In Berlin sollen in den nächsten Jahren wieder neue Schwimmbäder gebaut werden. Ohne eine Modernisierung der Bäderlandschaft sei es unabdingbar, entweder die zur Verfügung stehende Wasserfläche in der Stadt massiv zu senken oder aber den Zuschuss der Stadt von derzeit 50 Millionen Euro deutlich zu erhöhen. Diese Strategie für eine Bäderreform stellte der Vorstandsvorsitzende der Berliner Bäderbetriebe Ole Bested Hensing bei der Fraktionsklausur der SPD-Abgeordnetenhausfraktion in Braunschweig vor.
Die Vertreter der größten Regierungsfraktion im Berliner Parlament folgten diesem Kurs. „Wo der Neubau sinnvoll ist, findet er unsere Unterstützung“, heißt es in einer Resolution der SPD-Fraktion, die am Freitagabend verabschiedet wurde.
Dabei denken Hensing und auch die Sozialdemokraten daran, attraktive kombinierte Frei- und Hallenbäder zu errichten, im Ausgleich könnten einzelne veraltete Schwimmhallen geschlossen werden. Damit verbunden sind Investitionen von rund 100 Millionen Euro in den kommenden Jahren, sagte der sportpolitische Sprecher der Fraktion, Dennis Buchner, der mit dieser Summe auf die Rückendeckung der Fraktionsführung um den Vorsitzenden Raed Saleh bauen kann: „Ich unterstütze ausdrücklich die Idee von Kombibädern an einem Standort“, sagte Buchner.
Ein Kombibad für Mariendorf
Nachgedacht wird über solche ganzjährig zu nutzenden Bäder konkret für Lichtenberg, Charlottenburg, Pankow und Mariendorf. Ein Bad könnte im Tierpark Friedrichsfelde entstehen und auch den anerkannten Bedarf der Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf abdecken. Im Westen der Stadt könnte im Freibad Olympiastadion eine Schwimmhalle entstehen. Das Gleiche ist neben dem Freibad Pankow möglich. In Mariendorf könnte ein Kombibad die sanierungsbedürftigen vorhandenen Hallen ersetzen. Gleichzeitig bestehen die SPD-Politiker darauf, auch in der Fläche Schwimmhallen für das Schul- und Vereinsschwimmen sowie für ältere Menschen zu erhalten, sodass auch weiter laufende Zuschüsse nötig sein werden. „Ein ganz normales Bad mit Wasser drin ist nicht kostendeckend zu betreiben“, sagte Buchner. Die Zuschüsse für die Bäder seien deshalb vertretbar. Im Vergleich mit dem, was in der Kultur etwa für die Opern ausgegeben werde, sei das wenig, so der SPD-Sportpolitiker: „Die Bäder sind die Oper des kleinen Mannes.“ Im Einzelfall will sich die SPD aber einer Schließung nicht verweigern. „Bei vielen der 37 Hallen ist es teurer, die immer wieder zu sanieren, als sie zuzumachen und neu zu bauen“, sagte Buchner.
Kritik übten die Abgeordneten aber an der neuen Tarifstruktur der Berliner Bäder, die für Nutzer einzelner Bäder zu einer Verdoppelung der Eintrittspreise geführt hat. Es müsse einen Kurzzeittarif für regelmäßige Bahnenschwimmer geben, so die Forderung der SPD.
42 Prozent weniger Badegäste
Bäder-Chef Hensing, der früher die Brandenburger Freizeitanlage Tropical Islands leitete, hatte den SPD-Abgeordneten ein düsteres Bild der aktuellen Lage der Bäder gezeichnet. Die Zahl der Badegäste sank nach seinen Angaben seit dem Beginn des Jahrtausends um 42 Prozent. Die Einnahmen gingen seitdem um 17 Millionen Euro zurück. Die Erlöse aus den Eintrittsgeldern decken nur noch 20 Prozent der Kosten.
In München, Hamburg oder Bremen seien das 60 Prozent, sagte Hensing. Werde nicht mit einer grundlegenden Reform gegengesteuert, werde die Lücke im Haushalt der Bäderbetriebe jährlich um 2,5 Millionen Euro steigen, rechnete der Bäderchef vor. Bestehende Bäder zu sanieren helfe nicht aus dem Dilemma.
Zu Beginn des Bädersanierungsprogramms habe der Sanierungsstau bei 66Millionen Euro gelegen, heute betrage der Rückstand 85 Millionen Euro. Sanierte Bäder wie die Schwimmhalle Schöneberg führen deutlich größere Defizite ein als vorher.
Das warme Wasser dampft, eine dünne Schneeschicht bedeckt die Liegewiese. Hartgesottene Badegäste erklimmen die Treppe und gleiten auf der Wasserrutsche ins Vergnügen. Wer draußen genug hat, schwimmt durch die Schleuse zurück in die Schwimmhalle. Zum Aufwärmen gibt es den Whirlpool. So wie in der neuen Graft-Therme im niedersächsischen Delmenhorst bei Bremen sollen auch Gäste der Berliner Bäderbetriebe künftig sommers wie winters kombinierte Anlagen und verschiedene Becken nutzen können. Mit Kombibädern will der neue Bäderchef Ole Bested Hensing der angeschlagenen Anstalt öffentlichen Rechts den Weg in eine finanziell auskömmliche Zukunft ebnen. Denn die bestehenden 37 Schwimmhallen und 26 Frei- und Sommerbäder bringen der städtischen Gesellschaft ein wachsendes Defizit, trotz zuletzt angehobener Zuschüsse des Landes.
Die Kundschaft bleibt weg. Die Zahl der Badegäste sank nach seinen Angaben seit dem Beginn des Jahrtausends um 42 Prozent. Die Einnahmen gingen seitdem um 17 Millionen Euro zurück. Die Erlöse aus den Eintrittsgeldern decken nur noch 20 Prozent der Kosten.
In München, Hamburg oder Bremen seien das 60 Prozent, sagte Hensing. Werde nicht mit einer grundlegenden Reform gegengesteuert, werde die Lücke im Haushalt der Bäderbetriebe jährlich um 2,5 Millionen Euro steigen, rechnete der Bäderchef vor. Bestehende Bäder zu sanieren helfe nicht aus dem Dilemma.
Sanierungsrückstand bei 85 Millionen Euro
Zu Beginn des Bädersanierungsprogramms habe der Sanierungsstau bei 66Millionen Euro gelegen, heute betrage der Rückstand 85 Millionen Euro. Sanierte Bäder wie die Schwimmhalle Schöneberg führen deutlich größere Defizite ein als vorher.
Seit 2000 haben sich die Einnahmen fast halbiert auf nur noch etwas über 20 Millionen Euro im Jahr 2012. Das ist nur ein Fünftel des nach Einschätzung von Bäder-Experten möglichen Umsatzes auf dem Berliner Bädermarkt von rund 100 Millionen Euro. Auch die als zusätzliche Attraktion in den Schwimmhallen gedachten Sauna-Angebote ziehen nicht, die Einnahmen sanken in diesem Segment sogar um zwei Drittel.
Mit dem Segen der SPD-Fraktion und ihres Vorsitzenden Raed Saleh darf Hensing nun sein Konzept für eine Bäderreform weiter verfeinern. Wichtige Argumente dürften aus Sicht der SPD eine Umfrage des Sinus-Instituts für die Bäderbetriebe liefern. Denn die Bäder in ihrer derzeitigen, eher sportorientierten Gestalt, dienen vor allem der Ertüchtigung der besser verdienenden Mittel- und Oberschicht. Die besuchen deutlich häufiger die Schwimmhallen als Menschen aus sozial schwächeren Schichten. Wenn es um attraktive Kombi-Bäder mit unterschiedlichen Becken, Liegewiesen und Wellness-Oasen geht, würde sich die Nutzung in den bisher abgeschreckten Kreisen fast verdoppeln. Die Bäder sollten nicht, so die SPD, „defensiv“ mit einer „Minimierung der Kosten“, sondern „offensiv“ durch eine „Steigerung der Attraktivität und höheren Besucherzahlen“ entwickelt werden.
„Schließung der Kiez-Bäder mit uns nicht zu machen“
Im vergangenen Jahr hatte die SPD den Bäderchef noch zurückgepfiffen, als der frühere Leiter des Vergnügungsparks Tropical Islands ankündigte, im Tausch für fünf neue Kombi-Bäder 14 alte Schwimmhallen schließen zu wollen. „Eine Schließung der Kiez-Bäder in der Fläche ist mit uns nicht zu machen“, sagte am Freitag der SPD-Fraktionschef Saleh bei der Klausurtagung der Sozialdemokraten, noch ehe Hensing seine neuen Ideen vorgetragen hatte. Das ist kein Widerspruch, denn inzwischen hat der Däne sein Konzept modifiziert. So schlägt er vor, das Schulschwimmen, das Vereinstraining und spezielle Kurse in 13 Schwimmhallen zu konzentrieren. Hinzu kommen elf öffentlich zugängliche Bäder, 20 Freibäder und zehn attraktive Kombi-Bäder. Die zur Verfügung stehende Wasserfläche werde nicht sinken, aber das Personal sei an weniger Standorten effizienter einzusetzen. So sei es mittelfristig möglich, mit dem Zuschuss des Landes auszukommen. Bisher überweist Berlin den Bäderbetrieben 45 Millionen Euro für die laufenden Kosten und fünf Millionen Euro für Investitionen.
Hensing geht davon aus, die Kosten für attraktive Kombibäder, wie sie im Tierpark Friedrichsfelde, am Olympiastadion, in Mariendorf und in Pankow entstehen könnten, durch den Verkauf von aufgegebenen Standorten in der Nähe drücken zu können.
Senat hat seit 2007 schon 72 Millionen Euro investiert
In seiner Modellrechnung gibt er die Kosten für ein solches Projekt mit 16.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche mit 38 Millionen Euro an. Dagegen setzt der Bäderchef mögliche Erlöse aus dem Verkauf aufgegebener Grundstücke von 16,6 Millionen und die Ersparnis, wenn man die bestehenden Bäder nicht weiter sanieren muss. Das brächte noch einmal fast 16 Millionen Euro. Zu finanzieren wären dann nur noch 5,6 Millionen Euro. Im Gegenzug stellt Hensing in Aussicht, das neue Bad kostendeckend betreiben zu können, anstatt mit den in seinem Beispiel berechneten separaten Bäderstandorten mehr als zwei Millionen Defizit im Jahr zu erwirtschaften.
Dass die bisherige Strategie des Senats und der Bäderbetriebe die Schwimmbäder nicht attraktiver gemacht hat, gibt auch der SPD zu denken. Dabei hat der Senat seit 2007 in einem Sonderprogramm 72 Millionen Euro in die Bäder investiert. Die Leute sähen jedoch nicht, dass in ihrer Schwimmhalle etwas passiert sei, obwohl das Land Millionen in die technischen Anlagen gesteckt habe, sagen die Sportexperten der Fraktion. Die Halle in Schöneberg beispielsweise habe jetzt weniger Besucher als vor der Sanierung.
Eine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg gibt es aber auch in Kombibädern nicht. Die Delmenhorster Therme hat 23 Millionen Euro gekostet. Es kommen aber weniger Badegäste als erwartet, was der Stadt jedes Jahr ein Millionen-Defizit beschert.





