Brandenburg

Was mit dem Gründungs-Dampfer von Hertha geschehen soll

Im brandenburgischen Kyritz an der Knatter liegt der Dampfer, nach dem Berlins Erstligist benannt ist. Er soll verkauft werden, hieß es. Aber stimmt das wirklich? Ein Ortstermin.

Foto: Reto Klar

Am Rande des Sees steht ein schwarze Limousine. Ihr Motor läuft, acht Zylinder, mindestens. Eine Stimme tönt nach draußen, verstärkt durch die Freisprechanlage. Der Mann, der am Steuer sitzt, muss schnell noch ein Telefonat mit einem Kunden führen, bevor er aussteigt.

So laut ist es hier selten, südöstlich vom brandenburgischen Kyritz an der Knatter, eineinhalb Stunden Fahrt von Berlin entfernt. Schon gar nicht am Untersee. 22 Kilometer ist er lang, an den Ufern wachsen Schilf und Bäume. Schön und still. Das hat auch mit der Mentalität hier zu tun. Damals, nach der Wende, hatte man es nicht eilig, zu einem beliebten Ziel für Touristen zu werden. Man liegt schließlich auf halbem Weg von Berlin nach Hamburg, da halten schon Besucher an. Der Aufschwung würde kommen.

Klack. Die Tür des Wagens geht auf. Es ist ein Auto, das mit 250 Stundenkilometern an Kyritz vorbeibrausen würde, säße in ihm ein gewöhnlicher Geschäftsmann. Aber wer aussteigt, ist Thomas Flemming, 47, Chef der Prignitzer Leasing AG. Er trägt keinen grauen Anzug, sondern eine grellgrüne Strickjacke. Seine Kollegen, wird er später sagen, nennen ihn den „Papagei der Finanzbranche“. Flemming hat einen festen Händedruck und Lachfalten um die Augen. Sein Motto lautet: „Wo andere Einbahnstraßen sehen, schaffen wir Autobahnen.“

Ein wichtiges Stück Berlin

Ihm gehört ein wichtiges Stück Berlin, das hier in einem Bootshaus liegt. Der Dampfer „Hertha“, Baujahr 1886. Weil die Vereinsgründer des gleichnamigen Fußball-Bundesligisten im Jahr 1892 mit ihm über die Havel schipperten, sie den Namen mochten und den blau-weißen Anstrich, nannten sie ihren Verein so. Fußballclubs zu gründen, das war keine große Sache in diesen Tagen. Der Trend schwappte aus England herüber. Aber aus dieser Geschichte ist ein kleines Wunder geworden. Dass es den Dampfer noch gibt. Und dass er nicht längst im Besitz des Vereins ist. Hertha mag nicht viele Pokale geholt haben. Aber einen Gründungsdampfer, so etwas hat nicht mal der FC Barcelona. Sogar bei Quizduell, diesem Smartphone-Spiel, das halb Deutschland spielt, kommt er vor.

Wie der Kahn im Jahr 2012 in die Hände des „Papageien der Finanzbranche“ kam, ist eine lange Geschichte. In der vergangenen Woche machte der Dampfer wieder Schlagzeilen, dass er verkauft werden soll, gar an „ausländische Investoren“.

Der Besitzer fühlt sich falsch verstanden. Er wird erklären, warum. Aber um zu begreifen, warum der Dampfer in Brandenburg liegt und welche Pläne Flemming für „Hertha“ hat und warum das schwierig ist in dieser trägen Region, dafür muss man erst den Mann treffen, der das Schiff vor Flemming besessen hat. Ihn trifft man auch am Seeufer. Der Weg führt vorbei an einem Familienhaus, zwei silberne Mercedes stehen in der Garage, auf dem Firmengelände dahinter Bagger und Lieferwagen, an die hundert Fahrzeuge. Das ist das Reich von Peter Dentler. Er ist der Grund dafür, dass die Hertha im stillen Gewässer liegt.

Im Flur des Büros stehen Brocken aus Beton, mit Pappschildern wie in einem Museum. „Airport Leipzig“ steht auf einem, es ist ein Stück der alten Rollbahn, „Stadtring Berlin“ auf einem anderen. Diese Klötze sind das Fundament der Unabhängigkeit des Unternehmers, der so erfolgreich wie stur ist.

Gerettet vor der Verschrottung

Peter Dentler, 75, das hat mal ein Journalist geschrieben, sieht ein bisschen aus wie Käpt’n Iglo. So freundlich ist er auch, als er spontan empfängt. Er lässt seine Sekretärin eine DVD mit einem alten Fernsehbeitrag in den Computer schieben („Kann man das abspielen? Sie kennen sich doch so gut mit Technik aus“). Wir schauen uns die Geschichte noch mal an: Dentler hat die Hertha im Jahr 1969 schrottreif in einer Stralauer Werft entdeckt, damals hieß sie klassenkämpferisch „Seid Bereit“. Er hat das Schiff gerettet mit Motorteilen der Wehrmacht und der Roten Armee, er taufte es „Seebär“. Die Familie Dentler, die seit Generationen den Schiffsbetrieb an der Kyritz führt, brauchte ein zweites Boot, in DDR-Zeiten schickten 26 Reisebüros ihre Touristen nach Kyritz. Im Büro hängen Bilder, sie zeigen Schiffe voller Touristen. Dann die Sensation: Ein Historiker entdeckte, dass die „Seebär“ in Wahrheit die „Hertha“ ist. Es folgten Verhandlungen mit dem Verein, das Boot zu kaufen. Zum 110. Geburtstag des Berliner Fußballklubs und wieder zum 120. Geburtstag. Die Gespräche scheiterten. Vor allem am Geld.

Auf dem Bildschirm der Sekretärin flimmert die Schlussszene des Berichts. Sie zeigt die Hertha mit einer Gruppe gut gelaunter Fans an Deck, dazu läuft das Lied: „Nur nach Hause, nur nach Hause, geh´n wir nicht.“ Dentler stellt die DVD zurück zu den Akten. Die Vertreter von Hertha BSC seien freundlich gewesen, sagt er, aber sie hätten das Boot praktisch geschenkt haben wollen, das wäre dann doch etwas viel gewesen. Fußball hat er selber übrigens nur als kleiner Junge gespielt. Dann nicht mehr, er saß ja samstags und sonntags immer am Steuer seiner Boote und fuhr Touristen.

Was im Fernsehbeitrag nicht vorkommt, ist der Impactor 2000. Ohne ihn wäre die Geschichte anders gelaufen. Wir gehen auf den Hof, ihn anschauen: Eine viereckige Walze aus Stahl, zwölftausend Kilogramm. Von einem Trecker gezogen, zertrümmert sie jede Betondecke. „Bum-Bum-Bum“, sagt Dentler, so klingt das. Die Maschine hat er 1991 gekauft, nach der Wende, als er zu seinem Sohn sagte: „Wir müssen schauen, was in Amerika los ist.“ Sie hatten schon etwas Erfahrung im Erdbau gesammelt, weil sie zu DDR-Zeiten eigenhändig die Kanäle des Sees vertieft haben und ihr Bagger immer mal zu Baustellen bestellt wurde. Auch wenn es offiziell im Sozialismus keine privaten Unternehmer gab. Vater und Sohn fuhren also auf eine Messe in Las Vegas und entdeckten dieses unerhörte Gerät. Sie, die beiden Kleinkunden aus Brandenburg, hätten als einzige von 150.000 Besuchern diese Maschine gekauft. Eine gute Wahl. Unter den Konkurrenten in Brandenburg dürfte sie Schrecken verbreitet haben, andere Firmen haben den Impactor mit der Videokamera gefilmt, um herauszufinden, was das für ein Teil ist. Vor allem nach der Deutschen Einheit gab es viel Beton zu zertrümmern. Dentler übernahm kurz darauf für den US-Hersteller den exklusiven Vertrieb für Europa.

Hertha verlangte zu viel

Seinen Dampfer verkaufen, das hatte Dentler nicht nötig. Außerdem, heißt es in Kreisen von Hertha BSC, habe er 200.000 Euro verlangt. „Darüber spricht man nicht“, sagt Dentler. Aber Geschäftsmann bleibt Geschäftsmann. Da können Fans noch so oft „Nur nach Hause, nur nach Hause“ singen. Weil Dentler aber vor zwei Jahren beschloss, dass er nun zu alt sei, um einen Dampfer zu fahren, verkaufte er. Seine Sturheit hat sich gelohnt, er dürfte eine hübsche Summe kassiert haben. Man muss es sich leisten können, zu warten, zur Not eben Jahrzehnte. Seinen Nachfolgern wünscht Dentler viel Erfolg. Dass ihnen nicht der Mut ausgehe. Einen Ratschlag gibt er aber: „Wer nicht wirbt, der stirbt“.

Die Touristenzahlen in der Region könnten besser sein. Zeiten, in denen 26 Reisebüros ihre Kunden schickten, sind vorbei. Zehn Kilometer vom Bootshaus entfernt liegt die größte Attraktion hier: Ritter Kahlbutz, oder besser: seine Mumie. Dass seine Leiche seit 300 Jahren nicht richtig verwest, ist ein Kuriosum, man kann seine ledrigen Überreste durch eine Glasscheibe betrachten. Schon länger sucht das Pfarramt zwei Mitarbeiter, die Touristen die Gruft zeigen. 400 Euro im Monat. „Keine Vorkenntnisse erforderlich.“

Da wäre die Hertha die lebendigere Sehenswürdigkeit. Sogar im aktuellen Masterplan Tourismus der Region steht, Ziel sei „eine strategische Partnerschaft“ mit Hertha BSC. Und doch liegt es auch an der lokalen Politik, dass nicht jedes Wochenende ein Boot mit Fußballfans ausläuft. Es gibt einflussreiche Menschen, die Ruhe haben wollen. Darüber kann Thomas Flemming, der Geschäftsmann mit grüner Strickjacke, viel erzählen.

„Pay as you earn“

Er schließt das alte Bootshaus auf: „Hertha - Gründungsschiff von Hertha BSC“ steht auf dem Bug. Die Farbe sieht frisch aus. Es ist ein gemütlicher Dampfer mit Lederbänken von der Deutschen Reichsbahn. Auch sein Partner Steffen Halwig ist gekommen, Geschäftsführer der örtlichen Schifffahrtsgesellschaft. Hahlweg stammt wie Flemming aus der Region, im Sommer betreibt er Eisläden. Die Männer umarmen sich. „Du riechst gut, Thomas“, sagt Hahlweg. Flemming sagt: „Wir sind wie Cousin und Cousine.“ Sie kennen sich seit Jahren. Es sind zwei Männer, die viel lachen. Ruhe, das ist nicht ihre Sache.

Ihr Geschäft funktioniert so: Flemming hat das Boot gekauft, Hahlweg bezahlt es mit seiner Gesellschaft über eine Kaufmiete an ihn ab. „Pay as you earn“ heißt das. Geld verdient er derzeit einzig mit dem zweiten Schiff, der Neptun, die ganz gut ausgelastet sei im Sommer. Leasing ist eine Alternative zur Finanzierung über Banken und Flemmings Geschäft. Er least auch Rinder, Zuchtsäue, private Eisenbahnstrecken in der Region und Rennpferde. Er hat einen Riecher für Geschäfte, die sonst keiner macht. Eigentlich.

Im Bootshaus liegen Holzschilder, aus der Zeit, als sich noch lohnte, die Boote in Kyritz regelmäßig nach Fahrplan einzusetzen. Die Schilder will Dentler, der Unternehmer mit dem Impactor 2000, auch verkaufen. „Tausend Euro für das bisschen Holz“, sagt Hahlweg. Auch für die Bootsstege, die Dentler aus gefällten Bäumen des nahen Waldes errichtete, soll Geld fließen. Aber diese Forderungen seien eigentlich kein Problem, sagt Flemming. „So was kriegt man schon auf die Reihe.“

Die Hertha ist nicht nur weit weg von Berlin, ihr fehlt auch das Ziel. Zumal sie nach neuer Gesetzeslage zu groß ist für die idyllischen Kanäle. Aber mitten auf dem Untersee liegt „Die Liebesinsel“ mit Restaurant darauf. Das steht mal wieder leer, die Betreiber geben dort regelmäßig auf. Man hört, die Pacht sei hoch auf der Liebesinsel. Aber Flemming hat eine Vision: Er kennt die Firma, die das ZDF-Studio zur EM 2012 in Heringsdorf gebaut hat, wo Oliver Kahn seine Analysen in die Kamera presste. Flemming will so ein Zelt auf die Insel stellen und Wohnwagen drumherum, damit man übernachten kann. Die Hertha würde Hochzeitsgesellschaften fahren und Fans zu einem lustigen Wochenende. Aber das sei von der Stadt nicht gewünscht.

Es soll knattern und brummen

Zufall oder nicht: Nicht weit von der Insel haben einflussreiche Bürger aus Kyritz ihre Bootsanleger. Zwar hat Nora Görke, die Bürgermeisterin der Stadt, mal gesagt: „In Kyritz an der Knatter soll es knattern und brummen.“ Aber im Sommer täglich eine Feiertruppe auf dem See, das scheint einigen wohl zu viel. Man liegt ja schon auf halbem Weg von Hamburg nach Berlin.

Hätten die beiden Unternehmer die örtliche Schifffahrt auch ohne die Hertha übernommen? „Auf jeden Fall“, sagt Hahlweg. „Gute Frage“, sagt Flemming. Es dürfte auch schwer sein, das Boot in Berlin einzusetzen, wo es nah an den Fans wäre. Für die Spree ist der Kahn nicht zugelassen, es fehlen die vorgeschrieben Schotten. Ob teure Umbauten überhaupt eine Erlaubnis bringen, ist unklar, solche Einzelfälle hängen auch vom Willen in den Behörden ab. Die mächtige Berliner Schifffahrtslobby dürfte kaum begeistert sein, plötzlich das Gründungsschiff von Hertha BSC zum Konkurrenten zu haben.

Aber verkaufen? Die Saison fange erst an, sagt Flemming. Niemand soll denken, sie hätten aufgegeben, das wäre schlecht fürs Geschäft. Aber ausländische Investoren? Schwer zu glauben, dass die Interesse haben. Hertha ist eben doch nicht der FC Barcelona. Egal. Flemming und Hahlweg haben selbst gute Ideen: Ein Altar an Bord, wo Fans ihrem Verein die Treue schwören. Oder ein Aktienmodell mit Anteilen für Fans. Aber bei so etwas müsste der Verein mitmachen. Derzeit wirbt er nicht einmal auf der Anzeigetafel im Stadion für Bootstouren. Man will nicht, das ist deutlich, dass jemand im Namen des Klubs Geschäfte macht. Stattdessen haben im vergangenen Sommer Fans von Union das Schiff gekapert. Die Offiziellen hat auch das nicht aus der Ruhe gebracht. Bernd Schiphorst, Aufsichtsratschef von Hertha BSC, ist bei den Olympischen Spielen in Sotschi, als er sagt: „Wir haben weiter Interesse an dem Thema, aber sehen derzeit keinen Handlungsbedarf“. Ein Signal immerhin, dass Flemming auf den Klub zugehen darf.

Das wird er machen. Der „Papagei der Finanzbranche“ will schließlich Autobahnen statt Einbahnstraßen. Er ist keiner, der zufällig auf halber Strecke stehen bleibt.

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