Und das bei einem Andrang, der sich von dem normaler Tage nicht unterscheidet. Auch für die zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretärin Janine Balder ist das ein Zeichen, dass die Kollegen ihre Patienten nicht im Stich lassen. „Sie sind es gewöhnt, am Limit zu arbeiten, deshalb funktioniert der Betrieb auch an Streiktagen.“

Berlinweit haben sich an dem eintägigen Warnstreik am Montag mehr als 300 Krankenschwestern und -Pfleger beteiligt. Sechs Standorte des kommunalen Klinikkonzerns Vivantes waren betroffen. Neben dem Krankenhaus Neukölln das in Spandau, in Friedrichshain und Am Urban sowie das Humboldt-Klinkium und das Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg. Im bundesweiten Tarifstreit geht es um höhere Gehälter im öffentlichen Dienst.

Für mehr Personal

Verdi-Sekretärin Janine Balder betont allerdings, dass sich die Kollegen vor allem Verstärkung wünschen. „Weil das aber über einen Tarifvertrag kaum zu machen ist, wollen sie für ihre harte Arbeit wenigstens besser bezahlt werden.“ Fast alle planbaren Operationen sind am Montag wegen des Streiks verschoben worden. Allein im Neuköllner Klinikum haben laut Verdi 40 von 45 Eingriffen nicht oder erst Stunden später stattgefunden. Insgesamt wurden etwa 120 Operationen verschoben. Betroffen waren vier Häuser, an denen das OP- und Anästhesie-Personal mitgestreikt hat. Ansonsten wurde allerdings versucht, die Patienten nicht länger warten zu lassen als üblich. „Die Wartezeiten sind ohnehin sehr lang, weil Personal fehlt“, sagt Krankenpfleger Bzik. Manchmal würden Patienten bis zu acht Stunden in der Rettungsstelle ausharren müssen, bis sie behandelt werden.

Freddi Wendt, 26, Patient in der pneumologischen Abteilung, ist vorab über den Streik informiert worden. „Die restlichen Pfleger bemühen sich aber, die Arbeit trotzdem zu erledigen“, sagt er. Dass Personal fehle, merke man jeden Tag. Für die Pfleger sei die Arbeit auf der Station eine einzige Hetzerei. Auch Martin, 24, der nach einem Unfall am Sonntag in das Neuköllner Krankenhaus eingeliefert worden war, leidet unter dem Personalmangel. „Ich warte jetzt schon den ganzen Tag darauf, dass mir einer sagt, wie es für mich weitergeht.“

„Leasing“-Pfleger für den Nachtdienst

Krankenpfleger Constantin Bzik arbeitet seit fast 25 Jahren in der Neuköllner Rettungsstelle. „Damals haben wir im Jahr etwa 20.000 Patienten behandelt. Heute sind es jährlich mehr als dreimal so viele“, sagt er. Die Anzahl der Pfleger sei allerdings nicht mitgewachsen, sondern sogar noch gesunken. 1989 habe es 42,5 Vollzeitstellen für Pfleger in der Rettungsstelle gegeben, heute seien es nur noch 38,5. Vor allem im Spätdienst und an den Wochenenden sei das ein Problem. „Wir arbeiten wie am Fließband, können keine Pause machen.“

Auch auf den Stationen fehle Pflegepersonal. Viele seien deshalb zusammengelegt worden. Für 70 Patienten gebe es dann lediglich drei bis vier Pflegekräfte. „Um die Nachtdienste abzusichern, müssen oft Leasing-Kräfte eingestellt werden.“

Unter den Streikenden waren am Montag auch viele Auszubildende wie Anna und Christian. Die beiden 24 Jährigen absolvieren am Neuköllner Standort eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Sie fordern Sicherheit darüber, dass sie nach ihrem Abschluss von Vivantes übernommen werden. Bisher sei ihnen das zwar versprochen worden, eine Garantie gebe es aber nicht. „Die Stationen sind chronisch unterbesetzt“, sagt Anna. In der Not würden Helfer als vollwertige Krankenpfleger eingesetzt. Soweit dürfe es aber nicht kommen, das überfordere diese Kollege und berge Gefahren für die Patienten.

Weitere Streiks geplant

Constantin Bzik warnt: „Ungeachtet der prekären Personalsituation nimmt die Patientenzahl des Neuköllner Krankenhauses weiter zu.“ Man habe berlinweit die zweitgrößte Schlaganfall-Station. Allein deshalb kämen immer mehr Patienten aus anderen Bezirken und sogar aus Brandenburg an diesen Standort. „Das Land Berlin muss in die Kliniken investieren. Wir brauchen mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen“, fordert Bzik.

Verdi will am Donnerstag entscheiden, ob es weitere Warnstreiks geben wird. „An diesem Tag wird erneut über den Tarif im öffentlichen Dienst verhandelt“, sagt Janine Balder. Lege die Arbeitgeberseite kein ordentliches Angebot vor, sei man zu weiteren Warnstreiks bereit. „In diesem Fall werden wir wahrscheinlich schon in der kommenden Woche wieder streiken.“