An der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof ist am Freitag Hatun Sürücüs gedacht worden. Vor neun Jahren wurde die Berlinerin kurdisch-türkischer Herkunft hier, an einer Bushaltestelle in der Nähe ihrer Wohnung, mit drei Kopfschüssen ermordet. An ihrem Tod entzündete sich deutschlandweit eine Debatte über den umstrittenen Begriff der sogenannten „Ehrenmorde“ und die deutsche Integrationspolitik.

An Sürücüs Gedenkstein unweit des Tatortes versammelten sich am Freitagnachmittag mehr als 100 Menschen, darunter Vertreter verschiedener türkischer Verbände, Menschenrechtsorganisationen und Hilfsprogramme. Nach einem Grußwort von Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) nannte Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) Hatun Sürücü ein Vorbild für viele junge Frauen und Mädchen, die daran gehindert würden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Pflicht, diese Menschen nicht allein zu lassen. Anschließend wurde eine Gedenkminute abgehalten.

An der Veranstaltung nahmen auch Vertreter der Türkischen Gemeinde Deutschlands (TGD) und des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) teil, der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sowie Spielerinnen des Sportvereins Türkiyemspor, der am Sonntag zum zweiten Mal den Hatun-Sürücü-Fußballcup spielen wird.

Mit 16 Jahren verheiratet

Hatun Sürücü, deren Eltern in den Siebziger Jahren nach Berlin zogen, wuchs in einer als sehr religiös geltenden muslimischen Familie in Kreuzberg auf. Mit 16 Jahren wurde sie in Istanbul während des Sommerurlaubs mit ihrem Cousin Ismail verheiratet, von dem sie sich zwei Jahre später trennte. Schwanger kehrte sie allein nach Berlin zurück und fand hier zunächst in der elterlichen Wohnung Unterschlupf.

Kurz nach der Geburt ihres Sohnes Can im Mai 1999 soll es dort zu einem sexuellen Übergriff seitens ihres älteren Bruders Alpaslan gekommen sein. Hatun und Can zogen aus der elterlichen Wohnung aus. In einem Mutter-Kind-Heim in Lichterfelde fanden sie zunächst eine Bleibe. Hier holte sie ihren Hauptschulabschluss nach und begann eine Lehre zur Elektroinstallateurin.

Den Kontakt zu ihrer Familie hielt sie aufrecht, denn nach Angaben einer Betreuerin des Jugendaufbauwerkes Kreuzberg, die Hatun eine Wohnung in Tempelhof vermittelte, wünschte sich diese nichts sehnlicher, als von ihrer Familie akzeptiert zu werden. Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Ayhan aber, der in Abwesenheit des oft in die Türkei reisenden Vaters die Rolle des Familienoberhauptes übernahm, missbilligte den Lebenswandel der Schwester.

Jüngerer Bruder gestand die Tat

Nach Aussage seiner damaligen Freundin Melek A., die später im Prozess als Hauptzeugin fungierte, sprachen er und seine älteren Brüder Mutlu und Alpaslan häufiger über Mordpläne. Sie habe das aber nur für Gerede gehalten.

Am 7. Februar 2005, kurz vor ihrer Gesellenprüfung, wurde Hatun an der Bushaltestelle Oberlandgarten durch drei Kopfschüsse aus kurzer Distanz getötet. Augenzeugen wollen eine schmale, dunkel gekleidete Gestalt an ihrer Seite gesehen haben.

Ihr jüngerer Bruder Ayhan gestand später die Tat. Die Berliner Staatsanwaltschaft erhob im Juli 2005 Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes gegen Alpaslan, Mutlu und Ayhan Sürücü. Motiv: gekränkte Familienehre. Mutlu soll die Waffe besorgt, Alpaslan am Tatort „Schmiere gestanden“ haben.

Der jüngste Bruder Ayhan sagte aus, seine Schwester im Alleingang getötet zu haben, woraufhin er zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt wurde. Die beiden älteren Bruder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Prozessbeobachter gehen aber davon aus, dass die ganze Familie in den Mord involviert war und sehen Ayhan Sürücüs Aussage als Taktik, weil dieser noch unter das Jugendstrafrecht fiel.

Im August 2007 revidierte das Berliner Landgericht den Freispruch der beiden älteren Brüder. Diese hielten sich zu diesem Zeitpunkt aber bereits in der Türkei auf, deren Behörden eine Auslieferung ablehnten.

2008 stellte die Berliner Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Seit Juli 2013 aber ermitteln die türkischen Behörden offiziell gegen die beiden Tatverdächtigen. Hatuns Sohn Can lebt in einer Pflegefamilie.