Es ist ein alles andere als stiller, besinnlicher Spaziergang. Nach gerade mal 50 Metern beginnt meine hektische Suche nach einem Blatt Papier und einem Stift in den Innentaschen des Wintermantels. Von den richtigen, wichtigen Schriftstellern hüllen sich viele am liebsten in Schweigen, andere verweisen darauf, dass ja alles in ihren Büchern steht.
Aus Terézia Mora sprudelt dagegen geradezu offenherzig alles heraus. Sie ist die amtierende Deutsche Buchpreisträgerin, die gern zu ihrem prämierten Roman „Das Ungeheuer“, ihrem vierten Buch mittlerweile, befragt wird. Sie hat viel zu sagen, sie geht auch mit wachen Augen durch die Welt und entdeckt tausend Details im Alltäglichen. Das leicht knittrige Papier ist schnell vollgeschrieben.
Einen bunten Baum in der Immanuelkirchstraße findet sie toll. Anwohner haben den Stamm und einige der unteren Äste in Schals gehüllt, eine warmherzige Geste. Irgendwann hat jemand eine lustige Schleife darum gebunden. Das findet sie jetzt albern. Unweit des Baums wohnt der Maler Sowieso in einer der noch unsanierten Wohnungen. Kaum zu glauben, dass es so etwas im Prenzlauer Berg noch gibt. Im Sommer sitze er, der Maler, immer an der Straße, erzählt sie im Vorbeigehen. D
Moras Berufswunsch stand schon in der Kindheit
Die Immanuelkirche an der Ecke Prenzlauer Allee, dort, wo unser Spaziergang beginnt, nennt ihre sechsjährige Tochter das Jesus-Christus-Schloss. Das erzählt sie voller Stolz, wie alle Mütter, die in ihren Kindern schlummernde Talente entdecken. Terézia Mora meint, sie hätte schon als Kind gewusst, dass sie Schriftstellerin werden wolle. Das war immer ihr Traum. Ja, sagt sie auf Nachfrage, sie sei heute glücklich. Ein bisschen zögerlich klingt es schon. Vielleicht dürfen Schriftsteller auch gar nicht rundum glücklich sein, wenn sie tiefschürfende, selbstquälerische Bücher hervorbringen wollen.
Nach ersten Überlegungen ist der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain unser Ziel. Dorthin geht sie auch immer, wenn sie während des Schreibens einmal nachdenken muss und frische Luft braucht. Dann begegne sie diesem und jenem Schriftsteller, Gespräche kommen aber irgendwie selten zustande. Wahrscheinlich gehört der Winskiez zu den deutschen Orten mit größter Schriftstellerdichte pro Quadratkilometer.
Was den Prenzlauer Berg betrifft, wird gern über die aufmüpfigen Schwaben und die übervollen Kinderspielplätze inklusive der ehrgeizigen Mütter gelästert. Die vielen einsamen Kreativen bleiben dagegen in den Straßen unbemerkt, jedenfalls, bis ihre Bücher plötzlich in den Buchhandlungen ausliegen. Vier bis fünf Jahre schreibt Terézia Mora an einem Buch.
Mora ist ein Künstlername
Um es vorwegzunehmen: An diesem Nachmittag bleibt der Märchenbrunnen unerreicht. Beim Einbiegen in die Winsstraße schüttelt Terézia Mora den Kopf und sagt so etwas wie „schön wärs“. Es geht aber nur um ein biografisches Detail. Sie wurde im Februar 1971 im Sopron geboren, einer altehrwürdigen ungarischen Stadt, die traditionell ein Tor in die westeuropäische Kultur darstellt. Dort sei sie nur im Krankenhaus geboren worden, sagt sie, aber aufgewachsen ist sie in einem 30 Kilometer entfernten Dorf. In der einzigen Ungarn-deutschen Familie dort.
Wie schwer die Zeit für die heranwachsende Außenseiterin gewesen sein muss, kann man in ihrem Erzählband „Seltsame Materie“ nachlesen. Sie beschreibt brutale, saufende, hartherzige Menschen. Für ihre Erzählung „Der Fall Ophelia“ bekam sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis. „Ich schwimme fünfzigmal quer“, lautet der erste Satz. Die Erzählung verweist bereits auf Fluchtträume, noch führen sie ins Innere.
Es gibt übrigens etwas, was Terézia Mora nicht nennen will: ihren Geburtsnamen. Mora ist ein Künstlername, den sie mit dem Verlag besprochen hat, weil sie nicht den Namen des Vaters und auch nicht den ihrer Schwiegermutter tragen wollte. Im bürgerlichen Leben führt sie natürlich den Nachnamen ihres deutschen Ehemanns, der am Briefkasten zusammen mit Mora steht und ein wenig spröde klingt.
Der Prenzlauer Berg wurde schnell zu ihrer neuen Heimat
In Machteburg hat sie ihren Mann kennengelernt. Sie spricht den Stadtnamen Magdeburg aus wie die Einheimischen. Dorthin kam sie 1988 zu einem Sommerhochschulkurs für Germanisten, er war ihr Betreuer. Sie wollte damals nicht nach Machteburg ziehen, sondern mit ihm, der heute ein IT-Spezialist ist, nur nach Berlin, um zu studieren. Die Mauer stand noch. Es sei eine tolle Zeit gewesen, weil sie sich mit ihrem Pass – sie ist nach wie vor ungarische Staatsbürgerin – frei hin- und herbewegen konnte. Der Prenzlauer Berg ist schnell ihre neue Heimat geworden. An der Humboldt-Universität studierte sie Hungarologie und Theaterwissenschaften, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie wird sie zur Drehbuchautorin ausgebildet. Das klingt alles so zielgerichtet.
Irgendwann haben wir den Leisepark, der gleich hinterm Friedhof liegt, erreicht. Es muss ein geheimer Treffpunkt für alle genervten Mütter sein, die es satt haben, die Kinderwagen über enge Bürgersteige zu schieben. Im Park gibt es ein paar gespenstische Gräber, etwas Spielgerät und Sitzmöglichkeiten. Es ist kahl zu dieser Jahreszeit. Terézia Mora hat den Ort fürs Foto vorgeschlagen, weil im Hintergrund der Fernsehturm zu sehen ist. Was immer ein beliebtes Fotomotiv ist. Sie selbst lehnt sich auf Anweisung brav gegen einen Baum, einmal mit Mütze, einmal ohne.
Es ist schwer zu sagen, ob sie eitel ist. Das Wichtigste in ihrem Leben sei das Schreiben, sagt sie beiläufig. Dann jongliert sie noch über einen Balken, auf dem sonst die Kinder toben. Ob man Sie mit irgendetwas aus dem Gleichgewicht bringen könne? Das wäre an sich der Zeitpunkt, an dem sie sagen müsste, das schreibe sie alles lieber in ihre Bücher. Sie lacht nur schelmisch.
Langer Weg bis zur deutschen Sprache
Seit 1998 ist sie freie Autorin, so steht es jedenfalls in ihrer Biografie. Wie schwer der Weg zur deutschsprachigen Autorin war, das lässt sich nur ahnen. Sie habe sieben Jahre gebraucht, um in der Sprache anzukommen, meint sie. Denn dass sie zweisprachig aufgewachsen ist, wie es immer heißt, stimmt so nicht ganz. In den ersten zwei Jahren habe ihre Mutter mit ihr nur Hochdeutsch gesprochen, woran sie sich aber nicht erinnern kann. Danach ist sie in ihrem sozialen Umfeld mit Ungarisch groß geworden.
Die Sache ist natürlich noch ein bisschen verwirrender, denn in ihrer Familie wurde Burgenländisch gesprochen, eine Mundart, die auf das Oberpfälzische zurückgeht. Wenn die Familie zusammen war, sprachen einige Mundart, sie antwortete auf Ungarisch. Das Hochdeutsche wäre nur ein Fremdkörper gewesen. Ihre ersten Schreibübungen hat sie auf Ungarisch gemacht, irgendwann ist sie ins Deutsche gewechselt. 1997 hat sie ihre erste Erzählung auf Deutsch geschrieben. So unkompliziert Terézia Mora wirkt, so kompliziert scheint vieles zu sein, was sie umgibt.
„Ich lese ja nie“
An der Ecke Winsstraße und Heinrich-Roller-Straße fällt die Entscheidung, den Märchenbrunnen gegen ein warmes Café zu tauschen. „Goldapfel“ heißt die Bar an der Ecke, die etwas besseres sein will als eine Eckkneipe. Jeweils sonntags kann man hier den „Tatort“ im Fernsehen sehen. Terézia Mora stürmt gleich nach hinten in die Lounge mit den Hinlümmel-Couches und studiert fröhlich die Cocktail-Karte. Nach einem etwas mühsamen Findungsprozess mit der Kellnerin steht schließlich ein Bananen-Shake auf dem flachen Tisch. Das Gespräch wird in halbschräger Lage weitergeführt. Es ist der richtige Zeitpunkt, der mehrfach preisgekrönten Schriftstellerin zu offenbaren, dass sie gerade von einem begeisterten Leser ihrer Bücher ausgefragt wird. Sie trägt es mit Fassung.
Dabei weiß man doch, dass jeder gute Schriftsteller darüber verzweifelt, ob es da draußen genügend Menschen gibt, die sich für ihre Wahrheiten, ihre Probleme, ihre Weltsichten interessieren. Und Geld für die Bücher ausgeben. Aber Terézia Mora zehrt als Schriftstellerin und Mutter von ganz anderen Erfahrungen im Prenzlauer Berg. Seit Jahren trifft sie auf den Straßen rund um den Kindergarten und jetzt der Schule mal diese oder jene Eltern. Da man sich vom Sehen her kennt, bleiben alle brav auf dem Gehweg stehen und fangen an, sich Fragen zu stellen. Etwa: Was machst Du denn so? Dann antworte sie natürlich immer: Ich schreibe ein Buch. Regelmäßig bekommt sie als Antwort: Na ja, ich lese ja nie.
Anfangs hat sie diese Reaktion irritiert. Mittlerweile hat sie das wohl an die Hundert Mal gehört. Erklären kann sie es sich nicht. Darin steckt ja eine merkwürdige Zurückweisung, ja sogar Geringschätzung des Schriftstellerberufes verborgen. Es wäre so, als ob ein Polizist gesagt bekäme, na ja, ich kenne keinen Verbrecher. Oder ein Bäcker, na ja, ich esse keine Vollkornbrötchen. Vielleicht gibt es immer noch eine versteckte Angst vor klugen, eigensinnigen Frauen in Deutschland. Als sie sich in Ungarn entschloss, irgendwann Schriftstellerin zu werden, daran kann sie sich noch gut erinnern, gab es ausschließlich Bücher von Männern zu lesen. Es war nicht eine einzige Schriftstellerin darunter. Es hat sie nicht vom Schreiben abgehalten.
Trilogie über einen IT-Spezialisten
Ihre Bücher leben auch von einer direkten, unverblümten Sprache. Das gehört mit zur Wahrheit. Schriftsteller, die nicht die Wahrheit sagen wollen, meint sie, gehören in die Hölle. Derzeit schreibt sie an der Trilogie über den ostdeutschen IT-Spezialisten Darius Kopp. Im ersten Band „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ löst er sich als Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke in den Ländern Mittel- und Osteuropas geradezu im globalen New-Economy-Gewebe auf und verliert obendrein seine aus Ungarn stammende Ehefrau Flora. Sie bringt sich um, und im zweiten Teil „Das Ungeheuer“ reist er durch Osteuropa, um die ihm fremde Frau – die letztlich am unverarbeiteten Missbrauch gescheitert ist – und sich selbst zu verstehen.
Steckt etwas Autobiografisches in der Geschichte von Darius und Flora? Sie beute sich selbst so aus wie alles andere, meint Terézia Mora. Ihr Mann ist Berater und zugleich der erste Leser. In ihrer Wohnung hat jeder sein Büro. Manchmal stürmt sie aus ihrem in sein Büro und fragt, was ist Deine Meinung als Mann oder als IT-Mensch oder als Ostdeutscher? Manchmal ist er amüsiert darüber, wie sie die Wirklichkeitsanteile anordne. Er kenne ja das Puzzle. Und wenn sie andere Leute als Quelle nutze, dann wird dieser Figur immer etwas von ihr selbst mitgegeben. Insofern sind alle Romanfiguren ihre Geschöpfe. Und keiner darf denunziert werden, betont sie. Das sei einer der Punkte, an dem Literatur gerechter sein kann als das Leben.
Spirale der Hilflosigkeit
Sie stehe auf Floras Seite, sagt Terézia Mora. Jede Frau auf dieser Welt wurde mindestens verbal sexuell belästigt, jede reagiert auf die Übergriffe unterschiedlich, viele mit Leid. Bei Flora zeige sie den Abdruck, was passiert ist. Es offenbart sich eine Spirale der Hilflosigkeit. Auch Darius hat sich an ihr versündigt, nicht nur durch sein Nichtverstehen, sondern durch seinen gewaltsamen Versuch, die für ihn unerreichbar gewordene Frau schwängern und abhängig machen zu wollen. Das werde normalerweise Frauen nachgesagt, dass sie die Männer durch Kinder gefangen nehmen. Sie hat das Prinzip umgekehrt.
Inzwischen ist es dunkel auf der Winsstraße, wir laufen hoch zur Marienburger, dorthin, wo die Winskiezler ihre Alltagseinkäufe machen. Sie weiß noch nicht, wie es weiter gehen wird, sagt sie. Was kann Darius Kopp noch widerfahren, was kann an ihm geprüft werden? Zuerst dachte sie, sein Tod wäre das logische Ende. Aber es gäbe lehrreichere Schlüsse. Sie spielt Varianten zwischen Leiden und Erlösung und einer Kapitalismuskritik durch und wischt sie gleich wieder beiseite. Sie werde jetzt jeden fragen, sagt sie lächelnd, wie es im dritten Teil weitergehen muss. Inzwischen wird sei einen Erzählband machen. Plötzlich stehen wir vor einem hell erleuchteten Laden. Die Verabschiedung ist kurz, und schnell ist sie in der Menge im Supermarkt verschwunden.

![Die ungarische Schriftstellerin Terezia Mora am Mittwoch (24.02.2010) in Stuttgart. Mora erhält den mit 15 000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung, Deutschlands bedeutendster Literaturpreis für deutschschreibende Autoren mit anderer Muttersprache. Der Preis wird am 4. März 2010 in München verliehen. Foto: Uwe Anspach dpa/lsw (zu dpa-Interview vom 28.02.2010) [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] Die ungarische Schriftstellerin Terezia Mora am Mittwoch (24.02.2010) in Stuttgart. Mora erhält den mit 15 000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung, Deutschlands bedeutendster Literaturpreis für deutschschreibende Autoren mit anderer Muttersprache. Der Preis wird am 4. März 2010 in München verliehen. Foto: Uwe Anspach dpa/lsw (zu dpa-Interview vom 28.02.2010) [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/120710050/120710050_1423603401_v16_9_1200.jpeg)

