Die Laptops aufgeklappt auf den Tischen, den unverzichtbaren Kaffee in der Hand, Kopfhörer auf den Ohren – die Studenten, die an diesem Abend mit ihren Zettelbergen in der Cafeteria der Technischen Universität an der Hardenbergstraße sitzen, sehen nach Arbeit aus. Und darum soll es schließlich auch gehen: arbeiten, nicht aufschieben.

Das Berliner Studentenwerk veranstaltet an diesem Abend zum ersten Mal die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten, die bundesweit seit mehreren Jahren am ersten Donnerstag im März stattfindet. Rund 30 Hochschulen beteiligten sich in diesem Jahr. Der zarte Klang einer Triangel leitet die Lange Nacht ein. Constanze Keiderling vom Berliner Studentenwerk gibt damit den Startschuss.

Viele der Studenten, die gekommen sind, leiden unter der sogenannten Prokrastination – besser bekannt als Aufschieberitis. Auch Studentin Jessica kennt dieses Problem. „Ich habe das Bedürfnis aufzuholen, was ich in den letzten Wochen habe schleifen lassen“, erzählt sie. Die 26-Jährige schreibt gerade ihre Masterarbeit im Fach Wirtschaftskommunikation. Ihr Ziel für diesen Abend sind drei Seiten, die sie schreiben will.

Die Schreibblockade kann viele Gründe haben

Draußen vor der als Schreibraum umfunktionierten Cafeteria ist eine Beratungsecke eingerichtet. Für Schreibberatung, aber auch für psychologische Hilfe. Denn eine Schreibblockade kann viele Gründe haben. An Pinnwänden werden Schreibgruppen oder -partner gesucht, denn zusammen geht ja bekanntlich vieles leichter. Auch Ralph und David sind an diesem Abend gekommen, weil es sich gemeinsam einfach besser schreiben lässt. „Wenn du alleine arbeitest, ist immer die Frage, wie du dich motivierst“, sagt Ralph. Er hat für die Lange Nacht ein großes Ziel: Der 27-Jährige möchte seine Masterarbeit abschließen.

Neben der Möglichkeit zum gemeinsamen Arbeiten bietet das Studentenwerk auch Workshops an. Dort lernen die Teilnehmer Übungen zur Entspannung, kreative Schreibübungen oder eben Wege aus der Prokrastination. Die ist nämlich weit verbreitet. Studenten neigen dazu, Hausarbeiten bis zum letzten Drücker aufzuschieben. Rückt der Termin dann näher, scheint die Aufgabe zu groß, um sie noch bewältigen zu können. Dann ist jede Ablenkung in den eigenen vier Wänden willkommen. Selbst das Putzen kann da zu einer angenehmen Beschäftigung werden.

Manche verlassen sich auf den Zeitdruck

Gründe für das ewige Vertagen gibt es verschiedene: „Einige sind einfach überfordert mit dem komplexen Prozess und andere warten, weil sie den Zeitdruck brauchen, und überschätzen sich dabei häufig“, sagt Constanze Keiderling. Eigentlich müsste es von der Uni für alle Erstsemester Einführungskurse zum wissenschaftlichen Schreiben geben, sagt Keiderling. Viele hätten es einfach nie gelernt, wie man Quellen findet, in einer Bibliothek arbeitet oder die Informationen strukturiert. Und dann falle es vielen Studenten schwer, allein für sich zu arbeiten. Nicht zuletzt liege es ja irgendwie auch in der Natur des Menschen, nicht alles sofort zu erledigen. Vor allem, wenn es um unangenehme Aufgaben geht, so Keiderling.

Für Studentin Jessica ist das eigentliche Problem ein anderes. Wie man wissenschaftlich schreibt, habe sie gelernt, erzählt sie. Aber wie man anfängt zu schreiben, erkläre einem niemand. „Du stehst plötzlich vor diesem riesigen Etwas, das sich Masterarbeit nennt. Wie fange ich da jetzt an?“ Ihre Freundin Birte nickt. Sie kennt das Problem. Deswegen hat sie sich für den Abend das Ziel gesetzt, das Thema für ihre Masterarbeit festzulegen. Und beide wollen, natürlich, den Workshop zur Aufschieberitis besuchen. „Wenn wir es nicht aufschieben und stattdessen lieber schreiben“, sagen sie und lachen.

Die kreative Atmosphäre motiviert

Die Lange Nacht soll eine Art Event sein, bei dem den Teilnehmern bewusst wird, dass sie eben nicht allein sind mit ihrem Problem. Sie sitzen an den Tischen nebeneinander und schreiben an einem Essay, an einer Doktorarbeit oder einer Semesterarbeit. „Eine Hausarbeit schreibt man nicht in einer Nacht. Aber es ist eine kreative Atmosphäre, die motiviert“, sagt Keiderling. Grundsätzlich können beispielsweise Lerngruppen helfen. Studenten verabreden sich zu festen Terminen in der Bibliothek oder zum Besprechen der nächsten Arbeitsschritte. So sei es einfacher, sich selbst zu strukturieren, sagt Keiderling.

Die Nachfrage nach der Langen Nacht war größer als erwartet. Mehr als 100 Teilnehmer hatten sich im Vorfeld angemeldet, viele riefen naturgemäß noch auf den letzten Drücker an. Und auch wer sich spontan entschloss, konnte noch einen Platz bekommen. Möglicherweise müsse man im nächsten Jahr auf einen größeren Raum ausweichen, so die Veranstalter.

Das Angebot des Schreibzentrums richtete sich nicht nur an die Studenten der TU, sondern an alle Berliner Hochschulen. Und es soll nicht die letzte Aktion dieser Art sein. Im Sommer will das Schreibzentrum eine ganze Schreibwoche anbieten. Jeden Tag früh aufstehen, in ein Schreibbüro mit eingerichteten Arbeitsplätzen fahren und neben anderen konzentriert arbeiten, das sei für viele schon der Weg, um aus der Falle des Vertagens herauszukommen, sagt Constanze Keiderling.