Abblätternder Putz auf Schulfluren und in Klassenräumen ist noch das geringere Problem. In vielen Fällen ist der verwahrloste Zustand der Schulen inzwischen zu einer Gefährdung der Gesundheit geworden. Kinder müssen im Unterricht frieren, weil die Fenster undicht sind. Grundschüler vermeiden es, in der Schule zu trinken, damit sie nicht die Toiletten nutzen müssen.
Oberschüler fahren lieber in ein nahe gelegenes Einkaufscenter, weil die sanitären Anlagen dort in einem besseren Zustand sind. Die Berichterstattung über die drohende Schließung der Schule am Friedrichshain durch das Gesundheitsamt im Januar hatte eine Flut von Leserzuschriften ausgelöst.
Beim sechsten Leserforum der Morgenpost am 3. März im Zehlendorfer Schadow-Gymnasium werden verantwortliche Politiker mit Eltern- und Schülervertretern unter dem Motto „Sanierungsfall Schule – was muss sich ändern?“ über Lösungsmöglichkeiten diskutieren. Leser haben die Möglichkeit, direkt mit Experten und Entscheidern auf Bezirks- und Landesebene zu sprechen.
Bezirk zieht Konsequenzen
Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat nach der abgewendeten Schulschließung inzwischen erste Konsequenzen gezogen. Die verantwortliche Putzfirma musste 14 von insgesamt 60 Schulen abgeben. Doch die Probleme sind damit nicht gelöst. Viele Fragen bleiben offen. Reichen die Standards, oder müssen Schulen nicht häufiger geputzt werden?
Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, fordert, dass viel frequentierte Schultoiletten genauso wie die Sanitäreinrichtungen auf Flughäfen oder in Einkaufscentern mehrmals täglich gereinigt werden müssten. Die Reinigungsunternehmen beklagen, dass die gründliche Reinigung in den vorgegebenen Zeitspannen nicht realistisch sei.
Der Bildungsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Peter Beckers (SPD), will zudem bezirksübergreifend diskutieren, wie die Ausschreibungspraxis verändert werden kann, damit nicht mehr zwangsläufig die günstigsten Anbieter die Zuschläge erhalten. Warum soll es nicht möglich sein, hier einen Paradigmenwechsel vorzunehmen, wie schon beim Schulessen?
Kaum Probleme mit Vandalismus nach Sanierung
In vielen Schulen kommt noch dazu, dass die Sanitäranlagen völlig veraltet sind. Selbst die beste Reinigung kann da eine unangenehme Geruchsbildung nicht verhindern. Dass Schüler nicht besonders respektvoll mit solch maroden Räumen umgehen, sei nachvollziehbar, sagt der Vorsitzende des Landesschülerausschusses, Janosch Jassim.
Die Erfahrung zeigt, dass an Schulen, die frisch saniert wurden, Vandalismus durch Schüler kaum ein Problem ist. Meist auch deshalb, weil im Zuge der Sanierung von Schulleiter und Pädagogen das Bewusstsein für eine angenehme Umgebung bei den Schülern geschärft wird.
Der Senat hat zwar die Summe für das Schul- und Sportstättensanierungsprogramm im vergangenen und im laufenden Haushalt auf 64 Millionen Euro verdoppelt. Doch alle Beteiligten wissen, dass das angesichts des gewaltigen Sanierungsstaus nicht ausreicht. Hundert Jahre wären unter diesen finanziellen Rahmenbedingungen nötig, um den von den Bezirken ermittelten Sanierungsstau abzuarbeiten. Pläne, dieses Problem grundsätzlich anzugehen, gibt es allerdings offenbar nicht. Stattdessen behilft sich der Senat damit, Container aufzustellen, wenn ein Gebäude gar nicht mehr nutzbar ist.
Container werden zur Dauerlösung
Eindrückliches Beispiel dafür ist das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow. Jahrelang haben Eltern und Schule gemeinsam für die Sanierung des Nebengebäudes gekämpft. Der Haupteingang war schon lange aus Sicherheitsgründen gesperrt, der Seiteneingang behelfsmäßig überdacht, damit keine Fassadenteile auf die Schüler und Lehrer fallen.
Die Fenster waren zugeschraubt, damit sie nicht beim Öffnen herausfallen. Im September 2013 erhielt die Schule endlich mobile Räume, die Sanierung des Gebäudes ist für 2016 angepeilt. Die Schüler glauben kaum noch daran, dass es tatsächlich dazu kommen wird.
Die Skepsis ist berechtigt. Die Clay-Schule in Neukölln ist seit 23 Jahren in einem provisorischen Containergebäude untergebracht. Wenn es regnet, drückt das Wasser durch das Flachdach in die Räume. Mehr als 1000 Schüler drängen sich auf viel zu engen Fluren. Es gibt keine Turnhalle, keinen Keller und nur einen Saal, der als Aula und Mensa dient.
Land reagiert nur vereinzelt mit Neubauten
Ursprünglich war das Provisorium lediglich auf fünf Jahre ausgelegt. Ein Neubau ist schon lange geplant, doch der Start wurde immer wieder verschoben. Im September sind die Schüler für ihren Neubau sogar auf die Straße gegangen. Inzwischen ist die Investition bewilligt. 2016 sollen die Bauarbeiten beginnen. Die Schüler, die jetzt dort lernen, werden davon nichts mehr haben. Im Gegenteil: Sie müssen damit leben, dass in dem abgeschriebenen Gebäude nur noch das Nötigste repariert wird.
Auch auf die wachsenden Schülerzahlen reagiert das Land nur im Einzelfall mit Schulneubauten. Dabei wäre das eine Chance, durch neue Architektur eine veränderte Pädagogik zu ermöglichen. Stattdessen gibt es ein Sonderprogramm für Schulcontainer. Allein in diesem Jahr sind dafür 21 Millionen Euro vorgesehen. Von Provisorien will dabei keiner mehr sprechen.
Bildungssenatorin steht Rede und Antwort
Die mobilen Allzweckräume hätten eine Lebensdauer von 25 Jahren, heißt es. Die Stadträte in den Bezirken scheinen sogar ganz froh über diese Lösung. Denn ein Neubau ist nicht nur teuer, die nötigen Planungen sind auch noch wesentlich aufwendiger.
Am Montag bietet sich die Gelegenheit, Bezirksstadträte und Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) einmal persönlich zum Sanierungsfall Schule und zu ihren Visionen zu befragen.









