Konzert

Sinnfrei nach Atlantis - Schlagerkönigin Andrea Berg in Berlin

Am Sonnabend gab Andrea Berg ihr erstes von zwei Konzerten in der O2 World. Von der Glitzergirlande über Seifenblasenregen bis zum niedlichen Kinderensemble war alles auf der „Atlantis“-Tour dabei.

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Wie drückt man es diplomatisch aus? Unterhaltung darf, ja muss sogar manchmal sinnfrei sein. So gesehen macht Andrea Berg auf ihrer aktuellen Tour überhaupt nichts falsch. Undiplomatisch formuliert heißt das: Was mit dem griechischen Philosophen Plato einen frühen Höhepunkt erreichte, ist spätestens mit Andrea Berg bei platt angekommen. Es ist der Mythos von Atlantis, der für ihren jüngsten Albumtitel samt dazugehöriger Bühnenshow herhalten muss.

Nun sind Schlagerstars keine Philosophen. Irgendetwas mit Sehnsucht, Paradies bzw. Hölle sowie einer Zeile, die die Worte „bei dir“, „mit dir“ oder „wegen dir“ enthält, reicht Berg für eine Unzahl rührseliger Songs völlig aus und die Leute lieben es. Es gibt bei ihrem Konzert sogar noch einen triftigen Grund mehr als sonst, sich auf diese Texte zu freuen: sie werden gesungen. Die Stimme, die aus den Boxen schrillt, wenn Berg Ansagen und Zwischenrufe macht, ist dagegen nur schwer zu ertragen.

Doch zur Show: Dem Motto gemäß ist das Bühnendekor auf Unterwasserwelt getrimmt. Songs vom jüngsten Album wie das Eröffnungsstück „Atlantis lebt“ werden mit jeder Menge alter Hits vermengt und dabei alle Register gezogen, um modernes Entertainment zu bieten. Von der Glitzergirlande bis zur Konfettikanone, vom Seifenblasenregen bis zum Wasserfall, von halbnackten muskulösen Tänzern bis zum niedlichen Kinderensemble ist alles dabei.

Echt an Andrea Berg ist wohl vor allem ihr Ehrgeiz

Wie heutzutage üblich steigt Berg während der weit über zwei Stunden dauernden Show in allen möglichen Glitzerkostümen die große Showtreppe hinauf und hinab und trippelt auf dem Laufsteg ihrem irgendwann doch in Fahrt gekommenen Publikum entgegen. Sie stellt das Knie vor, stemmt eine Hand in die Hüfte, zählt mit der anderen die hintersten Ränge an und zieht dazu eine Rockerschnute - und plötzlich kommt einem dieses Bild in den Kopf.

Man stellt sich neben ihr Mick Jagger oder gar die fast dreißig Jahre ältere Tina Turner vor. Auch Turners Shows sind duchchoreografiert. Die Absätze genauso hoch, vom Glitzer ganz zu schweigen. Die Posen von Turner & Co. aber kauft ihnen jeder ab.

Andrea Berg schafft es dagegen nur mit Mühe, ein ehrlich aussehendes Lächeln hervorzubringen. Die Großaufnahmen der Videoleinwände verraten sie, das moderne Veranstaltungsequipment hat eben nicht nur Vorteile. Alles wirkt noch eingeübt, mitunter fast mechanisch. Echt an Andrea Berg ist wohl vor allem ihr Ehrgeiz.

Fans werden kurzerhand zu „Traumpiraten“

So zufällig wie brauchbar die Atlantisidee ist, so konsequent wird sie immerhin durchgehalten in dieser von DJ Bobo produzierten Show. Die Fans werden kurzerhand zu „Traumpiraten“ erklärt und dass der Alltag einmal draußen bleiben soll, ist ihnen anzusehen. Auch Blubberprojektionen, Wassernixen-Look oder Fischluftballons mögen für eine stimmige Show durchaus angehen. Irgendwann aber wird es peinlich.

Wenn Berg sich neben einer mannshohen Schildkröte niederlässt - dem allen Ernstes Sushi (soll sie geschlachtet und gegessen werden?) getauften Maskottchen der Tour - und auf dem Niveau und im Tonfall einer Sechsjährigen zu einem langen ‚Dialog‘ mit dem stummen Tier ansetzt, das dabei mit großen Augen ins Publikum plinkert, dann weiß man, was das Modewort fremdschämen bedeutet. In solchen Momenten hilft selbst Diplomatie nicht mehr.