Die Hermann-Nohl-Grundschule in Neukölln wird nach den Winterferien mindestens 24 neue Schüler aufnehmen. Es sind Kinder aus verschiedenen Ländern, die eines gemeinsam haben: Sie sprechen kein Deutsch. Ihre Familien kommen aus Bulgarien, Rumänien oder Syrien, aus Libyen oder Polen. Sie haben ihre Heimat verlassen auf der Suche nach einem besseren Leben oder um dem Krieg zu entfliehen.
Die neuen Schüler werden zunächst in zwei zusätzlichen Lerngruppen, sogenannten Willkommensklassen, aufgenommen. Schulleiterin Ilona Bernsdorf will in diesen Lerngruppen ihre erfahrensten Kollegen einsetzen, damit die Kinder schnell Deutsch lernen und so gut wie möglich gefördert werden können. Nur dann, sagt sie, funktioniere Integration.
Gegenwärtig lernen etwa 2700 Schüler ohne Deutschkenntnisse an Berliner Schulen. Das sind mehr als dreimal so viele wie noch vor drei Jahren, Tendenz steigend. Die meisten dieser Kinder sind in den Bezirken Mitte, Neukölln, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg gemeldet. Aber auch in Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Pankow werden es immer mehr.
Mitte ist ein Beispiel dafür, wie schnell die Zahlen nach oben gehen. Anfang Januar waren dort 430 Kinder ohne Deutschkenntnisse gemeldet. Am 20. des Monats waren es bereits 450 Kinder. Sie werden in 41 speziellen Lerngruppen unterrichtet. 19 davon sind an Grundschulen eingerichtet worden, 22 an Oberschulen.
Schulleiter beraten sich untereinander
Für die Bezirke ist diese Entwicklung eine Herausforderung. Sie können sich kaum darauf vorbereiten, sondern erfahren meist kurzfristig, wann wie viele Schüler ohne Deutschkenntnisse kommen werden und welcher Herkunft sie sind. Schnell müssen dann zusätzliche Klassenräume eingerichtet und Lehrkräfte bereitgestellt werden, die für die Sprachvermittlung ausgebildet sind. Letzteres ist besonders schwierig. Vor allem Muttersprachler fehlen.
Für den Einsatz der Lehrkräfte ist die Bildungsverwaltung zuständig. Ilja Koschembar, Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagt, dass die Einstellung zusätzlicher Lehrer sofort möglich sei, wenn die Schulen den Bedarf nicht anderweitig decken könnten.
Neukölln – dort kommen fast zwei Drittel der Schüler ohne Deutschkenntnisse aus Rumänien und Bulgarien – hat inzwischen eine Strategie entwickelt, um besser auf den Zustrom von Flüchtlingsfamilien vorbereitet zu sein. In regelmäßigen Abständen erarbeitet die Behörde von Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) einen Statusbericht, in dem die soziale Lage der Zugezogenen erfasst wird. Im Fokus stehen Bildung, Wohnsituation und Gesundheitsvorsorge der Betroffenen.
200 Roma-Kinder in Neukölln
An Neuköllns Schulen lernen gegenwärtig 380 Kinder ohne Deutschkenntnisse. Fast 200 von ihnen sind Roma-Kinder. An fünf Grundschulen und drei Oberschulen sind bislang 31 Willkommensklassen eingerichtet worden. Nach den Ferien werden weitere Klassen hinzukommen, zwei an der Hermann-Nohl-Grundschule und eine an der Otto-Hahn-Oberschule. Pro Klasse soll es Plätze für etwa zwölf Schüler geben.
Im Bezirk geht man davon aus, dass der Zustrom dieser Schüler anhält. Bildungsstadträtin Giffey hat deshalb für Dienstag eine Zusammenkunft aller Schulleiter ihres Bezirks geplant. Gemeinsam wollen sie beraten, wo weitere Willkommensklassen aufgemacht werden können. „Es wichtig, dass die Schulen vorbereitet sind“, sagt Giffey.
Auch in Tempelhof-Schöneberg gab es Gespräche zwischen Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) und den Schulleitern. „Wir wissen zwar nicht, wie viele Schüler ohne Deutschkenntnisse demnächst noch zu uns kommen werden, wollen aber so gut es geht darauf vorbereitet sein“, sagt Kaddatz. Zurzeit gebe es 322 dieser Schüler. Sie seien auf 31 Lerngruppen an Grund-, Sekundarschulen und Gymnasien aufgeteilt. Nach den Winterferien würden zwei Gruppen in Lichtenrade hinzukommen.
Kinder in Projekte einbinden
In Reinickendorf werden in den kommenden Monaten sogar weitere zehn Lerngruppen für Schüler ohne Deutschkenntnisse benötigt. Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU): „Nach den Winterferien werden wir zunächst sechs Gruppen aufmachen, etwas später dann vier weitere.“ Gegenwärtig gebe es in ihrem Bezirk 27 Willkommensklassen, 14 im Grundschulbereich, weitere 13 im Oberschulbereich.
Die Schulleiterin der Hermann-Nohl-Schule, Ilona Bernsdorf, hat sich freiwillig gemeldet, als es darum ging, Schüler ohne Deutschkenntnisse aufzunehmen. Und sie hat dafür gesorgt, dass die Kinder nicht auf andere Schulen verteilt werden, wenn sie ausreichende Sprachkenntnisse erworben haben und von den Lerngruppen in Regelklassen wechseln können. „Alles andere wäre unverantwortlich“, sagt Bernsdorf. Die Kinder seien traumatisiert. Sie hätten schon alles verloren und dürften nun nicht auch noch ihre Würde verlieren. „In den Willkommensklassen knüpfen sie erste Freundschaften, lernen die ersten deutschen Wörter.“ Diese Entwicklung dürfe nicht abrupt beendet werden, wenn der Übergang in die Regelklassen anstehe.
An der Hermann-Nohl-Schule wollen sie von Anfang an darauf achten, dass sich die neuen Schüler zugehörig fühlen. In Sport, Kunst und Musik werden die Kinder deshalb schon bald mit den anderen gemeinsam lernen. Auch in das Zirkusprojekt der Schule sollen sie eingebunden werden. „Dort geht es vor allem darum, sich aufeinander verlassen zu können“, sagt die Schulleiterin. „Sprache ist da erst einmal zweitrangig.“


