„Kleine Fluchten“ sagt der Freund, die haben sie sich gegönnt, Chris und die Jungs. Sie waren gerade erst 18 geworden und schon in ihrem ersten Job verdienten sie extrem gut. Mehr als Ärzte oder Ingenieure. Als Kellner im Hotel des Flughafen Schönefelds hatten sie Kontakt mit West-Gästen, die mit dem zwangsmäßig eingetauschten Ost-Mark locker umgingen. Eines Sommertages rief Chris zu Hause an. „Mutti, rate mal wo ich bin.“ Er war im noblen Neptun Hotel in Warnemünde. Karin Gueffroy war besorgt, erinnert sie sich. Das sei doch viel zu teuer. „Mutti, reg Dich doch nicht auf“, habe der Sohn gemeint. „es ist Geld in dieser DDR.“ Für ihn hatte es keinen Wert, sagt die Mutter.

Aber die kleinen Fluchten, die haben Chris Gueffroy nicht gereicht. Zusammen mit seinem Freund Christian Gudian plante er die große Flucht. Rüber in den Westen, in die Freiheit. In der Nacht auf den 6. Febuar 1989 wollten sie durch den Britzer Verbindungskanal von Treptow nach Neukölln. Doch beim letzten Zaun wurden die beiden entdeckt. Die Grenzsoldaten schossen auf sie, Christian wurde verletzt, Chris starb. Eine der Kugeln hatte sein Herz getroffen.

Die Machthaber leugneten ihre Tat und ihre Verantwortung an seinem Tod: „Gegenüber westlichen Medien sind die Schüsse abzustreiten, die Namen der Grenzverletzer sind aus dem Eingangsbuch der Klinik zu streichen“, heißt es im Protokoll. Karin Gueffroy, die Mutter, sei einzuschüchtern und ruhig zu stellen. Die Familie wird observiert. Der Onkel verliert jede Chance auf eine weitere Karriere.

Sieben Monate später ist die DDR-Diktatur am Ende

Chris Gueffroy ist der letzte Mensch, der an der Mauer erschossen wird. Sieben Monate später ist die DDR-Diktatur am Ende, die Grenze fällt. Gueffroys Tod wird oft als „sinnlos“ bezeichnet, es ist eine hilflose Umschreibung des Gefühls, das einer seiner Freunde Jahre später so ausdrückt: „ Wir konnten uns das nicht vorstellen, dass Chris erschossen wurde. Wir waren so jung. ’89 hast du gedacht, es sei nicht mehr möglich.“

Am Mittwoch jährt sich der Todestag von Chris Gueffroy zum 25. Mal. Seine Mutter und seine Freunde werden wie jedes Jahr zu seinem Grab gehen und an ihn denken. Sie werden darüber reden, was für ein Mensch Chris war, wie fröhlich er sein konnte und wild. Dass er Pilot werden wollte und davon träumte, durch Amerika zu reisen. Sie werden über ihn reden, damit er nicht vergessen wird. Zum 25. Todestag wird auch der Film, den der Filmemacher Klaus Salge 2011 über ihn gemacht hat, wieder ausgestrahlt. „Das kurze Leben des Chris Gueffroy“ erzählt von einem jungen Mann, der nicht politisch aktiv war, der besser verdiente, als die meisten und der dennoch nicht leben wollte in einem Land, in dem er nicht frei sein konnte.

Die Mutter konnte nicht verstehen, warum der Sohn weg wollte. „Das kann’s doch nicht fürs ganze Leben sein“, habe er zu ihr gesagt, „ein Konto, eine Wohnung ein Job, das reicht nicht aus, das ist zu wenig.“ Es ist ein Satz, den Teenager weltweit wohl immer wieder sagen werden. In Chris’ Fall hat er ihn das Leben gekostet.

„Dann gibt es ein Jahr harmlosen Knast“

Dabei hatten die beiden gar nicht den Tod riskieren wollen. Sie haben nur nicht damit gerechnet, wie unmenschlich das System ist, in dem sie lebten. „Wenn sie uns kriegen, nehmen sie uns fest, dann gibt es ein Jahr harmlosen Knast“, mit mehr hatten sie nicht gerechnet, so erzählt Christian Guadian in Salges Film.

Karin Gueffroy hat sich nicht einschüchtern lassen. Zusammen mit den Freunden veröffentlicht sie eine Todesanzeige, damit westliche Medien auf den Fall aufmerksam werden. So erreichte sie, dass man ihr das Begräbnis nicht verweigern kann. Vielen Eltern von Regimegegnern war das nicht vergönnt, sie wissen bis heute nicht, was mit den Leichen ihrer Kinder geschah. Wer sich wehrte, landete in der Psychiatrie.

Karin Gueffroy hat die DDR noch vor dem Fall der Mauer verlassen, und sie hat sich geweigert, den Tod ihres Sohnes hinzunehmen. Sie wollte, dass die Soldaten, die ihn erschossen haben, vor Gericht gebracht werden. Auf ihre Initiative begann der erste Mauerschützenprozess im Juni 1991. Bis heute trifft Karin Gueffroy immer wieder Schulklassen um ihnen von Chris zu erzählen und von dem Leben in einer Diktatur.

Ein Synonym für die Toten der Berliner Mauer

Der Name ihres Sohnes Chris ist zu einem Synonym geworden für die Toten der Berliner Mauer. Auch deswegen hat sie 2011 noch einmal einen Film über ihn machen wollen. „Chris ist wie eine Briefmarke“, hat sie zu Klaus Salge gesagt, „jeder kennt seinen Namen, aber keiner kennt seine Geschichte.“ Aber nur diese persönlichen Geschichten machen es es den kommenden Generationen möglich, die große Geschichte zu verstehen.

Wie viele Menschen sind an der Mauer gestorben? Bis heute ist die Frage unbeantwortet. Sie wird es wohl auch immer bleiben. Bei der Gedenkstätte Berliner Mauer ging man bis 2009 davon aus, dass 136 Menschen auf den 155 Kilometern um West-Berlin ihr Leben verloren. Dann aber fand man in anderen Akten noch zwei weitere Mauertote.

Axel Klausmeier, der Direktor, bemüht sich in seiner Gedenkstätte darum, dass ihre Schicksale nicht vergessen werden. „Jede Geschichte ist eine Katastrophe für sich“, sagt Klausmeier. „Deswegen ist es auch wichtig, sie immer wieder zu erzählen.“ Wie die der 18-jährigen Marienetta Jirkowski, die einfach nur zu klein war, um die letzten Hürde in den Westen zu nehmen. Ihre Mitflüchtlinge hatten es bereits geschafft. Oder die von Winfried Freudenberg, der letzte Mauertote, der im März 1989 mit einen Heißluftballon floh, er schaffte es bis in den Westen, aber dann stürzte er ab und verletzte sich tödlich.

Nicht alle, die an der Mauer starben, wollten fliehen. Cetin Mert zum Beispiel war nur sein neuer Ball, den er am Morgen zu seinem fünften Geburtstag 1975 geschenkt bekommen hatte, ins Wasser gefallen. Er wollte ihn retten und fiel selbst in die Spree. Aus Angst vor den Schüssen der Grenzsoldaten half niemand dem Kind. Der Junge ertrank.

Auch acht Grenzsoldaten starben bei Schussechseln

Zu den 138 Berliner Mauertoten zählen auch acht Grenzsoldaten, die im Schusswechsel mit Flüchtlingen umkamen.

Wie viele Tote an der innerdeutschen Grenze nun wirklich starben, das erforscht gerade der Forschungsverbund SED-Staat an der Berliner FU. Aber auch die Menschen, die sich selbst ihr Leben nahmen, weil sie das Regime nicht ertragen konnte, oder die, die auf der Flucht an einer anderen Grenze des eisernen Vorhangs starben, sind zu zählen. Ein weiteres Forschungsprojekt von Klausmeier untersucht gerade, wie viele Menschen an der Sektorengrenze starben, noch bevor die Mauer gebaut wurde. An der Mauer starben nicht nur Freiheitshelden, auch gewöhnliche Schmuggler.

Fast 25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind also immer noch Fragen offen geblieben. Einige wird man nie beantworten können. Wie, die, was aus Menschen wie Chris Gueffroy geworden wäre, hätte es dieses Unrechtsregime nicht gegeben.

Trotz all der traurigen Erinnerungen, die anlässlich des 25. Jahrestages wieder präsenter werden, darf eins nicht vergessen werden, sagt Axel Klausmeier. „Dieses Jahr ist auch ein Jahr der Freude. 1989 ist das beste, was die deutsche Geschichte je hervorgebracht hat. Es ist eine Hoffnung für die Welt.“

In der Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 4, findet am Mittwoch, den 5. Februar, um 12 Uhr eine Andacht zum Gedenken an Chris Gueffroy statt.