Asylgesuch

Berlinale-Preisträger Mujic darf den Winter in Berlin bleiben

Der Gewinner des Silbernen Bären 2013 kämpft weiter darum, in Berlin bleiben zu können. Zwar wurde der Asylantrag von Nazif Mujic abgelehnt. Aus humanitären Gründen erhielt er aber eine „Winterduldung“.

Foto: Amin Akhtar

Das Wichtigste wurde auf der kleinen Pressekonferenz zuerst geklärt: Der Asylantrag von Nazif Mujic, der Gewinner des Silbernen Bären 2013, ist abgelehnt worden. Aber aufgrund der Intervention der Anwältin des bosnischen Roma sieht es so aus, als ob er trotzdem nicht abgeschoben wird – zumindest nicht in den kommenden Wochen.

Die Ausländerbehörde habe ihm aus humanitären Gründen eine sogenannte Winterduldung erteilt, sagte Berlinale-Programmleiter Thomas Haller am Freitag. „Wie es danach mit ihm weitergeht“, so Hailer, „kann ich noch nicht sagen.“

Die Anwältin des Bosniers habe eine entsprechende Petition eingereicht. Es blieb es unklar, ob die Härtefallkommission bei der Innenverwaltung oder der Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses angerufen wurde.

So ist bereits am zweiten Tag der Berlinale eines ihrer größten Probleme zumindest zum Teil gelöst.

Nazif Mujic sitzt in einem Raum im fünften Stock, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarzer Schlips, er schaut ernst und sagt, dass ihm die Eröffnungsparty sehr gut gefallen habe. Er werde die kommenden Tage nutzen und Kontakte knüpfen mit Regisseuren, Produzenten und anderen Schauspielern, und es ist so etwas wie Zuversicht auf seinem Gesicht zu entdecken. Auch: Hoffnung.

Aufstand in der Heimat

Damit fing der Ärger aber vor einem Jahr an, mit der Hoffnung. Auf der 63. Berlinale bekam er den Silbernen Bären als bester Schauspieler und auf der 64. Berlinale wollte er diesen Preis zunächst zurückgeben. Er habe ihm kein Glück gebracht, sagte er vor zwei Wochen. Er habe keine Rollenangebote bekommen und könnte nicht mehr in sein altes Leben in der Nähe von Tuzla zurück.

Ausgerechnet jenes Tuzla, wo am Donnerstag bei einem Aufstand gegen die bosnische Politik 130 Menschen verletzt wurden. Nazif Mujic hatte nicht von diesen aktuellen Ereignissen gehört, aber sie wundern ihn nicht. „Angesichts der Armut“, sagte er in Berlin, „sollte es eigentlich täglich zu solchen Aufständen kommen.“

Die Arbeitslosenquote in Bosnien-Herzegowina gilt als die höchste im ganzen Balkan-Gebiet: sie liegt bei 27,5 Prozent. Rund jeder fünfte Bosnier lebt unterhalb der Armutsgrenze. Ein durchschnittlicher Monatslohn liegt bei 420 Euro.

Nazif Mujic hatte zuletzt für seine fünfköpfige Familie rund 350 Euro verdient, als Müllmann. Nach einem Bandscheibenvorfall musste er den Beruf aufgeben, ebenso wie den des Schrottsammlers, als der er weltweit bekannt wurde. Denn er spielt die Hauptrolle in „Eine Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers“. Der Film wurde im Februar 2013 mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet und landete auf der Shortlist für den Auslands-Oscar in den USA. Im Rennen der letzten fünf nominierten Filme tauchte er dann allerdings nicht mehr auf.

Nazif Mujic sucht Unterstützer

Doch Nazif Mujic sieht sich nach wie vor als Schauspieler, der nur die richtige Unterstützung braucht. Er kam zur Berlinale, um diese noch einmal zu bekommen. „Wir haben uns für ihn eingesetzt“, sagt Thomas Hailer von der Berlinale, „so wie wir das für jeden anderen Gast des Festivals machen würden.“

So kam Mujic auf die Eröffnungsparty und konnte dort – meist unerkannt von Journalisten – mit Kollegen und Filmproduzenten sprechen. Die Berlinale organisierte sowohl Hotelzimmer als auch Dolmetscherin für die nächsten Tage.

Jetzt muss er etwas mit dieser zweiten Chance anfangen. Zunächst hilft ihm dabei das weltweite Interesse an seinem Fall. Wann ist es vorher schon einmal vorgekommen, dass ein Laiendarsteller Asyl in dem Land beantragt, dass ihm einen Preis für schauspielerische Leistung verleiht. Nazif Mujic will auf keinen Fall zurück nach Bosnien. „Vorher hänge ich mich lieber auf“, sagte er in Berlin, im fünften Stock vor Journalisten aus Frankreich, Italien, den USA.

Doch die wollten kritisch wissen, womit er seinen Asylantrag begründe. Verfolgt werde er in seinem Land schließlich nicht. Mujic kann mehrere Gründe nennen, die meisten haben mit Chancenlosigkeit und Diskriminierung von bosnischen Roma zu tun. Das werde gezeigt, in dem Film, mit dem er seinen Silbernen Bären gewann.

Der wird jetzt noch zweimal gezeigt, das erste Mal am kommenden Mittwoch im Vereinshaus „Südost“ in der Großbeerenstr. 88, 16 Uhr. Im Berlinale-Jargon heißt es: „Mit Anwesenheit der Hauptdarsteller.“