Es sind bewegende Bilder: Vier Menschen flüchten durch die Spree aus der DDR ans Ufer Westberlins. Die Aufnahmen haben im Internet Tausende von Klicks. Sie stammen ursprünglich von einem Amateurfilmer, der am Westufer die Kamera auf die Menschen richtete, die sich zuerst in den Todesstreifen nahe des Reichstags geschlichen hatten und dort ins Wasser springen. Drei Männer und eine Frau. Zu Beginn wird mit gelber Kreide ein Datum notiert: der 27. September 1988. Die Aufnahmen wurden nach dem Ereignis im Fernsehen gezeigt, was der Kommentar deutlich macht.
So beginnt der Film: Ein männlicher Sprecher spricht aus dem Off. „Berlin in der Nähe des Reichtages. Die Grenze zwischen Ost und West – scharf bewacht“ Zu sehen ist zunächst das Gebäude der Charité, dann, nach einem Schnitt, zwei kleine weiße Bugwellen, die sich vom anderen Ufer auf den Filmer zubewegen. Menschen, die sich durch das Wasser der Spree aus der DDR flüchten. Sie kraulen los. Der Sprecher fährt fort: „Doch hier das Zeugnis einer Flucht.
Ein ausländischer Tourist filmte vor kurzem zufällig diese Szenen. (Im Hintergrund hört man Menschen rufen.) Die vier Menschen, drei Männer und eine Frau waren zunächst unbemerkt über Dächer und Zäune bis an den östlichen Uferrand gekommen. Doch die Spree gehört hier in voller Breite zu Ost-Berlin. (Jawohl, ruft jemand im Filmhintergrund). Am westlichen Ufer beobachten zahlreiche Touristen die Flucht.“
Die Köpfe der Schwimmer kommen immer näher – „schnell schnell!“, schreit jemand im Film. Ein Hinterkopf erscheint, die Schwimmer sind am westlichen Uferrand. Der Sprecher fährt fort: „Auf einem Schnellboot nähern sich bewaffnete Grenzsoldaten.“ Im Hintergrund brüllt jemand:„Haut ab hier“. Für die Schwimmer wird es gefährlich, und der Zuschauer bekommt Gänsehaut.
„Der kann doch nicht einfach schießen“
Zwei Männer helfen, sie ziehen den ersten Schwimmer ans Land, der zweite erreicht hinter ihm die Ufermauer. Das Boot dreht ab. „Well done“, ruft ein Zeuge. Der erste Ankömmling, in dunkler Jeans und schwarzen T-Shirt, klettert die Böschung hinauf, kurzatmig und sinkt dann in die Knie. Zuschauer ziehen ihn an den Händen weg. Gerettet. Sein Mitstreiter geht direkt am Ufer zu Boden, er wird von Helfern umringt.
Der Sprecher fährt fort. „Die drei jungen Männer haben das Westufer erreicht. Nur der flüchtenden Frau fehlt kurz vor dem Ziel die Kraft, sich an der Ufermauer hochzuziehen.“ Man sieht, wie sie im Wasser steht, sich an die Ufermauer klammert. Das Schnellboot der Grenzsoldaten fährt heran, klemmt sie beinahe ein. Auf der Westseite stehen etliche Menschen. Keine traut sich, die Frau aus dem Wasser zu ziehen.
Im Film kommt die Frau selbst im Off zu Wort: „Na, ich habe gedacht, der kann doch nicht einfach schießen, weil er eben gesagt hat, er schießt. Und er hat ja richtig angeladen und gesagt, ich soll rauskommen. Aber, ich wusste ja ganz genau, wenn ich ich jetzt aufs Boot zurückgehe, ist es aus. Dann schaffe ich es überhaupt nicht. Also bin ich im Wasser geblieben. Und habe gewartet, erst Mal abgewartet. Ja und dann hat der eine meine Hand genommen – und gesagt, jetzt kannste sowieso nicht mehr schießen, die Hand ist schon im Westen – und hat mich rausgezogen.“
Im Film sieht man, wie das Boot abdreht. „Bravo“-Rufe ertönen. Die Frau fährt fort: „Und dann sind sie gerannt mit mir“. Die Bilder folgen: Sie zeigen, wie die ebenfalls in dunkler Hose und Shirt gekleidete blondhaarige Frau von einer Menge Menschen weggeführt wird. Wie jemand sie in den Arm nimmt, ihr zuspricht – und sie laut losheult. Ihre Begleitpersonen, man hört die Stimmen, sind aufgeregt, einer ruft: „Wir dachten, der schießt auf uns.“ Die Frau fängt an, zu schreien. Damit bricht der Film mit Minute 2.02 ab.
Filmmaterial wurde über die Grenze geschmuggelt
Zu sehen ist der Film im Netz auf der Seite „Schlecky Silberstein“, auf der die Werbetexter Christian Brandes und Tobias Deutert seit August 2010 den „bizarrsten Irrsinn“ sammeln. Brandes schreibt in einer knappen Einführung, dass die Aufnahmen im Vorjahr von Machern des Youtube-Kanals BerlinScout TV digitalisiert worden seien.
Tatsächlich stammt der Film vom Politmagazin Kontraste, das der damalige Sender Freies Berlin (SFB) 1968 erstmals ausgestrahlt hatte. Anfangs waren die Länder des Ostblocks Hauptthema. Ab Mitte der 1980er-Jahre rückten die deutsch-deutschen Beziehungen in den Mittelpunkt. Der Mitarbeiter Roland Jahn – der heute die Stasi Unterlagenbehörde leitet –, ließ damals Videokameras in die DDR schmuggeln. Dadurch konnten u.a. im Herbst 1989 Montagsdemonstrationen heimlich gefilmt werden. Die Kassetten wurden zurückgeschmuggelt, die Bilder im Magazin gezeigt.
Die Kontraste-Redaktion hat im Jahr 2007 zusammen mit der Bundeszentrale für Politische Bildung eine DVD-Edition herausgebracht. Auf der ersten DVD ist dieser Film mit 31 weiteren Beiträgen aus den Jahren 1987 bis 2001 zu finden. Online ist das Original seit September 2005 auf den Seiten der Bundeszentrale für Politische Bildung zu sehen. Es handelt sich um einen Bericht des Kontraste-Reporters Peter Wensierski – seine Stimme ist die aus dem Off.
„Nichts wie raus – Flucht unter Lebensgefahr“ lautete der Titel der etwa 15 Minuten langen Kontraste-Folge vom 27. September 1988, in der mehrere „spektakuläre Aufnahmen gefährlicher Fluchtaktionen an der innerdeutschen Grenze“ zu sehen sind. Wer wirklich informiert sein will, sollte das Original aufrufen. Dort dort kommt die Frau selbst zu Wort. Es handelte sich um die damals 23-Jährige Maige Adryan.



