„Halbwesen“ und „Onanieverbot“

Verlag distanziert sich nach Skandal-Rede von Lewitscharoff

Büchner-Preis, Leipziger Buchpreis, Kleist-Preis, Bachmann-Preis: Die Berliner Autorin Sibylle Lewitscharoff ist hochgeehrt und hochverehrt. Doch nun herrscht Fassungslosigkeit über ihre jüngste Rede.

Foto: Uwe Zucchi / dpa

Sibylle Lewitscharoff, Jahrgang 1954, gehörte bislang zu den Autoren, deren Deutlichkeit und Schroffheit nicht übel genommen wurde. Sie hetzte gegen Amazon („dieser widerliche Club“) oder ekelte sich vor Bulgarien („verkommen und hässlich“), aber das fiel nicht weiter auf. Amazon ist ohnehin ungeliebt und Bulgarien zu unwichtig, um sich über ihren Gossen-Jargon weiter Gedanken zu machen.

Denn in ihren Büchern war die Berliner Autorin mit schwäbisch-bulgarischen Wurzeln ein anderer Mensch. Sie ist als hochpoetische, sprachmächtige Autorin bekannt, wenngleich man auch hinzufügen sollte, dass ihre Werke eher sperrig und zuweilen arg mühselig sind. „Habe ich mit angefangen“ ist einer der meist gehörten Sätze, wenn die Rede auf Bücher von Sibylle Lewitscharoff kommt. Dennoch oder gerade deswegen wurde sie reichlich ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr erhielt sie den Georg-Büchner-Preis, in den Jahren zuvor den Leipziger Buchpreis, den Kleist-Preis und den Bachmann-Preis. Ihr Kapital ist auch, dass die Kritiker sie verehren und sie zum Establishment der deutschsprachigen Autoren gehört.

Kinder als "zweifelhafte Geschöpfe" bezeichnet

Wobei sich ihre Rolle als Liebling des Literaturbetriebes nunmehr erledigt hat. Am vergangenen Sonntag hat sie eine Rede im Dresdener Schauspielhaus gehalten, die den Blick auf sie für immer verändern wird. In ihrer Rede beschäftigte sie sich mit „Geburt und Tod“. Sie verurteilte die künstliche Befruchtung als „widerwärtig“. Kinder, die auf solch „abartigen Wegen“ entstanden sind, seien „Halbwesen“, „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ Es sei „gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft“, sagte Lewitscharoff.

In ihrer Tirade über das „gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse“ sprach sie sich für ein „Onanieverbot“ aus. „Absolut widerwärtig“ sei es, wenn Sperma zur künstlichen Befruchtung eingesetzt werde. „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor“, sagte die Schriftstellerin.

"Tropfenweise verabreichtes Gift"

Nicht nur ihre Haltung, sondern auch mit welcher Heftigkeit und Empathielosigkeit sie vorgetragen wurde, hat Entsetzen und Fassungslosigkeit ausgelöst. Ihr Verlag, der Suhrkamp Verlag, geht auf maximale Distanz: „Die Haltung, die in der Rede von Sibylle Lewitscharoff zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln“, sagte Sprecherin Tanja Postpischil der Berliner Morgenpost.

Auch bei der Akademie der Künste, bei der sie seit 2010 Mitglied ist, rückt man von ihr ab: „Bei allem Respekt vor der privaten Meinung von Sibylle Lewitscharoff: Mit dem Schriftsteller Ingo Schulze teile ich die Meinung, dass es ungeheuerlich und in jeder Weise inakzeptabel ist, wenn Kinder, die künstlich gezeugt wurden, als ‚Halbwesen‘ bezeichnet werden. Wir weisen den menschenverachtenden Ton und Gestus der Dresdener Rede von Sibylle Lewitscharoff aufs Schärfste zurück“, sagte Akademie-Präsident Klaus Staeck dieser Zeitung.

Die Rede in Dresden wurde einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ zufolge vom Publikum ohne sichtbare Emotionen aufgenommen: „Ein Protest aus dem Publikum wäre zu erwarten gewesen. Doch er wird auch in den Foyergesprächen nach der Rede wenig hörbar.“

Deutlich hat sich hingegen das Dresdner Schauspielhaus als Mitveranstalter von Lewitscharoffs Aussagen distanziert. Chefdramaturg Robert Koall hat in einem offenen Brief „Einspruch“ erhoben und auf intelligente Weise einen Vorfall kommentiert, bei dem einen man vor lauter Kopfschütteln die Worte fehlen. „Eine der meistbeachteten deutschen Schriftstellerinnen pflegt öffentlich ein Menschenbild, das Verklemmung mit Verachtung paart. Ein beängstigendes Menschenbild“, schreibt Koall.

„Ihre Worte sind nicht harmlos“

Besonders erzürnt den Chefdramaturg die Passage, in der Lewitscharoff lesbische Paare anprangert, die über künstliche Befruchtung Eltern werden: „Es gibt in meinem Bekanntenkreis ein dreijähriges Mädchen, das nicht in einem klassischen Familienmodell aufwächst – sie hat eine Mutti und eine Mama“, schreibt Koall, „ihre Existenz verdankt sie der Wissenschaft, die Sie verteufeln. Sie ist ein intelligentes, fröhliches und geliebtes Mädchen, sie ist ein Kind Gottes, und ihr Dasein ein Segen. Nicht aber für Sie, Frau Lewitscharoff. Für Sie ist dieses Mädchen kein vollwertiger Mensch. Sie haben nur Abscheu für sie übrig.“ Koall schließt seinen Brief wie folgt: „Ihre Worte sind nicht harmlos. Aus falschen Worten wird falsches Denken. Und dem folgen Taten. Deshalb sind es gefährliche Worte.“

In der Online-Ausgabe der „FAZ“ sagte Lewitscharoff in einem Interview, dass sie „nichts zurücknehmen“ werde. Im weiteren Verlauf des Gespräches schwächt sie allerdings ihre Position zur Rede ab und spricht lediglich von einer „Skepsis“ gegenüber künstlicher Befruchtung. „Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht?“

Die gesamte Rede der Schriftstellerin finden Sie in einer Audiodatei des Schauspielhauses hier.

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