Lizenzen

Wie Wolfgang Neldner ums Berliner Energienetz pokert

Berlin Energie und ihr Chef Wolfgang Neldner wollen sich bei der Vergabe um die Strom- und Gaskonzessionen in Berlin gegen die etablierten Konzerne durchsetzen. Dabei hilft ihnen politischer Rückhalt.

Foto: Amin Akhtar

Die Kunst, Systeme und Maschinen zu steuern, ist Wolfgang Neldners Passion. Als junger Mann hat er in Moskau die „Kybernetik elektrischer Systeme“ studiert. Sein Berufsleben hat der 56-Jährige mit Hochspannungs-Stromtrassen und Übertragungsleitungen verbracht. Und künftig will der gebürtige Naumburger im Auftrag des Senats die nach seiner Ansicht veralteten Strukturen der Berliner Netze für Strom und Gas auf den Stand der Technik bringen.

Neldner leitet den Landesbetrieb Berlin Energie. Mit seiner siebenköpfigen Mannschaft bewirbt er sich um die Konzessionen für Berlins Gas- und Stromnetze. Der Ingenieur ist der Hoffnungsträger für all jene in der Stadt, die sich eine Rekommunalisierung dieser Infrastruktur wünschen, die in Zeiten der Energiewende wichtiger wird denn je.

Das sind nicht wenige, wie die 600.000 Stimmen beim Volksentscheid für ein kommunales Stromnetz belegen. Aber trotz dieser politischen Unterstützung spielt Neldner im Kampf um die Netzkonzessionen den David, der die alteingesessenen Goliaths Gasag und Vattenfall ebenso herausfordert wie den niederländischen Alliander-Konzern, den viele als größte Konkurrenz der derzeitigen Netzbetreiber einschätzen.

Bis die ostdeutschen Strom-Übertragungsnetze aus der zentralen Verwaltung von Vattenfall herausgelöst wurden und seither unter dem Namen 50 Hertz eigenständig firmieren, arbeitete Neldner selbst bei Vattenfall. „Die machen einen ordentlichen Job“, sagt der Berlin-Energie-Chef und schließt in dieses Urteil ausdrücklich auch den Gasnetzbetreiber Gasag mit ein. „Wir werden die hohe Versorgungszuverlässigkeit beibehalten, das steht nicht zur Debatte“, versichert Neldner.

Aber aus Sicht des Fachmanns birgt der Status-Quo der Berliner-Netzorganisation einige entscheidende Mängel. Der größte sei, dass Gas und Strom nicht aus einer Hand gemanagt werden. „Wir wollen einen Kombi-Netzbetreiber etablieren“, umreißt Neldner die Vision. Seine Hand zeichnet fast unentwegt Systeme aus Kugelschreiberlinien in sein Notizbuch, die er dann auseinanderteilt, um sie kleiner zu machen und für den Zuhörer leichter verständlich. Unterschiedliche Infrastrukturen will er kombinieren, nicht unbedingt eigentumsrechtlich, aber bei der Planung von neuen Stadtvierteln und Gewerbegebieten oder der Reparatur von Leitungen. „Das ist eine Nummer, da geht es um richtig Geld“, sagt der Kybernetiker.

Neue Lizenz für Gas läuft zehn Jahre, für Strom 20 Jahre

Dabei endet Neldners Phantasie nicht bei einem Betreiber für das Gas- und Stromnetz. Das wäre ein erster Schritt, darum hat sich Berlin Energie auch um beide Netze beworben, wie übrigens auch der niederländische Konkurrent Alliander. Aber Neldner will mehr. Er verhandelt mit Telekommunikationsunternehmen, um neben Gasleitungen im Berliner Stadtgebiet auch gleich Leerrohre für Datenkabel zu verlegen. Auch mit den landeseigenen Wasserbetrieben will er zusammenarbeiten, über die Fernwärme denkt er nach und für die Zukunft kann er sich auch eine Integration von Erdwärmeleitungen in sein künftiges System vorstellen.

Aber ehe die Zukunftsträume des dreifachen Vaters reifen können, muss Neldner mit seiner Rumpf-Firma und vier Millionen Euro Budget in den beiden laufenden Vergabeverfahren außergewöhnliche Überzeugungsarbeit leisten. Das ist schwierig, denn die Kriterien für eine Vergabe begünstigen große, etablierte Netzbetreiber, die ihre Zuverlässigkeit bereits nachgewiesen haben. Bei Gas läuft die neue Lizenz zehn Jahre, beim Strom 20 Jahre. Die Konkurrenz blickt auf Neldner und seine kleine Truppe herab. „Er hat keine Chance“, heißt es aus dem Bewerberkreis.

Der Berlin-Energie-Geschäftsführer versucht den Nachteil als Kleiner und neuer Anbieter mit Pragmatismus, Kooperationsgeist und großen Plänen auszugleichen. Dass er die Netze betreiben könnte, steht für Neldner außer Frage. Denn es sei klar, dass die bisherigen Mannschaften der Tochterfirmen von Gasag und Vattenfall auch weiterhin die Schaltwarten und Störungsdienste besetzen. Natürlich würden diese Fachkräfte schon aus Eigeninteresse zur Berlin Energie oder einem anderen Netzbetreiber wechseln, falls ihr bisheriger Arbeitgeber im Konzessionspoker unterliegen sollte. „Die Mitarbeiter, die das heute machen, werden wir weiter beschäftigen“, versichert Neldner. Er habe schon Netze zugekauft und auch Netze abgegeben, sagt er selbstbewusst: Er wisse, wie so etwas laufe.

Transparenz: Neldner will Betriebsdaten offen legen

Um in den Vergabeverfahren zu obsiegen, hat er ein Netz mit vielen Partnern geknüpft. Das neue Sonderreferat Klima und Energie im Haus von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) stehe ebenso zur Verfügung wie die Juristen der Verwaltung. Die Berater von PriceWaterhouse Coopers (PWC) sind im Team, weitere Experten zieht Neldner bei Bedarf heran. Ein großes Telekommunikationsunternehmen ist mit an Bord, um die Idee der kombinierten Energie- und Datennetze voranzutreiben.

Berlin Energie darf das Rechenzentrum der Wasserbetriebe nutzen, auch die Schaltwarte steht zur Verfügung. Für all dieses Dienste bezahlt Neldner aus seinem Budget von vier Millionen Euro, die ihm das Abgeordnetenhaus zur Verfügung gestellt hat. In den einzelnen Vergabeverfahren rechnet er sich Chancen aus, weil er günstige Lösungen anbietet. Und der effiziente Netzbetrieb ist wichtiges Kriterium für die Vergabeentscheidung.

Der Kybernetiker verspricht zudem Transparenz. Er will offen legen, was da fließt durch Rohre und Kabel. Bürger sollen Betriebsdaten und Verbräuche sofort nachvollziehen können. „Es ist nicht unser Ziel, die Gasag und Vattenfall zu kopieren“, sagt Wolfgang Neldner.