Eine Sache war viel wichtiger als Sex
Die Sache mit dem Sex? Geschenkt. Das haben Frauen doch schon immer gemacht. Ihre Köpfe zusammen gesteckt und sich ausgetauscht. Ja, gut, es war neu im deutschen Fernsehen. Aber die viel größere Revolution waren die Expertengespräche über Mode. Und die Haltung der Hauptfigur, sich viele Gedanken über ihre Kleidung und ihre Schuhe zu machen und das den „wichtigen“ Themen gegenüber gleichgeordnet. So befreite uns Sex and the City im Grunde von einem puritanischen, ja schamhaften Umgang mit Äußerlichkeiten. Für die gebildete Frau war es plötzlich möglich, mit Selbstbewusstsein massiv shoppen zu gehen, das Eroberte mit Stolz zu tragen, ohne als oberflächlich abgestempelt zu werden. Spitze, hohe Pumps, Sandaletten, Plateauschuhe – dazu ein Kleid vom entsprechend teuren Designer – und das durfte nicht fehlen, der passende Stilbruch zum Outfit – über all das wurde so ernsthaft philosophiert, wie über Beziehungen, Stellungen und Krankheiten. SATC hat uns um eine Weisheit bereichert: Schönheit kommt nicht nur von innen. Würde das heute noch funktionieren? Nicht mehr so ganz. SATC war wie guter Pop, purer, schöner Zeitgeist. Diana Zinkler
Mein Job war plötzlich der entspannteste
Vor 20 Jahren war ich stolz wie Oskar, als ich Lokalreporterin wurde. Leider war die Reaktion bei meinen Freundinnen nicht ganz so enthusiastisch. Nicht, dass „was mit Medien“ sie nicht interessiert hätte. Aber als sie herausfanden, dass ich meine Abende gar nicht mit George Clooney verbrachte, sondern tagsüber an einem Schreibtisch in einem stinknormalen Büro herumsaß, erlahmte das Interesse. Danach gab ich meinen Beruf zuweilen einfach mit „Verlagsangestellte“ an.
Dann kam „Sex and the City“. Bis dahin hatte ich mit meinen Freundinnen einmal die Woche über Männer, Ex-Männer, Freundinnen und Ex-Freundinnen diskutiert. Jetzt saßen wir einmal die Woche vor dem Fernseher und sahen anderen Freundinnen dabei zu, wie sie über dasselbe diskutierten.
In der Serie sah man Carrie oft allein auf dem Sofa sitzen und gedankenverloren ihr Leben in ihren Laptop tippen. Es sah immer ganz leicht aus. Und was sie schrieb, war immer unglaublich interessant. Irgendwann wurden in meinem Büro auch Laptops eingeführt. „Ab jetzt können Sie schreiben, wo Sie wollen“, sagte mein Chef. Einige Tage lang war es die Redaktion tatsächlich erstaunlich leer. Dann saßen alle wieder im Büro. Aber bitte, sagen Sie das nicht weiter. Seit Carrie Bradshaw gilt mein Beruf schließlich als rasend interessant ... Uta Keseling
Unsere Freunde waren plötzlich wie Zwerge
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese Serie mir das Leben gerettet hat, zumindest auf emotionaler Ebene. Acht Jahre ist das her. Kaum in Leipzig angekommen, damals, zum Studium, wurden sowohl ich als auch meine Mitbewohnerin von zwei schmerzhaften Trennungen überrascht. Unseren eigenen. Was also tun mit gebrochenem Herzen im sächsischen Exil, fernab der Berliner Heimat? Wir beschafften uns eine große Box mit allen sechs Sex-and-the-City-Staffeln und identifizierten uns und unseren gesamten weiblichen Freundeskreis mit den vier Hauptdarstellerinnen. Irgendwie waren wir beide immer Carrie Bradshaw, auch wenn deren zunehmende Launenhaftigkeit uns immer massiver auf die Ketten ging. Wie hielt Mr. Big es nur mit ihr aus? Natürlich waren wir unsterblich in Mr. Big verliebt. Da unsere unfreiwillig Verflossenen diesem Übermann nie und nimmer das Wasser hätten reichen können, waren sie schnell vergessen. Bis zum Abspann. Dieser entließ uns jedes Mal in das reale Leben mit all seiner Grausamkeit. Der wir nicht standhielten. Wir guckten einfach weiter. Guckt man alle Episoden hintereinander, sind das etwa zwei Tage. Die kann ich jedem Verlassenen nur ans Herz legen. Constanze Nauhaus
Am Ende bleibt die Eisverpackung
Mittwoch – der Tag, der in monotoner Regelmäßigkeit ins Bewusstsein ruft, dass genauso viele Tage seit dem letzten Wochenende vergangen sind wie bis zum nächsten noch vor einem liegen. Es ist Mitte der Woche und ich bin erschöpfter als an jedem Freitag. Also ist eigentlich jeder Mittwochabend perfekt geeignet für einige Folgen „Sex and the City“: Die gemütlich-heitere Berieselung durch Shopping, Parties, Sex und Champagner, die über den Bildschirm zieht, während man auf dem Sofa sitzt und Schokoladeneis futtert, lässt einen schnell den Wochentag vergessen. Es ist die Vorstellung, ein so simples Luxus-Leben führen zu können wie die vier Protagonistinnen der Serie, die einen beschleicht, wenn man erschöpft vor dem Fernseher döst. Wäre es nicht toll, wenn man mit ihnen für einen Tag tauschen könnte? Einmal für Carrie die Kolumne über das Sex- und Liebesleben von New Yorkerinnen schreiben und mich in ihrem gigantischen Schuhschrank austoben. Oder für Samantha die exklusivsten Parties in bester Gesellschaft besuchen und dabei genauso selbstbewusst sein. Einmal Charlottes hoffnungslos romantisches Leben genießen oder Mirandas Alltag mit ihrer zynischen Gelassenheit. Und obwohl ich weiß, dass das New Yorker Leben ebenso beschwerlich sein kann wie überall auf der Welt, gibt man sich für einen Abend dem Gefühl hin, dass die Stadt ein Hort des Luxus und der Probleme von Reichen und Schönen ist. Und einen Moment lang wirbelt dieses Lebensgefühl der Serie durch das eigene Wohnzimmer – solange, bis der Abspann läuft und der Fernseher ausgeschaltet wird. Die mittlerweile leere Packung Schokoladeneis wandert in den Mülleimer und ich ins Bett. Am nächsten Morgen ist das Schicksal der vier Frauen aus New York vergessen, nur die Waage zeigt aus unerfindlichen Gründe ein paar Pfunde mehr an. Und bald darauf ist Wochenende... Paula Pleiss
Bettgeschichten waren plötzlich lustig
In welchem Klima trat „Sex and the City“ damals bei seiner Erstausstrahlung an? Wir Serienjunkies kannten New York, aber es war das New York von „Friends“. In den 90ern war die Serie über die sechs Freunde, die in zwei WG’s nur durch einen Hausflur voneinander getrennt wohnten und die meist in einem Starbucksartigen Café rumhingen, der Serien-Hit. Weltweit erfolgreich – „Friends“ konnte man überall ausstrahlen, sogar in Ländern mit wertekonservativer Einstellung. Warum? Weil „Friends“ so unglaublich brav war. Man redete ein ganz klein bisschen über Sex, aber selten konkret. Meistens wurde gekichert. Die Mädchen lebten mit den Mädchen, die Jungs mit den Jungs. Und landete man mal miteinander im Bett, hey, dann war das eine ernste Sache. Eheanbahnung. Und dann kam „Sex in the City“ – danach sah „Friends“ so alt aus wie eine Folge „Biene Maja“. Hier ließen sich vier Heldinnen reihenweise von attraktiven (oder auch mal weniger attraktiven Kerlen) flachlegen. Schlechtes Gewissen? Verstaubte Moral? All das wurde thematisiert und irgendwie weggelacht. Die Vier waren lustvoll, ohne billig zu sein. Wie auch? Dafür waren sie viel zu gut angezogen. Und am Ende tobten ja auch sie für einen guten Zweck durch die NYC-Betten: Sie suchten die wahre Liebe. Irgendwie ähnlich brav. Susanne Leinemann
Lustig, traurig, berührend, versaut
Man kann eine Zeitlang trauern. Das ist ok. Man kann sich sagen: Weißt du noch, wie schön das damals war, als Carrie und Mr. Big nachts die Kutschfahrt durch den Central Park gemacht haben? Weißt du noch wie lustig es war, als Charlett einen Hund hatte, der immer die Kissen begattet hat? Oder als Miranda, ihre Brüste aus Versehen dem falschen Mann gezeigt hat?
Ja. Das war alles sehr lustig. Es war eine tolle Serie, vielleicht die beste. Sie war lustig und traurig und versaut und berührend und vor allem: neu. Es war meine erste Serie, die ich nur ungern zusammen mit meinen Eltern gesehen hätte, es war überhaupt das genaue Gegenteil dessen, was ich als Kind mit meinem Eltern sehen musste, das Gegenteil von Forsthaus Falkenau. Diese Serie zu schauen war ein bisschen der Beweis dafür, dass ich nun endlich erwachsen war.
Aber das ist nun zehn Jahre her. Und jetzt muss auch mal Schluss sein. Wir können nicht auch noch in 5 oder in noch mal 10 oder in 20 Jahren aufschreiben, wie sehr uns diese Serie fehlt. Sie fehlt, ja. Aber jetzt reißen wir uns mal zusammen und kaufen gegen den Schmerz ein paar Schuhe. Britta Stuff
Im wahren Leben geht das mit den Cliquen schief
Ich habe mir die vier Frauen angesehen, nicht von Anfang an, aber nach der Begeisterung in meinem Freundes- und Kollegenkreis schaltete auch ich den Fernseher ein. Nicht jedes Mal, aber immer wieder. Ich mochte die vier Frauen aus New York – allen voran Carrie, die schließlich im gleichen Job arbeitete wie ich. Also bei einer Zeitung, aber damit endeten die Ähnlichkeiten auch schon. Ich mochte das leicht Chaotische, die viele Zeit, die Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda hatten – oder sich nahmen –, um sich zu treffen und zu reden, zu reden, zu reden. Über Sex, Männer, Mode, Schuhe, Schuhe, Schuhe. So kannte ich das damals, zu Anfang der TV-Staffeln, aus dem Fernsehen noch nicht. So kannte ich es auch nicht aus meinem eigenen Leben, denn ich habe seit meiner Schulzeit eine, meine beste Freundin, war aber nie Teil einer Frauen-Clique. Die nämlich gingen immer schief – weil eine eifersüchtig war, weil die eine die andere auf einmal nicht mehr mochte, weil eine heiratete und im Kinderstress war und die anderen nicht… Deshalb fand ich die New Yorker Clique unterhaltsam, nach einem langen Arbeitstag erfrischend – und das war’s. Mein Leben haben sie nicht verändert. Und noch mehr als diese US-Staffel mochte ich immer „Ally McBeal“, diese egozentrische, ebenfalls chaotische und selbstbewusste Anwältin, die inBoston in einer Kanzlei mit Unisex-Toiletten arbeitete. Aber das ist ja noch länger – zwölf Jahre – her. Christine Richter
Die Serie wäre jetzt genau richtig für mich
Was habe ich eigentlich getan, als gefühlt zwei Drittel der Frauenwelt vor den Bildschirmen klebte und „Sex and the City“ schaute? Zweifellos kenne ich den Sog solcher Serien. In den 80ern verpasste ich keine Folge von „Ein Colt für alle Fälle“. In den 90ern lebte ich zeitweise so intensiv mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, dass ich mir Darsteller auf die Straße halluzinierte und meinen vermeintlichen Freunden zuwinkte (einer der jetzigen Darsteller wohnt übrigens in meiner Nachbarschaft und ist ein Freund aus Jugendzeiten). „Sex and the City“ jedoch hat mich nie wirklich abgeholt. Als die Serie lief, lebte ich in einer soliden Partnerschaft und mein Kreuzberger Kiez war so gar nicht glamourös. High Heels hätten gestört, als ich meinen Schwangerenbauch und später den Kinderwagen durch die Bergmannstraße schob. So erschien mir die Welt von Carrie & Co zwar anziehend, aber auch sehr fern. Vielleicht kam die Serie zu früh für mich. Heute gibt es in der Bergmannstraße Sushi und schicke Schuhe, und vor dem Büro am Ku’damm blinkt die Großstadt. Meine Beziehung war doch nicht so solide wie gedacht, und ich mache mir viele Gedanken über die Liebe. Ich beginne zu ahnen, dass mir die New Yorker Freundinnen heute mehr geben könnten als damals. „Sex and the City“, ich komme! Beatrix Fricke
Aus Carries Leben musste ich fliehen
Carrie Bradshaw hat ihr Ende nicht verdient: In diesem grauenvollen Glitzer T-Shirt auf einem Basar in Abu Dhabi ihrer verflossenen Liebe Aiden zu begegnen. Sie war nicht mehr die auf Stöckelschuhen durch New York tänzelnde Carrie, sie war plötzlich eine Frau, deren Zeit abgelaufen war. Zu stark geschminkt, zu allein, zu traurig. Indiskutabel waren ihre Outfits ja oft genug. Doch vielleicht mochte ich sie früher gerade dafür. Dass es ihr egal war. Dass sie völlig pleite lieber die neue Vogue kaufte anstatt etwas zu essen. Ja, dass sie ihre Küche eher als Erweiterung ihres Kleiderschranks ansah als einen Ort zum Kartoffelnkochen. So in etwa hatte ich mir das auch vorgestellt, als ich 2009 als Korrespondentin nach New York ging. Meine Wohnung war winzig wie ihre. Auch ich zahlte lieber eine horrende Miete für ein paar Quadratmeter in Manhattan, als nach Brooklyn zu ziehen. Essen zu Hause bestand aus einer Schale Cornflakes. Wichtiger war, mit Freunden downtown durch die Bars zu ziehen. Dieses Leben könnte man in New York problemlos weiter führen, bis man mit Ende 40 plötzlich aufwacht. Doch irgendwann hörte Carries Leben auf, etwas zu sein, was ich lustig fand. Denn eines hat sie nie geschafft. Den Absprung. Viktoria Solms



