Um 6 Uhr am Montagmorgen hat ein ganztägiger Warnstreik in sechs Berliner Vivantes-Kliniken begonnen.

Thomas Pottgießer ist ein Krankenpfleger, wie man ihn sich wünscht: freundlich, zupackend. Seit 1989 macht er den Job, seit 1990 ist er im Klinikum Am Urban. Das Wohl seiner Patienten auf der Gastroenterologie liegt ihm am Herzen, darum beteiligt er sich am heutigen Montag am Warnstreik, zu dem die Gewerkschaft Ver.di an sechs Häusern des kommunalen Klinikkonzerns Vivantes aufgerufen hat. Ziel sind höhere Gehälter im öffentlichen Dienst. Dazu gibt es derzeit bundesweite Tarifauseinandersetzungen.

Pottgießer beklagt, dass es dem Management in Krankenhäusern immer mehr um Fallzahlen gehe, also um betriebswirtschaftlich gute Ergebnisse. Dabei rückten die Patienten in den Hintergrund. Die Arbeit des Pflegepersonals habe in den vergangenen Jahren quantitativ zugenommen, sie sei auch intensiver und anspruchsvoller geworden. Früher habe sich die Klinikleitung an einem Auslastungsgrad der Stationen von 85 Prozent orientiert. „Heute sind wir meistens voll belegt“, sagt Pottgießer.

Gleichzeitig sinke die Verweildauer der einzelnen Patienten, vor allem aber sei Personal abgebaut worden. Auf seiner Station mit 30 Betten gibt es 14,5 Vollzeitstellen. Damit müssen drei Schichten, sieben Tage die Woche, abgedeckt werden. 2007 waren es noch drei Kollegen mehr. „Die Pflegearbeit ist schwer, das muss auch gut bezahlt werden“, begründet der 48-Jährige seine Streikbereitschaft. Sein wichtigstes Ziel aber ist: „Wir wollen gehört werden. Und wir wollen, dass die Patienten und unsere Arbeit mehr wertgeschätzt werden.“

Warnstreik soll Bewußtsein für Situation in der Pflege stärken

Der jetzige Warnstreik, so Pottgießer, sei aber auch eine Art Übung. „Wir zeigen den Arbeitgebern, was wir können, wenn wir wollen.“ Und den Kollegen, was ein Streik bewirken kann. Denn eine weitere wichtige Auseinandersetzung, stehe noch aus: der Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und um mehr Personal in der Pflege. Es gäbe Situationen, in denen sich Pfleger fragten, ob sie das noch verantworten können, sagt Pottgießer.

Etwa wenn Patienten eine Nacht auf dem Flur verbringen müssen, weil in keinem Zimmer Platz für ihr Bett ist. Oder dass auf den meisten Stationen im Nachtdienst nur eine Pflegekraft ist. „Wenn dann mehrere Patienten wegen Krankenhauskeimen isoliert sind, ist es sehr schwer, alle Hygienemaßnahmen einzuhalten“, kritisiert er. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Warnstreik.

Welche Krankenhäuser werden bestreikt?

Betroffen sind sechs Standorte des Klinikkonzerns. Schwerpunkt des Warnstreiks für höhere Gehälter werde das Vivantes-Klinikum Neukölln, sagte die zuständige Ver.di-Gewerkschaftssekretärin Janine Balder. Dort würden sich mindestens 150 Beschäftigte beteiligen, für 10 Uhr ist eine Kundgebung vorgesehen. Auch am Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg und am Krankenhaus in Spandau seien größere Streikmaßnahmen zu erwarten. Mitarbeiter der Kliniken Am Urban in Kreuzberg, Friedrichshain an der Landsberger Allee und Humboldt in Reinickendorf wollen laut Balder ebenfalls in den Warnstreik treten.

Streiken nur Pflegekräfte?

Nach Ver.di-Angaben streiken im Wesentlichen Pflege-Mitarbeiter Es würden sich aber auch einige Ärzte beteiligen, die gewerkschaftlich organisiert sind.

Welche Klinikbereiche sind betroffen und wie wirkt sich das auf Patienten aus?

In Neukölln, Schöneberg, Spandau und Kreuzberg werden vor allem Operationssäle und die Anästhesie bestreikt. Geplante OPs, vor allem kleinere Eingriffe, können verschoben oder abgesagt werden. Weitere Stationen werden, je nach Streikbeteiligung, unterschiedlich betroffen sein. Dort können nach Angaben von Betriebsräten diagnostische Maßnahmen verschoben werden, wenn sie nicht akut sind. Betroffen sein können auch Transporte von einem Klinikbereich zum anderen, da der Begleitservice ebenfalls bestreikt wird. Patienten müssen damit rechnen, dass es zu längeren Wartezeiten kommen wird. Eine Vivantes-Sprecherin sagte, es werde keine großen Einschränkungen für Patienten geben. Die Rettungsstellen der sechs Kliniken bleiben geöffnet.

Wie lange dauert der Warnstreik?

Der Warnstreik ist auf den heutigen Montag beschränkt. Ver.di plant einen Zeitraum von 6 bis 16 Uhr.

Wird es einen Notdienst geben?

Ja, Vivantes und Ver.di haben eine Notdienstvereinbarung unterzeichnet. Damit sei die Versorgung und Behandlung aller Notfälle sichergestellt, sagt Janine Balder. Das OP-Personal bleibe vor Ort und könne jederzeit in die Operationssäle gehen, wenn Notoperationen anstünden. Darüber hinaus regelt die Notdienstvereinbarung den Austausch von Personal zwischen Stationen, falls es in einem Bereich durch den Streik zu Engpässen kommt. Eine Hotline wird nicht geschaltet.

Was fordert Ver.di?

Einen Sockelbetrag von 100 Euro für jeden Mitarbeiter und 3,5 Prozent mehr Einkommen, 100 Euro mehr für Auszubildende und Praktikanten sowie eine verbindliche Regelung zur unbefristeten Übernahme der Azubis nach erfolgreicher Ausbildung. Weitere Forderungen für den Pflegebereich an Krankenhäusern sind 30 Tage Urlaub für alle und eine Angleichung des Nachtdienstzuschlags. Der beträgt jetzt 15 Prozent, andere Angestellte des öffentlichen Dienstes bekommen 20 Prozent.

Was sagen die Arbeitgeber?

Der Kommunale Arbeitgeberverband KAV kritisierte den angekündigten Ausstand. Die Verhandlungen zur Tarifrunde 2014 hätten gerade erst begonnen, so Geschäftsführerin Claudia Pfeiffer Die Forderungen der Gewerkschaften und die wirtschaftliche Lage der Kommunen klafften zu weit auseinander. Die Arbeitgeber legten bislang klein Angebot vor.