Ob Günter Grass ihn wohl auf der Straße bemerken würde? Der Literatur-Nobelpreisträger den Leser? Vielleicht erkennt er ihn an dem weißen, etwas störrischen Haar. Oder an dem Sakko mit der Weste darunter. Oder an dem Buch, über das er selbst im Gehen seinen Kopf hält. Seine Augen kleben förmlich an den Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Er liest vormittags in der Bank in der Warteschlange, mittags im Supermarkt, abends in der Kneipe am Tresen. Jede Sekunde, die nicht etwas Gedrucktes erhaschen kann, scheinen ihm sinnlos zu sein.

So habe ich ihn über Jahre hinweg in Friedenau beobachtet. Und mich gefragt, wer ist das, der in dieser schnelllebigen, auf Effektivität ausgerichteten Zeit, die Muße findet so konsequent zu lesen? Wer ist dieser Anti-Trendsetter, der manisch an die Wirkung des Wortes auf Papier zu glauben scheint?

Er heißt Hans Polatzek. Den Namen und auch seine Nummer erhalte ich über den Wirt eines Lokals, in dem er verkehrt. Wir verabreden uns vor einem kleinen Zeitungsladen am Südwestkorso. Er erzählt, dass er der Besitzerin dort ab und zu mittags helfe, Zeitungen zusammen zu packen. Dabei lese er ein bisschen von dem Geschehen in der Welt, die erste Seite der „Bild“-Zeitung, die FAZ, das eine oder andere Lokalblatt.

Ein Reich voller Bücher

Nicht weit davon liegt seine Wohnung, im vierten Stock eines gelben vierstöckigen Hauses. Es ist etwas eng im Treppenhaus. Eine Frau beklagt sich, dass wir sie nicht erst vorbei gelassen haben, wie es doch höflicher wäre. Oben angekommen zieht Polatzek die Straßenschuhe aus und schlüpft in Hausschuhe, dann schließt er die Tür auf. Es ist wie erwartet, ein Reich voller Bücher. Im Flur gleich am Eingang stehen fein geordnet die 349 Bände der „Anderen Bibliothek“. Vor fast 30 Jahren von dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger gegründet, ist es zu einer Reihe von Liebhabern geworden, die nicht auf die Bestsellerlisten schielen.

Unter Polatzeks Sammlung finden sich auch Sonderbände und Raritäten. Ob er sie alle gelesen hat? „Nein, natürlich nicht. Ich lese nur das, was mich interessiert.“ Bücher seien ja nicht dazu da, dass man sie von der ersten bis zur letzten Seite lese. „Das habe ich als kleiner Junge gemacht. Nach dem Motto: Es wird gegessen was auf den Tisch kommt, es darf nichts übrig bleiben.“ Und heute? „Stellen Sie sich vor, Sie lesen bis zur Mitte und erkennen, das bringt gar nichts. Dann ist doch die Zeit, die ich mich weiter quäle, verlorene Zeit. Und vor allem ein Buch weniger, das ich lesen könnte und das vielleicht wichtiger wäre.“

Polatzek spricht sehr klar, gewählt, betont die Wörter, als ob er vorlesen würde. Doch wenn man ihm eine Weile zuhört, kann man feststellen, dass sich in seine Aussprache manchmal etwas eigenartiges Melodisches schiebt. In seinen ersten 14 Lebensjahren sprach er ausschließlich polnisch. Er wurde 1944, ein Jahr vor Kriegsende, in Gleiwitz geboren. „Ich bin etwas, was es nicht geben dürfte. Ein Kind der Sünde.“ Polatzeks Vater war ein katholischer Priester, seine Mutter traute sich nicht, den Sohn zu sich zu nehmen. Eine Alleinerziehende galt in der religiös verbrämten Atmosphäre als „Teufelswerk“. Sie selbst verstärkt das ganze noch, will den Vater auf jeden Fall geheim halten. „Sie dachte, wenn es rauskommt, ist das Futter für die Feinde der Religion.“

Kindheit im Säuglingsheim

Sie gibt den Sohn weg. Die ersten drei Jahre verbringt er in einem christlichen Säuglingsheim unter Nonnen. Dann nimmt sich eine Pflegemutter seiner an. Sie selbst ist Witwe, ihren Mann verlor sie bei einem Grubenunglück. Sie hat eine 21-jährige Tochter. Und hier beginnt Hans Polatzeks Liebe zu den Büchern. Die neue Familie schaut höchstens mal ab und zu in die Bibel, ist ansonsten „ein bisschen bildungsfern“. Aber es gibt eine wunderbare Kammer, die voller Bücher ist. Woher sie kommen? Er hat keine Ahnung. Lesen lernt er in der Schule, innerhalb einer Woche. Die Bücher ziehen ihn magisch an. „Ich wusste, dass ich alle Antworten auf meine Fragen in ihnen finden konnte. Ich habe alles, was bedruckt war, gelesen. Ob ich es verstanden habe oder nicht.“

Klingt nach Sucht? „Ja, ein bisschen neurotisch bin ich schon, aber es gibt schlimmere Dinge.“

Er liest Karl May, die ersten fünf Bände. Dann Robinson Crusoe, die ungekürzte Fassung von 600 Seiten. Zweimal im Jahr kommt seine leibliche Mutter zu Besuch. Mit zwei Koffern. In einem war religiöse Erbauungsliteratur, im anderen Weltliteratur. Was er liest, kümmert niemanden. Ob es gut oder schlecht für ihn ist. Ein literarisch rechtsfreier Raum. Er habe schon frühzeitig Sachen gelesen, wo Erwachsene, wenn sie es gemerkt hätten, die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hätten. Aber: „Ich bin durchgeschlüpft.“

Polatzek führt weiter durch seine Friedenauer Wohnung. Überall Regale, überall Bücher. Klassische Romane, Sachbücher, Krimis, Folianten, Erstauflagen. Er hat sie nach Autoren alphabetisch geordnet, was aber auf Dauer nicht funktioniert. Kommt ein neuer Hölderlin dazu, ist erst mal keine Lücke, etwas anderes muss verschoben werden. Deshalb liegt er quer, muss warten bis der Besitzer wieder Platz schafft. Was nicht oft passiert, denn eine ganze Reihe von Büchern liegen quer.

Die Frau kämpft um bücherfreie Zonen

Die Wohnung ist geräumig, nicht an jedem Ort liegt ein Buch. Was an Polatzeks Frau, einer Familientherapeutin, liegt, die mühsam um bücherfreie Zonen kämpft. „Sie möchte nicht, dass alles vollgepfropft ist. Wenn es nach mir ginge, würde ich alle Wände von oben bis unten mit Büchern und CDs zutapezieren. Erstens sieht das schön aus, zweitens ist es wohnlich und drittens: man ist in bester Gesellschaft.“

An den regalfreien Wänden hängen Faksimiles. Eines zeigt die 17. Seite der Gutenberg-Bibel. An der Seite ist der Anfang der Genesis gemalt. „Das habe ich in einem Antiquariat gefunden und meiner Frau zu Weihnachten geschenkt.“

Der Klassischen Musik gehört die zweite Leidenschaft Polatzeks. Von „Così fan tutte“ seiner Lieblingsoper hat er 58 verschiedene Aufnahmen.

Im Alter von 14 Jahren wird Polatzek von seiner Pflegemutter adoptiert. Der Grund ist Berlin. Der Bruder der Mutter lebt dort, ein Antrag auf Familienzusammenführung war gestellt worden. 1958 zieht die Familie um. „Das war sozusagen meine geistige Befreiung.“

Deutsch hatte er schon einigermaßen gelernt. „Wir wohnten in Zehlendorf. Ich bin gleich in die Stadtbibliothek und las Karl May weiter. Irgendwo zwischen dem 50. und 55. Band habe ich aber aufgehört, da war er mir überdrüssig.“ War jetzt nicht der Zeitpunkt, etwas beruflich mit Büchern zu planen? Bibliothekar? Buchhändler? Literaturkritiker, wie sein berühmter Landsmann Marcel Reich-Ranicki? „Das hat sich nicht ergeben“, antwortet Polatzek lapidar.

Thomas Mann und Arno Schmidt

Strippenzieher lernt er stattdessen, so nennt er den Beruf des Elektroinstallateurs. Er arbeitet für eine Firma für Meß- und Regeltechnik, baut Klimasteuerungsanlagen. Aber das mit der Technik, meint er, habe ihm eigentlich keinen Spaß gemacht. Trotzdem: Der Chef hat gute Kontakte zum Senat. Polatzek lernt viele große Berliner Einrichtungen kennen. Er arbeitet beispielsweise tagsüber an der Deutschen Oper. Abends sitzt er dann im Publikum bei der Erstaufführung von Don Giovanni. Und er liest. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hat er das Gesamtwerk von Dostojewski durch, dann Tolstoi und Turgenjew. Nach den Russen kommen die Deutschen, die er sich „vorknüpft“: Thomas Mann und Arno Schmidt. Nicht ein Werk befriedigt ihn, er will alles lesen.

Anfang der 70-er Jahre beschließt er an der Abendschule sein Abitur zu machen. Und danach noch zu studieren. „Ich war schon in den dreißiger Jahren, ein alter Knacker. Eigentlich bin ich immer so ein bisschen ein Spätzünder.“ Er schafft den Abschluss, schreibt sich an der Freien Universität für Geografie und Geschichte ein. Das erste erweist sich nicht als das Wahre. Aber Geschichte packt ihn. „Ich habe gleich mein Thema gefunden: die Spätantike, der Niedergang der antiken Kultur.“

Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, muss er jobben. Am Messedamm gibt es ein Büro, das Studenten bei der Jobsuche hilft. Putzer, Babysitter – oder Aushilfsbeleuchter im Schillertheater. Dort springt Polatzek ein. Man ist mit ihm zufrieden, bietet ihm einen feste Stelle an. „ Ich dachte: Toll, du bist mitten dabei, du kannst Theaterstücke live erleben, du kannst das Stück lesen, du kannst die Proben sehen, was soll ich jetzt weiter rumstudieren? Du bist jetzt im Paradies, an der Quelle.“ Und dann die Schauspieler. „Ich dachte, mit denen kann man sich unterhalten, die sind gebildet. Und jeder gebildete Mensch erspart dir zwei bis drei Bücher.“ Das habe sich allerdings als Illusion erwiesen. „Viele Schauspieler sind nur oberflächlich gebildet und plappern nach, was ihnen der Regisseur oder Dramaturg erzählt. Es gibt aber auch rühmliche Ausnahmen.“

Die Stabi wollte ihn nicht

Nur einmal versucht er seinem wirklich Lebenstraum nahe zu kommen und unter Büchern zu arbeiten. Mitte der siebziger Jahre bewirbt er sich an der Staatsbibliothek. Der Personalchef empfängt ihn und redet nicht lange herum: „Wissen Sie, Herr Polatzek, ich werde mal offen zu Ihnen sein. Es bewerben sich auch andere Leute, die haben ein fertiges Studium. Und Sie sind mittendrin. Also, nehme ich einen Studienabbrecher, müsste ich das begründen. Den Stress will ich mir nicht machen. Tut mir leid.“

18 Jahre lang bleibt Polatzek beim Schillertheater. Er liest alle Stücke, die dort aufgeführt werden, ist bei den Proben dabei, auch wenn es nicht zu seiner Arbeit gehört. Ein gewissenhafter, leidenschaftlicher Mitarbeiter des Theaterbetriebes. Fast jeden Tag, bevor er das Theater betritt, schaut er noch in der Knesebeckstraße 11 vorbei, ein kleiner Buchladen, überwiegend Belletristik und Geisteswissenschaften. Bis heute ist er dort Kunde. „Ich kann anrufen und sagen: ein Buch interessiert mich, ich weiß nur nicht, ob ich es brauche. Ich will es aber mal in die Hand nehmen.“

1993 wird das Schillertheater geschlossen. Polatzek könnte einen neuen Job vermittelt bekommen. Im Botanischen Garten. In einem Schloss. Doch er erfährt, dass in der Amerika-Gedenkbibliothek eine Stelle frei ist und bewirbt sich. Diesmal wird er genommen. Zur Probe. Sein Gehalt wird ein halbes Jahr noch aus einem anderen Topf bezahlt. Nach zweieinhalb Jahren wird aus dem unqualifizierten ein qualifizierter Bibliotheksangestellter.

Suche nach Wissen, Gedanken und Ideen

Nun geht er auf die 70 zu. Er ist Rentner. Er sucht weiter nach geistigen Herausforderungen. An der FU studiert er Kunstgeschichte und Religionswissenschaften. Er liest unermüdlich, manchmal ein Dutzend Bücher parallel. Es ist bei Weitem nicht die leichte Kost, die er sich aussucht. Vor einigen Jahren war er auf der Nordseeinsel Amrum zur Kur. Sechs Wochen. „Da habe ich mir Goethes Faust noch einmal vorgeknöpft. Die schöne Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag, den Faust so wie ihn Goethe haben wollte, ohne Verschlimmbesserungen, ohne Korrekturen. Dazu habe ich sechs Kommentare mitgenommen. In den sechs Wochen habe ich den ganzen Faust durchgeackert, alle 12.000 Verse und die Kommentare. Dann habe ich mir gesagt: Gut, jetzt kennst du den Faust.“

Seine Frau mäkelt im Urlaub: „Hans, du liest ja nur, dann hättest du ja auch zu Hause bleiben können.“ Aber warum Gewohnheiten ändern?

Auch der Sohn, der gerade ein Betriebswirtschaftsstudium beendet hat, teilt die Leidenschaft des Vaters für Bücher nicht so sehr. Obwohl Polatzek ihn als Kind ins Theater mitnahm und von Werken von Shakespeare und Alexandre Dumas erzählte.

Apropos Weltliteratur. Vor ein paar Jahren begann Polatzek Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ zu lesen. Es gefiel ihm. Kurz bevor er mit seiner Frau in den Urlaub nach Kreta reiste, hatte er noch 20 Seiten zu lesen. Sollte er es deswegen mitnehmen? Unnötiger Ballast. Er entschied sich dagegen. Nach seiner Rückkehr könnte er es ja auch beenden. In den Urlaub nahm er zwei Neuübersetzungen mit. Einmal Stendhals „Rot und Schwarz“ und Gustave Flauberts „Madame Bovary“. Beide in Dünndruck, damit sie nicht viel Platz mitnehmen.

Als er zurückkehrte, habe er keinen Drang mehr verspürt, Kehlmanns Werk zu Ende zu lesen. Der Stil habe ihn nicht mehr gereizt. „Wer Flaubert gelesen hat, der braucht eine lange Zeit, einen Abstand, um etwas anderes zu lesen. Flaubert wirkt. Wenn man einmal auf einem Achttausender war, dann geht man nicht mehr auf die Wasserkuppe. Man muss sich erst wieder in die Gewöhnlichkeit des Daseins zurückfinden.“ Arroganz? „Ich will nicht über die Güte reden, sondern über meinen mir selbst erzogenen falschen Geschmack.“

Dostojewski neu entdecken

Er liest jetzt auch wieder Dostojewski in Neuübersetzung. Eine Entdeckung. „Gegenüber Tolstoi und Turgenjew erschienen mir Dostojewski immer als ein interessanter spannender, aufklärerischer Autor, der aber irgendwie stilistisch nicht das Goldene vom Ei ist. Alle reden gleich, ob es ein Säufer oder General, ein Polizeipräsident oder ein Student ist. Aber das lag an der Übersetzung. In der neuen Übersetzung sind die Personen durch die Sprache sozial unterscheidbar. Dadurch kriegt es einen ganz anderen Aspekt.“

So viele Worte. Polatzek nippt an seinem Becher, der mit stark gesüßtem Tee gefüllt ist. Er macht ihn sich jeden Morgen und trinkt ihn den Tag über. Wie viele Bücher er wohl gelesen haben mag? Eine lächerliche, banale Frage. Er will sie am liebsten mit einer Handbewegung wegschieben. Holt dann aber mit seinen Gedanken aus. „Wissen Sie, Arno Schmidt hat mal ein Gedankenexperiment gemacht: Wie viel Bücher kann man lesen? Mit 14 Jahren ist man ein bewusster Leser. Von da an liest man jeden Tag ein Buch. Wie viel sind das im Leben? Er kam auf 25 bis 30.000. Andererseits kommen jedes Jahr 80. bis 120.000 Neuerscheinungen in Deutschland heraus.“

Bücher, sagt er, sind das Archiv der Menschheit. „Wie Archäologen versuchen, den Ursprüngen unseres Seins auf die Schliche zu kommen, ist die Literatur dazu da, den Entwicklungen und auch den Verirrungen nachzuspüren.“

Er kann es auch banaler sagen: „Wissen Sie, in der heutigen Zeit, die Zeit mit Lesen zu verbringen, einfach nur zum Spaß, für das seelische Wohlbefinden – das ist ein Luxus.“ Es klingt so, als ob der Leser ein glücklicher Mensch wäre.