Bildung

Berliner Senat beklagt Lehrermangel in fast allen Fächern

Bis auf drei hat die Berliner Bildungssenatorin alle Unterrichtsfächer zu Mangelfächern erklärt, womit ein Quereinstieg erleichtert wird. Schulen in sozialen Brennpunkten leiden unter den Konditionen.

Foto: Reto Klar

In Berlin ist der Bedarf an Lehrern offenbar so groß, dass die Bildungsverwaltung jetzt einen ungewöhnlichen Weg geht. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat in der neuen Stellenausschreibung ihrer Verwaltung sämtliche Unterrichtsfächer zu Mangelfächern erklärt, mit Ausnahme von Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde. Diese Entscheidung ermöglicht es, Quereinsteiger einzustellen. Diese dürfen nur für Mangelfächer herangezogen werden. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagt: „Wir müssen an allen Stellschrauben drehen, um die Lehrer zu bekommen, die wir brauchen.“

Die Vereinigung der Berliner Schulleiter (VBS) bezeichnet das Vorgehen der Bildungssenatorin indes als Bankrotterklärung. Lothar Semmel, Schulleiter der Clay-Oberschule in Neukölln und stellvertretender Vorsitzender der VBS, meint hierzu, der Ruf nach Quereinsteigern zeige deutlich, dass es nicht genügend ausgebildete Lehrer gebe. Angesichts dieser Tatsache sei zu befürchten, dass Schulen in sozialen Brennpunkten oder in Randlagen, die es bisher schon schwer hatten, Lehrer zu finden, demnächst kaum noch eine Chance hätten.

Auch Katrin Schultze-Berndt, Vorsitzende des Landesausschusses Bildung der CDU Berlin, sagt, dass nur in allerletzter Not Quereinsteiger angestellt werden sollten. „Zunächst müssen alle Mittel ausgeschöpft werden, um professionelle Lehrer zu bekommen“, fordert sie. Berlin müsse seine Attraktivität diesbezüglich erhöhen und Bedingungen schaffen, die mit denen in anderen Bundesländern vergleichbar seien. „Dazu gehört die Verbeamtung der Lehrer“, sagt Schultze-Berndt.

Stellenausschreibung ist „Offenbarungseid“

Florian Bublys, Sprecher der Initiative „Bildet Berlin“, bezeichnet die Stellenausschreibung der Bildungsverwaltung als Offenbarungseid. „Jeder, der eine Universität von innen gesehen hat, wird in Berlin zum Pädagogen ausgerufen“, behauptet Bublys. Das sei verheerend für die Schüler. Statt um Quereinsteiger zu werben, müsse der Lehrerberuf in Berlin attraktiver gemacht werden. „Die Bildungspolitiker müssen die Stellenausschreibung als Alarmzeichen sehen und sofort die Notbremse ziehen“, so Bublys.

Laut Bildungsverwaltung müssen in diesem Jahr mehr als 2000 Lehrer eingestellt werden. 580 Einstellungen konnten bereits vorgenommen werden. Die Vereinigung der Schulleiter geht jedoch von einem deutlich höheren Bedarf aus. Das hänge mit der großen Pensionierungswelle zusammen sowie mit steigenden Schülerzahlen, heißt es. Hinzu käme, dass ältere Kollegen jetzt weniger arbeiten müssten. Diese Reglung löse die Arbeitszeitkonten ab, auf denen Lehrer bisher unbezahlte Mehrarbeitsstunden angesammelt haben. Diese müssten sie vor dem Ruhestand abbauen oder sich auszahlen lassen. „Wofür sich wer entscheidet, steht noch nicht fest“, sagt Semmel.

„Begleitung und Anleitung brauchen alle“

Die Clay-Schule hat unterschiedliche Erfahrungen mit Quereinsteigern. „Manche sind geeigneter als andere. Trotzdem konnten wir niemanden allein in eine Klasse schicken. Begleitung und Anleitung brauchen alle.“ Jüngstes Beispiel sei eine Frau aus der Türkei, die als Quereinsteigerin Mathe und Physik unterrichte. „Sie ist eine exzellente Fachkraft, braucht aufgrund von Sprachproblemen aber Hilfe bei der Vermittlung des Unterrichtsstoffes.“

Quereinsteiger müssen zehn Stunden pro Woche unterrichten. Die meisten entschließen sich nach einer gewissen Zeit, eine berufsbegleitende Ausbildung zu machen, auch deshalb, weil sie dann deutlich mehr verdienen. Gemeinsam mit den Referendaren erhalten sie dann eine Basisausbildung in Didaktik und Pädagogik.

Als Quereinsteiger kommt in Betracht, wer einen Hoch- oder Fachschulabschluss in einem Mangelfach hat. Zusätzlich muss ein zweites Studienfach, das einem Unterrichtsfach der Berliner Schule entspricht, mit angemessenem Studienumfang (mindestens 20 Semesterwochenstunden) studiert worden sein. Ein zweites Fach kann aber auch berufsbegleitend studiert werden.

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