Comic-Serie

Die traurige Geschichte hinter „Vater und Sohn“

Die Comic-Serie „Vater und Sohn“ zählt zu den populärsten der deutschen Pressegeschichte. Vor 80 Jahren erschien sie erstmals in der "Berliner Illustrirten Zeitung". Ihr Autor wurde Opfer der Nazis.

Wir können diese Bilder, diese kleinen und charmanten Geschichten ja erst einmal ganz reinen Herzens betrachten. Also ohne dass wir in Rechnung stellen, was wir über Erich Ohser alias e.o. plauen wissen, den Zeichner und Illustrator, dem wir sie verdanken. In der Literaturwissenschaft würde man von der Werkimmanenz sprechen, also von dem Versuch, das Kunstwerk losgelöst von historischen oder sozialen Zusammenhängen zu verstehen. Methodisch gilt das als abgeschmackt und naiv. Aber vielleicht hilft es ein bisschen dabei, genau hinzuschauen und sich bewusst zu machen, dass wir es hier mit wirklich großer Kunst zu tun haben.

Jeder, der mal zur Schule gegangen ist, kennt die Situation. Man hat irgendein leidiges Aufsatzthema bekommen (in der Regel heißt es „Mein schönstes Ferienerlebnis“), und nun sitzt man schwitzend über dem Hausaufgabenheft und bricht sich einen ab, während draußen die Spielkameraden schon fröhlich durch die Gegend springen. So sehen wir e.o. plauens „Sohn“ in der ersten Folge der Serie „Vater und Sohn", die 1934 in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ erschien, und wir erkennen uns gleich darin wieder. Die Beine des geplagten Kindes sind ratlos verknotet, er saugt verzweifelt an seinen Fingern, sein ganzer Körper ist ein einziges Fragezeichen.

Väterliche Fürsorge und Zuwendung

Nun betrachte man die Figur des Vaters, der eigentlich anderen Dingen nachgehen will und dem Jungen seinen Rücken zuwendet. Man beachte vor allem seine Augen und die hochgezogenen Brauen, in denen sich der Schrecken über die verzweifelte Lage des Sohnes spiegelt. Erst so wird die Innigkeit des zweiten Bildes verständlich, auf dem der Vater dem Sohn die Feder führt. Die Zeichnungen e.o. plauens handeln von väterlicher Fürsorge und Zuwendung, von der selbstlosen Sorge eines Mannes um sein Kind. Das ist es, was jeder sofort verstand und auch heute noch jeder versteht – genauso wie man heute noch die stilistische Sprache dieses Strips versteht: Die liebevoll rund geschwungenen Bögen des Vater-Sohn-Bündnisses auf der einen, die streng-zackige Linienführung des Lehrers andererseits. Die Kolorierungen der Grafikerin Christiane Leesker, die jetzt den Bildgeschichten noch mehr Leben einhauchen (sieh Abspann), verstärken diesen Effekt.

Wie erleichtert Kurt Kusenberg gewesen sein muss, als er endlich diese Zeichnungen vor sich hatte. Kusenberg war in den dreißiger Jahren Redakteur der „Berliner Illustrirten Zeitung“. Für sein viel gelesenes Blatt war er dringend auf der Suche nach einer „stehenden Figur“ - so nannte man die fortlaufenden Bildgeschichten, mit denen amerikanische Blätter schon eine ganze Zeit ihre Leser unterhielten. Doch dazu reichte es nicht, einen guten Zeichner zu kennen. Dieser musste auch noch ein Thema haben, mit dem man die Leser über lange Zeiträume unterhalten konnte.

„Mit 35 Zeichnern hatte ich es mittlerweile versucht“, schrieb Kusenberg später, „35-mal denselben kleinen Vortrag gehalten und ebenso oft gehofft, der rechte Mann sei gefunden – vergebens. Ein einziger Name stand noch auf meiner Liste, und über ihn ärgerte ich mich seit Wochen. Denn ob ich auch täglich zwei- oder dreimal die Rufnummer wählte, unter der Erich Ohser angeblich zu erreichen sei: Niemand meldete sich. Es kam dahin, dass ich an der Existenz dieses Zeichners zu zweifeln begann. Tags darauf erschien ein großer, rundlicher Herr, der im Gespräch lauschend die Hand ans Ohr hielt, schlau nickte und sich bald wieder empfahl. Er war der einzige, der mir nicht versicherte, er habe die Aufgabe begriffen – und der einzige, der sie löste. Sehr rasch wurden wir uns einig, dass aus dem schlichten Thema von Vater und Sohn am meisten herauszuholen sei.“

Die Liebe seines Lebens

Wer war dieser merkwürdige Kauz, den Kusenberg so beschreibt, als sei er die fleischgewordene Inkarnation der Vater-Figur aus seinen Strips? Tatsächlich war Erich Ohser vor allem dies: ein liebender Vater. 1903 im sächsischen Untergettengrün geboren, hatte er sich 1921 an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig eingeschrieben. Dort erlebte er eine hochkreative, fröhliche Zeit. Er lernte nicht nur die beiden Dichter, Journalisten und Schriftsteller Erich Knauf und Erich Kästner kennen, sondern auch die Liebe seines Lebens, die ebenfalls hoch talentierte Illustratorin Marigard Bantzer. Sie sollten ein wechselvolles, von viel Leidenschaft und vielen Krisen geprägtes Verhältnis zueinander haben. 1930 heiraten sie, 1931 kommt Sohn Christian auf die Welt, da ist Ohser schon nach Berlin gezogen.

In ihrem wunderbaren Buch „Erich Ohser alias e.o. plauen“ hat Elke Schulze das zärtliche Verhältnis Ohsers zu seinem Sohn herausgearbeitet: „Gemeinsam mit dem Architekten Henselmann und dessen Kinderschar unternimmt Familie Ohser Ausflüge, von denen Irene Henselmann vielfach berichtet hat. Immer wieder kommt dabei auch das Verhältnis von Ohser zur Welt der Kinder zur Sprache: ‚Wenn Erich ein kleines Kind ansah, bekam er die gleichen Augen wie jene, in die er hineinschaute. Das bedeutet viel bei einem Mann. Es war ein Sommer, da fuhren wir jeden Sonntag ins Freie. Sehr früh ging’s los. Berlin war so blank und fröhlich in den Morgenstunden, ganz frisch und und unverbraucht. In der Hoffmann-von-Fallersleben-Straße lugten ein runder, schwarz gelockter und ein kleiner, blond strahlender Kopf über die Balkongeranien: Wir kommen! Viel hatten sie immer zu tragen, die Ohsers. Erich trug vor allem sich. Seine grüne Jacke, seine graue Hose, das dunkelblaue Hemd: eine Einheit. Die Stoffe schlugen Erich-Falten um seinen gemütlichen Wuchs, sein Hut war ‚ein Stück von ihm’. Seine dicke Aktentasche, eine unbürokratische, schwang im wiegenden Rhythmus seines Ganges und war gefüllt mit Boccia-Kugeln. Er war erwartungsvoll wie sein Sohn. Ein guter Gefährte. Erich auf der Eisbahn. Sonne, Frost, Berliner Hinterhäuser, buntes Gewimmel, Lautsprecher. Mitten unter rotnasigen Kindern Erich. Behende seine Pirouetten drehend, seine Walzerfiguren, exakt und ein wenig pedantisch, aufs Eis zeichnend, Freude zwischen den Schulterblättern.“

Ohsers Umtriebe waren den Nazis ein Dorn im Auge

Wer jedoch hinter Ohser nun einen zwar liebevollen, doch auch etwas harmlos-bräsigen Papa vermutet, der blendet wesentliche Seiten seines Wesens aus. Ein kritischer, wacher, scharfer und witziger Intellekt war ihm ebenso eigen wie die Liebe zu seinem Sohn. Und es war eben dieser kritische Geist, der es dem BIZ-Redakteur Kurt Kusenberg zunächst so schwer machte, Ohser zu engagieren. Denn Ohser hatte mit galligen Zeichnungen schon vor Jahren den vulgär-brutalen Zeitgeist kommentiert, der in braunen Uniformen die Straßen unsicher machte.

Auf dem Blatt „Zweckdienliche Behandlung“ von 1931 sehen wir einen SA-Mann wild auf einen bereits am Boden liegenden und blutenden Mann eintreten. Sein daneben stehender Scherge sagt zu ihm: „Tritt dem Kommunisten ein paar Zähne aus, aber schlag ihn um Gotteswillen nicht ganz tot, er muss erst noch am 9. August zum Volksentscheid gehen!“ Ohsers Umtriebe waren den Nazis schon lange ein Dorn im Auge. Im sozialdemokratischen „Vorwärts“ hatte er offen gegen die völkische Bewegung opponiert. Kusenberg und seine Kollegen mussten Reichspropagandaminister Goebbels persönlich dazu bewegen, zu Ohsers Gunsten zu intervenieren – wie genau es ihnen gelang, ist leider nicht überliefert. Doch es gelang ihnen, wenngleich nur um den Preis von gewissen Zusicherungen: Ohser musste sich verpflichten, nur noch unpolitische Inhalte zu Papier zu bringen und diese zudem unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. So entstand der Name e.o. plauen, der an Ohsers Initialen erinnert und an das sächsische Plauen, wo Ohser lange Jahre seiner Jugend verbrachte.

Nun konnten die Strips den Siegeszug antreten, der ihnen zustand. Sie erscheinen bald auch in mehreren Bänden. Vielleicht ist es gerade ihre unpolitische Seite, die den Zeitgeist trifft -–indem sie dem Bedürfnis nach Rückzug und Privatsphäre Rechnung trägt. Die Allgegenwart der beiden Figuren wendet sich nach wenigen Jahren gegen Ohser, der sich nur noch mit dem Vater und dem Sohn identifiziert sieht. Er beschließt, die Reihe zu beenden und sich seinen anderen Talenten zuzuwenden – der Porträt- und Landschaftszeichnung, der Buchillustration, dem Aquarell, während Hitler die ganze Welt in einen mörderischen Krieg zieht. Ohser hatte ein gutes Auskommen und hielt sich öffentlich mit Kritik am herrschenden Regime zurück, wenn er auch hin und wieder versteckte Kritik in seinen Zeichnungen unterbrachte.

Privat allerdings hielt er nicht damit hinter dem Berg, wie sehr ihm Hitlers Himmelfahrtskommando und die Verbrechen seines Regimes missfielen. Es war sein beflissener Nachbar Bruno Schultz, der ihn bei der Gestapo denunzierte. Sein Freund Erich Knauf und er wurden verhaftet, und noch bevor Roland Freisler seinen Prozess eröffnen konnte, erhängte sich Ohser in seiner Zelle. Knauf wurde später hingerichtet.

Er bleibt damit eins von den vielen, aber auch eins der traurigsten Beispiele dafür, wie künstlerisches Talent und menschliches Format dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Vater und Sohn aber, dieses unschlagbare Paar, das haben sie nicht zerstören können.

Elke Schulze: Erich Ohser alias e.o. plauen. Ein deutsches Künstlerschicksal. Südverlag, 24 Euro. Vater und Sohn. Zwei, die sich lieb haben Südverlag, 18 Euro (Erscheinen am 12. März)

Foto: rf / picture alliance / dpa

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