Am 5. Februar dieses Jahres spazierte eine Rotte Wildschweine inklusive Eber, Bachen und fünf kleinen Frischlingen über den Spielplatz Breitscheidstraße Ecke Märkische Allee in Glienicke/Nordbahn. Nachzulesen auf der Internetseite „Portal Beee“, die Berliner und Brandenburger seit einem halben Jahr dazu aufruft, ihre Wildtierbeobachtungen zu melden.

Für Wissenschaftler des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Biodiversitätsforschung (BBIB), einem Zusammenschluss der drei Berliner Universitäten und der Universität Potsdam sowie von fünf Leibniz-Instituten, sind diese Angaben sehr wertvoll. Das ins BBIB eingebundene Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), von wo aus das „Portal Beee“ koordiniert wird, führt momentan ein Forschungsprojekt über Wildschweine in Berlin und Brandenburg durch.

Dabei spielt der Bürgeraufruf zur Meldung von Sichtungen eine wichtige Rolle. Bislang beschränkt sich die Webseite nur auf Wildschweine und Igel, das Projekt soll aber ausgeweitet werden. „Wir wollen ausprobieren, wie das mit der Bürgerbeteiligung klappt“, sagt Karoline Weißhuhn vom IZW, die „Portal Beee“ koordiniert. „Das Portal ist ja dazu da, Wissen von Bürgern abzufragen und so Datenerhebungen zu ermöglichen, die über den normalen Wissenschaftsbetrieb hinausgehen.“ Wissenschaftler können zwar die Vorkommen der Tiere auswerten und daraus Forschungsergebnisse ableiten, aber sie wissen meist nicht, wo genau in der Stadt die Tiere leben. Das aber wissen Anwohner, die morgens einen zerwühlten Garten vorfinden oder einen Igel, der sich in der Hängematte verheddert hat.

Hohe Schäden durch Wildschweine im Garten

Vor allem Wildschweine seien für Berliner relevant. „Die Anwesenheit von Wildschweinen ist besonders auffällig“, erklärt Karoline Weißhuhn. „Sie richten oft Schäden an, und die Leute ärgern sich über kaputte Zäune und zertrampelte Beete. Da liegt ein richtiger Konflikt mit dem Menschen vor.“ Während sich Wildschweine eher in den Randbezirken aufhalten, kommen Igel gleichmäßiger über die Stadtgebiete verteilt vor.

Bei ihnen interessiert die Wissenschaftler vor allem die Frage, wie sie in der Stadt überleben. Es müsse zwangsläufig signifikante Unterschiede zu ihren Artgenossen auf dem Land geben. „Die Berliner Böden sind vielerorts schwermetallbelastet“, so Karoline Weißhuhn. „Das bedeutet für den Igel: weniger Regenwürmer. Wie aber richten sie sich hier ein? Das wollen wir mithilfe der Bürger herausfinden.“

Um aussagekräftige Ergebnisse präsentieren zu können, dauert es allerdings noch eine Weile. Bisher verzeichnet die Webseite etwa 80 Igel- und um die 30 Wildschweinsichtungen. Quantität allein hilft hier wenig. „Für uns ist vor allem eine gleichmäßige Verteilung der Meldungen über die Stadtgebiete ausschlaggebend“, so die Koordinatorin.

Auch Naturschutzverbände beteiligen sich

Dabei sind die Igelsichtungen schon gut gestreut, bei den Wildschweinen ist man „auf einem guten Weg.“ Meldungen kamen neben Glienicke/Nordbahn etwa aus Heiligensee, dem Park Sanssouci, Karlshorst oder Grünau. Um den Forschern zu helfen, füllt man auf der Internetseite portal-beee.de ein Frageformular aus. Je ausführlicher die Angaben, umso dienlicher sind sie der Wissenschaft. Einzubetten ist diese Forschungsmethode der Laieneinbindung in die sogenannten „citizen sciences“.

Unter diesen „Bürgerwissenschaften“ versteht man die Beteiligung von Menschen an der wissenschaftlichen Forschung, die keine Wissenschaftler im herkömmlichen Sinne sind. Die häufigste Mitarbeit von Bürgern an Forschungsprojekten im Rahmen der „citizen sciences“ ist die Datenerhebung, wie etwa die Wildtierbeobachtung.

Dabei nutzen nicht nur wissenschaftliche Einrichtungen Beobachtungen aus der Bevölkerung für ihre Arbeit. Auch die Naturschutzverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) rufen die Bevölkerung zur Wildtierzählung auf. Beim BUND Berlin findet schon seit 2005 jährlich das „Abenteuer Faltertage“ statt, ein Wochenende, an dem Bürger zur aufmerksamen Schmetterlingsbeobachtung aufgerufen sind. Ein bebilderter Zählbogen dient als Hilfsmittel.

Aufgabe für Hobby-Ornithologen

Beim NABU Berlin kann man sich mit Wildkaninchensichtungen melden, außerdem führt der Verein jedes Jahr die „Stunde der Gartenvögel“ und die „Stunde der Wintervögel“ durch, in der Vögel gezählt werden, auch hier mit illustrierter Zählhilfe. Die Beteiligung ist groß, bei der letzten Wintervögel-Zählung im Januar waren allein in Berlin mehr als 1800 Hobby-Ornithologen dabei.

Das nächste Gartenvögel-Wochenende findet vom 9. bis 11. Mai statt.